IDAHOBIT
Quo Vadis LGBTQ+ Repräsentation in der Politik?

Ein Interview mit Carline van Breugel (D66)
Carline van Breugel

© Carline van Breugel

Am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT), gedenken Menschen auf der ganzen Welt dem 17. Mai 1990. An diesem Tag wurde Homosexualität aus dem ICD-10-Diagnosecode der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen und gilt seitdem offiziell nicht mehr als Krankheit. Dennoch werden LGBTIQ+-Menschen in 69 Ländern immer noch strafrechtlich verfolgt, und in 11 Ländern droht ihnen sogar die Todesstrafe. Die Lebensrealität der LGBTQ+-Gemeinschaft weltweit reicht von Diskriminierung bis hin zur staatlichen Unterdrückung, die ihnen jeglichen Schutz vor Anfeindungen und Gewalt verwehrt. Europa bildet hier keine Ausnahme, wie die Entwicklungen in Mitgliedstaaten wie Polen und Ungarn in den letzten Jahren gezeigt haben. ILGA Europe's Rainbow Europe 2021 Map zeigt die weit verbreitete und nahezu vollständige Stagnation der Menschenrechte von LGBT+ Menschen.

Wir sprachen mit Carline van Breugel (27). Sie steht auf der Kandidatenliste der D66 für das niederländische Parlament und ist nur noch drei Sitze vom Einzug ins Parlament entfernt. Während ihrer Kampagne sprach sie über die Sicherheit von LGBTQ+ und die Vorurteile, mit denen die Gemeinschaft zu kämpfen hat. Als offen pansexuelle Frau mit einem Transgender-Partner sieht sie sich häufig mit Vorurteilen konfrontiert und möchte daher dazu beitragen, Tabus zu brechen und sexuelle Vielfalt zu normalisieren.

Wie würden Sie die Situation der LGBT+-Gemeinschaft in Europa heute einschätzen?

Ich denke, es gibt noch viel zu tun, um Europa zu einem sichereren Raum für die LGBTQ+-Gemeinschaft zu machen. Die Diskriminierung von Menschen aufgrund dessen, was sie sind oder wen sie lieben, ist laut dem Rainbow Europe Ranking in mehr als der Hälfte der europäischen Mitgliedstaaten ein alltägliches Problem. Die Tatsache, dass mein Freund (ein Transgender-Mann) und ich wählerisch sein müssen, wenn es darum geht, welche EU-Länder wir besuchen und welche nicht, zeigt, wie es um die Situation queerer Menschen in Europa steht.

Warum liegt Ihnen dieses Thema so sehr am Herzen und was sind Ihre Ziele?

Ich möchte das Bewusstsein für die LGBTQ+-Gemeinschaft und ihre vielen verschiedenen Ausprägungen erhöhen. Deshalb haben mein Freund und ich während meiner Kampagne für das niederländische Parlament sehr offen über unsere queere Beziehung gesprochen. Da wir wie ein heterosexuelles Paar aussehen, mussten wir das nicht, aber wir hatten das Bedürfnis zu zeigen, dass Menschen wie wir auch Teil des Spektrums sind. Als pansexuelle Frau werde ich häufig mit dem Stigma konfrontiert ist, ob man denn als pan-/bisexuelle Person "schwul genug" ist. Auch deshalb war es mir ein Bedürfnis, darauf aufmerksam zu machen.

Sollte ich in Zukunft ins niederländische Parlament einziehen, werde ich mein Bestes tun, um die Meinung der Gemeinschaft zu queeren Themen zu vertreten. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Niederlande zu einem Ort werden, an dem man kein "coming out" mehr braucht und wo es zum Alltag gehört, jemanden nach seinem Pronomen zu fragen. Danach würde ich diese Erfahrung gerne im europäischen Raum weitertragen.

Was sind die größten Herausforderungen für LGBTQ+ Menschen in der Politik?

Da Menschen aus der LGBTQ+ Gemeinschaft in der Politik unterrepräsentiert sind, wird unsere Stimme in den täglichen Debatten nicht gehört. Das beinhaltet Debatten über Multi-Elternschaft und Homo-Ehe, aber auch über Sicherheit im Allgemeinen, die (wie wir wissen) natürlich auch einen queeren Aspekt beinhalten. Wenn wir einen Platz am Tisch haben, können wir an allen Gesprächen teilhaben, die eine LGBTQ+-Dimension haben. Die Tatsache, dass es in vielen EU-Ländern nicht sicher ist, offen schwul zu sein, wird es jedoch schwierig machen, offen queere Vertreter zu finden.

An dieser Stelle kommen wichtige Projekte wie die Rainbowplatform ins Spiel. Sie helfen queeren Menschen in der Politik ihren Platz zu finden und mit der Diskriminierung umzugehen, der sie unweigerlich ausgesetzt sein werden. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit!

Was kann getan werden, um eine gleichberechtigte Vertretung von LGBT+ Menschen in der Politik zu erreichen?

In erster Linie müssen wir uns gegenseitig unterstützen und uns gegenseitig in unseren Ambitionen bestärken. Es ist nicht leicht, seinen Wunsch zu äußern, für ein Parlament zu kandidieren. Wenn ihr also von queeren Menschen darauf angesprochen werdet, motiviert sie! Außerdem sollten wir ihnen Trainings für Kampagnen und die Vermittlung einer Botschaft anbieten. Drittens denke ich, dass wir die (Online-)Diskriminierung von queeren Parlamentsmitgliedern kontinuierlich auf die Tagesordnung setzen müssen. Wir können außerdem die Partei, die wir wählen, zur Rechenschaft ziehen, damit sie queere Kandidaten in ihre Wahlliste aufnimmt, und natürlich können wir queere Kandidaten fördern und für sie stimmen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, von guten Beispielen zu lernen. Laut dem Raibow Europe Ranking ist Malta das LGBTQ+ freundlichste Land in Europa. Ich würde gerne dorthin reisen und mit der queeren Community sprechen, um herauszufinden, was sie anders machen und was wir alle von ihnen lernen können.

 

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