Liberalismus
Wahre Werte, wirre Werte?

Manche Versuche, die Freiheit neu zu definieren, führen auf Abwege. So auch Maja Göpels Aufruf zum Liberalismus 2.0.
Paqué

©  Thomas Imo/photothek.net

Die offene Debatte ist die Lebensader der offenen Gesellschaft. Deswegen führen wir Liberale sie so gern – je kontroverser und leidenschaftlicher, umso besser. Dies gilt vor allem auch für unsere Grundwerte: Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft.

In dieser Hinsicht hat Maja Göpel gerade in einem Interview mit ihrem „Aufruf zum Liberalismus 2.0“ in unserem Debattenmagazin von sich reden gemacht. Der Beitrag wurde in den sozialen Medien munter diskutiert. Ihr Gesprächspartner Ludwig Theodor Heuss fragte u.a.: „Aber wie bringen wir die Menschen dazu, dass sie gemeinwohlverträglich wirtschaften?“. Maja Göpel hatte dies gefordert. Ihre vollständige Antwort, wörtlich zitiert:

„Dafür müssen wir zunächst überhaupt erst einmal zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit unterscheiden. Es gibt Produktion, und es gibt Finanzierung und Handel. Mehrwert entsteht nur in der Produktion. Doch nicht dort gibt es heute die hohen Vergütungen. Im schlimmsten Fall wird es dadurch für die produktiv Tätigen sehr schwer, Qualität zu generieren und langfristig orientiert zu wirtschaften. So aber läuft uns die Marktwirtschaft aus dem Ruder.“

Nimmt man diese Aussage wörtlich, dann liefert sie eine grobe Missachtung der Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaft. Und zwar auf der fundamentalsten denkbaren Ebene: der Theorie der Werte. Dass Finanzierung und Handel keinen „wahren Wert“ schöpfen, ist ein Vorurteil aus den Zeiten der Physiokraten des 18. Jahrhunderts, die nur der Landwirtschaft das Prädikat „Wertschöpfung“ zuordneten; und der Marxisten des 19. und 20. Jahrhunderts, die eine Arbeitswertlehre vertraten, die nicht nur als widerlegt gilt, weil sie subjektive Wertschätzungen ausklammert, sondern auch in der praktischen Umsetzung des real existierenden Sozialismus im 20. Jahrhundert Verheerendes anrichtete, indem sie den gesamten „Ostblock“ zu einer Finanzierungs-, Handels- und Dienstleistungswüste verkommen ließ, in der die Ressourcen zwangsumgelenkt wurden – in Richtung „materieller“ Waren anstatt „immaterieller“ Dienste.

Und in der Tat: Maja Göpels Ausführungen provozierten harte Gegenreaktionen auf Twitter. Darauf reagierte sie selbst zeitnah mit der Deutung ihrer Antwort. Sie distanzierte sich vom Wortlaut der eigenen Aussage, indem sie die Produktivität von Dienstleistungen einräumte, aber dabei eine andere Unterscheidung einführte, und zwar zwischen wertschöpfenden und wertabschöpfenden Tätigkeiten. Dies macht die Sache allerdings nicht besser. Denn dann stellt sich natürlich die Frage, welche Teile einer gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung nach welchen Kriterien als „schöpfend“ und welche lediglich als „abschöpfend“ zu gelten haben. Diese Unterscheidung führt ebenfalls in die Teufelsküche der Willkürlichkeit. Klassisches Beispiel dafür ist die Tätigkeit der Maklerin oder des Maklers. Sie oder er führt Angebot und Nachfrage zusammen und schafft damit laut volkswirtschaftlicher Theorie einen Wert (und lässt sich diesen natürlich vergüten). Schöpfung oder Abschöpfung? Wie sieht es bei Händlern aus? Auf dem Wochenmarkt? An der Börse? Im Groß- und Einzelhandel? Fragen über Fragen, aber kein Ansatz für eine Antwort.      

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Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass es Maja Göpel eigentlich um etwas anderes geht als darum, eine neue Theorie der Werte aufzustellen, was ja auch in der Tat ein allzu gewaltiger Anspruch wäre. Es liegt eher nahe zu vermuten, dass es ihr um die Nachhaltigkeit geht, d. h. darum, ob eine Tätigkeit auf längere Sicht einen positiven Beitrag zu dem erbringt, was man ökologisches, ökonomisches und soziales Kapital einer Gesellschaft nennen könnte; oder ob die Tätigkeit eben diesem Kapital schadet – und damit auch zulasten künftiger Generationen wirkt. Um diese Frage theoretisch zu beantworten, hält die Wirtschaftswissenschaft bewährte und eigentlich unkontroverse Konzepte bereit, nämlich die Theorien der Externalitäten und der öffentlichen Güter, oder allgemein: Theorien des Marktversagens. Diese liefern auch eine feste Grundlage für die politische Debatte und lassen alle möglichen Kontroversen zu.

Und diese Kontroversen finden zu Recht angeregt statt. Die Grenzlinie verläuft dabei ziemlich oft zwischen „liberal“ und „grün“. Liberale wollen recht harte Evidenz für das Marktversagen, und wenn sie dieses akzeptieren, wollen sie Instrumente der Korrektur einsetzen, die nicht zu unnötigen Einschränkungen der individuellen Freiheit und Konsumwahl führen. Grüne sind da weniger zimperlich und greifen relativ schnell zu Geboten und Verboten. Dazwischen mag man wie künftig u. a. in der Ampelkoalition sehr wohl vernünftige Kompromisse finden, aber mit einem „Liberalismus 2.0“ hat dies nichts zu tun. Es geht um die Besiedlung des Niemandslandes zwischen zwei wichtigen Grundphilosophien, die aber – durchaus scharf getrennt – weiter bestehen. Und dabei übrigens, wie die letzte Bundestagswahl gezeigt hat, gerade junge Menschen zu etwa gleichen Teilen stark ansprechen.

Die Advokatinnen und Advokaten beider Positionen sollten weiterdiskutieren und auch kräftig streiten. Sie sollten sich auch gegenseitig einladen, ihre Positionen zu erklären und die andere Seite zu überzeugen. Nur so kann die Besiedlung des politisch fruchtbaren Niemandslandes gelingen und zukunftsweisende Politik entstehen. Mal sehen, ob Maja Göpels Beitrag in der Liberal dazu einen neuen Anstoß gibt.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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