Todestag
Mutiger Liberaler und Wegbereiter der neuen Ostpolitik – zum 60. Todestag von Wolfgang Döring

Wolfgang Döring

Wolfgang Döring

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Mit Wolfgang Döring verbinden sich bedeutsame Weichenstellungen des politischen Liberalismus in der frühen Bundesrepublik: Als Netzwerker und vorausschauender Realpolitiker prägte er die FDP in Nordrhein-Westfalen sowohl in der Gründungsphase als auch in der Mitte der 1950er-Jahre mit der Öffnung zur politischen Mitte. Einen großen Ruf als Verteidiger des Rechtsstaats erwarb er sich zudem in der „Spiegel-Affäre“ im Herbst 1962.

Über die Umstände seines Ablebens Mitte Januar 1963 wurde damals heftig spekuliert. Zuvor hatte sich Döring intensiv mit Geheimdienstfragen beschäftigt; der Tod ereilte ihn im Alter von nur 43 Jahren auf der nächtlichen Rückfahrt von Bonn zu seinem Wohnort Düsseldorf, ärztliche Versorgung war zunächst verweigert worden. Wenige Wochen zuvor hatte Döring – damals stellvertretender Bundes- und Fraktionsvorsitzender der FDP – in einer fulminanten Rede im Bundestagsplenum das unrechtmäßige Vorgehen von Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß in der „Spiegel-Affäre“ beklagt. Für den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein war dies einer der „großen Momente in der Geschichte des Parlaments“. Überhaupt nahm Döring auf das Agieren der FDP in diesem Konflikt um den rechtsstaatlich gesicherten Spielraum der freien Presse entscheidenden Einfluss. Der Rücktritt der FDP-Minister galt als folgerichtig, um Druck auf den Koalitionspartner und Bundeskanzler Adenauer auszuüben. Spätestens seitdem galt Döring als Mann für die Spitzenfunktionen in Partei und Fraktion.

Politische Karriere mit etlichen Höhen und Tiefen

Dabei endete mit seinem Tod eine politische Karriere mit etlichen Höhen und Tiefen: Der gebürtige Leipziger war als Berufsoffizier aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt und musste sich völlig neu orientieren. Nach dem Eintritt in die FDP wurden seine Managerqualitäten schnell entdeckt und erleichterten seinen Aufstieg zunächst im Apparat des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Bekannt wurde Döring als treibende Kraft der Düsseldorfer „Jungtürken“ um Willi Weyer, Walter Scheel und Hans Wolfgang Rubin, derjenigen in der FDP, die Mitte der 1950er-Jahre eine Hinwendung zur SPD und die Stärkung des rechtsstaatlichen Flügels der Partei befürworteten. Dies führte zum Sturz der Regierung von Karl Arnold (CDU) und damit kurzfristig zur Abspaltung des Ministerflügels, bedeutete aber langfristig die Öffnung der FDP zur politischen Mitte. Sie zielten auf die Stärkung des Liberalismus als einer eigenständigen politischen Kraft und wollten zudem den sozialen Kern liberaler Prinzipien zur Geltung bringen.

1956 initiierte Döring Gespräche zwischen den Liberalen in Ost und West. Mutig und ohne Rücksicht auf die damals geltende „Kontaktsperre“ in die „Ostzone“ reiste er in die DDR, um mit den Vertretern der LDPD die „offiziellen“ Treffen in Weimar und Garmisch auf den Weg zu bringen. Diese waren erste Schritte zur später von Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher betriebenen neuen Ostpolitik.

Grundstein für liberale Erfolge

Bei allem Mut und Tatkraft hatte er allerdings als Manager des Bundestagswahlkampfs von 1957 und der NRW-Landtagswahl 1958 weniger Fortune, zumal er gegen den Mehrheitstrend in der FDP eher einer sozial-liberalen Koalition zuneigte. Als Bundestagsabgeordneter gewann er jedoch ab 1957 in der Bonner Fraktion immer mehr an Einfluss und stieg 1961 zu deren stellvertretenden Vorsitzenden und ein Jahr später auch zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden auf.

Obwohl Wolfgang Döring kaum dem Bild des klassischen Liberalen entsprach und er sich mit der Art seines Auftretens in der FDP nicht nur Freunde gemacht hatte, war sein unerwartetes Ableben vor 60 Jahren ein schwerer Schlag für die Partei. Die Wertschätzung für den früh verstorbenen Döring hielt an und wuchs mit der Entstehung der sozial-liberalen Koalition in den 1970er-Jahren eher noch: Döring habe – so der spätere FDP-Generalsekretär und Mit-Akteur der „Freiburger Thesen“ Karl-Hermann Flach – mit seinem „notwendigen politischen Pragmatismus“ und seiner Bekräftigung des Liberalismus als „dritter politischer Kraft“, den Grundstein für die liberalen Erfolge der 1970er-Jahre gelegt.