Archiv des Liberalismus
Michael G. Festl: Handbuch Liberalismus

Handbuch Liberalismus

„Im liberalen Sinne heißt liberal nicht nur liberal“, das bekannte Wort von Loriot fällt einem unweigerlich ein, wenn man dieses umfangreiche und zugleich gewichtige „Handbuch Liberalismus“ durchblättert und liest. Michael G. Festl, Ständiger Dozent für Philosophie an der Universität St. Gallen, zeichnet als Herausgeber für ein bemerkenswertes Unternehmen verantwortlich, welches das Phänomen des Liberalismus auf knapp 600 Seiten in vielfacher Weise be- und durchleuchtet. Fast fünfzig ausgewiesene Experten einen kurzen Beitrag von rund acht Seiten Länge über bedeutende Personen und wichtige Themen schreiben zu lassen sowie 72 Texte redaktionell zu bearbeiten und zu bündeln, ist für einen alleinigen Herausgeber eine wahre Herkulesaufgabe. Festl hat sie beeindruckend bewältigt.

Bereits die kurze Einleitung unter dem Titel „Liberale Tränen“ (anknüpfend an ein Wort von Donald Trump) zeigt etwas von der munteren Art, in der auch viele Beiträge verfasst worden sind. So ist das „Handbuch“ in vielen Fällen weniger ein Nachschlagewerk als eher ein Lesebuch und bisweilen ist es auch ein Lesevergnügen. Die Einführung des Herausgebers enthält zutreffende Aussagen und schöne Sentenzen über das historische und politische Phänomen „Liberalismus“: „Sein Erfolgsgeheimnis ist die Wandelbarkeit.“ Er könne sich „stets neu erfinden“. „Wenn der Liberalismus sich immer nur anbiedern würde, dann könnte man nicht erklären, wieso es ihn überhaupt braucht“ (S. V). Er sei aber kein „Parasit der Ideengeschichte“, denn „seine Wandelbarkeit ist nicht Ausdruck von Opportunismus, sondern Ausdruck der Offenheit, die er propagiert“. Er poche auf sein Recht dazuzulernen, begehe Fehler und sei deshalb „die Philosophie der Selbstkorrektur“ (S. VI). Zu Recht betont der Herausgeber die zwei unterschiedlichen ideengeschichtlichen Wurzeln des kontinentaleuropäischen und anglo-amerikanischen Liberalismus, die in der verschiedenen Haltung zum Staat und zu einer Steuerung der Gesellschaft zum Ausdruck kommen. Die „zentrale Herausforderung für den Liberalismus unserer Tage“ sei die Globalisierung (S. VIII). Hier müsse liberale Politik auf die Bedrohung von Freiheit, Pluralismus und Toleranz reagieren und die radikale ökonomische Ungleichheit beenden.

Das „Handbuch Liberalismus“ ist kein Lexikon, keine Enzyklopädie und auch keine Gebrauchsanleitung. Es ist deshalb weder chronologisch noch alphabetisch, sondern sachthematisch in sieben Teile gegliedert, die mit Ausnahme des ersten (mit 21 Artikeln) zwischen sieben und zwölf Beiträge umfassen. Im ersten Abschnitt geht es um „klassische Vertreterinnen und Vertreter“, im zweiten um „Prinzipien und Werte“, im dritten Kapitel um die „Konkurrenten“ und im vierten um „Varianten“ des Liberalismus. Der fünfte Teil beschäftigt sich mit „historischen Ereignissen und Perioden“, der sechste mit Entwicklungen jenseits der westlichen Welt („Über den Westen hinaus“) und der siebte schließlich mit den „neuen Herausforderungen“.

Der Mitarbeiterkreis ist äußerst eindrucksvoll, hat allerdings eine deutliche Schlagseite hin zur Philosophie und zur Politikwissenschaft, was vermutlich der Profession des Herausgebers geschuldet ist. Historiker wie Tony Claydon, Michael Hochgeschwender, Oskar Mulej und Bernd Stöver sind als Autoren eher die Ausnahme. Es überwiegt der Ansatz von Philosophie, politischer Theorie und Ideengeschichte, weshalb Akteure liberaler Politik sowie politische Parteien und Organisationen nicht behandelt werden und auch am Rande kaum Erwähnung finden. Dennoch spielt die Geschichte des Liberalismus immer wieder eine bedeutende Rolle, so selbstverständlich im Abschnitt über die historischen Perioden, aber auch zum Beispiel bei dem Hamburger Politikwissenschaftler und Historiker Jens Hacke in seinen Artikeln zum „Nationalismus“ und zur „Zwischenkriegszeit“.

Der Liberalismus, das stellt der Band apodiktisch fest, sei ein Projekt des Westens. Hier sei er entstanden, dessen Denken und Politik habe er geprägt, aber zugleich habe er von dort auch den Rest der Welt beeinflusst. So kommen denn die 21 „Klassiker“, zu denen auch fünf Frauen zählen, fast ausschließlich aus den Kernländern England, Frankreich, USA und Deutschland. Aus dem Westen – mit einem Schwerpunkt in der Schweiz und Österreich – stammen im Übrigen auch die Autorinnen und Autoren. Hier hätte eine weniger eurozentrische Sicht „von außen“ ganz sicher einen interessanten alternativen Akzent setzen können. Die meisten Beiträge sind auf Deutsch geschrieben, einige ins Deutsche übersetzt; englischsprachige bilden die Ausnahme. Die behandelten Klassiker des Liberalismus reichen von John Locke bis Martha Nussbaum und decken damit alle Jahrhunderte recht gleichmäßig ab. Bei den „Prinzipien und Werten“ ist festzustellen, dass Partizipation und Emanzipation offenbar innerhalb anderer Stichworte wie „Frauenrechte“ abgehandelt werden, aber sich doch keineswegs darin erschöpfen und deshalb eigene Artikel verdient gehabt hätten. Bei den historischen Perioden überrascht vielleicht zunächst der Beitrag des Bonner Philosophen Simon Weber über die „griechischen Wurzeln“, doch macht dies durchaus Sinn, wenn man daran denkt, wie oft Althistoriker schließlich von der attischen Demokratie schreiben. Aristoteles und Platon ist demgegenüber kein eigener Artikel gewidmet.

Zwar zielt das Handbuch nicht auf Vollständigkeit, dennoch seien wenigstens einige Themen genannt, die der Rezensent vermisst hat: So gibt es im ersten Teil keine Artikel zu Max Weber oder Ralf Dahrendorf, im zweiten Abschnitt fehlen „Prinzipien“ wie Gewaltenteilung, Repräsentation, Verantwortung oder Eigentum, aber auch das Stichwort „Religion“. Bei den „Konkurrenten“ hätte man sich Ausführungen zur Demokratie (jedenfalls für das 19. Jahrhundert), aber auch zum Faschismus/Nationalsozialismus gewünscht; bei den „Varianten“ wäre aus aktueller Sicht ein Beitrag zum „feministischen Liberalismus“ in Frage gekommen; bei den „Ereignissen“ ist die Lücke der Revolutionen von 1848/49 erklärungsbedürftig, und bei den Herausforderungen geht es zwar ganz aktuell um das Thema „Pandemien“, aber die Finanzkrisen werden nicht behandelt. Dass ein Krieg in Europa neue Herausforderungen mit sich bringt, war beim Erscheinen des Bandes allerdings noch nicht absehbar.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr verdienstvolle Publikation, denn es gibt derzeit nichts Vergleichbares. Vielleicht in die Nähe kommt der Sammelband „The Cambridge Companion to Liberalism“, den der US-amerikanische Philosoph Steven Wall 2015 herausgegeben hat. Denn hier wird ähnlich wie in Festls Konzept „historical perspectives“, „normative foundations“, „topics and concepts“ sowie „challenges“ nachgegangen. In Deutschland dagegen muss man nach wie vor einen Mangel an Überblickswerken zum Liberalismus beklagen, wie dies auch Festl einleitend feststellt.[1]

Der Herausgeber Festl bekennt offen, dass ihm der Liberalismus „bis vor einigen Jahren […] ziemlich egal“ gewesen sei, weil er „politisch […] ganz gut ohne ihn zurechtgekommen“ sei (S. IX). Nun nimmt er ihn offenbar ernst und schätzt ihn bedeutend genug ein, um dieses Handbuch zusammenzustellen. Und er geht noch einen Schritt weiter, denn den Band durchzieht insgesamt ein tendenziell optimistisches Bild. Er schicke sich vielmehr an, teilt Festl mit, den Liberalismus „gegen die Gebildeten unter seinen Verächtern zu verteidigen“ (S. X). Angesichts der aktuellen Herausforderungen werde „der Liberalismus so schnell nicht arbeitslos“. „Ein Ende seiner Geschichte ist jedenfalls nicht in Sicht“ (S. IX). Deshalb ist es auch aus Sicht des Rezensenten zu begrüßen, wenn die historische, politikwissenschaftliche und philosophische Liberalismus-Forschung weiter belebt werden könnte. Dazu hält ein solcher Band viele Anregungen bereit.

[1] So auch konstatiert in Ewald Grothe, Jürgen Frölich und Wolther von Kieseritzky (Hrsg.): Liberalismus-Forschung nach 25 Jahren. Bilanz und Perspektiven, Baden-Baden 2016.