Martin Bangemann
Ein bekennender Europäer – Zum Tod von Martin Bangemann

Martin Bangemann

Der ehemalige FDP-Bundes- und Landesvorsitzende, Vizepräsident der EU-Kommission und Bundeswirtschaftsminister Dr. Martin Bangemann ist am Dienstag im Alter von 87 Jahren verstorben

© picture-alliance / dpa | Wulf Pfeiffer

In Wanzleben, einer Kleinstadt in der Magdeburger Börde, geboren, zog der Elfjährige mit seiner Familie Ende 1945 nach Ostfriesland um, wo Bangemann seine Jugend- und Schulzeit verlebte. Nach dem Abitur studierte er Rechtwissenschaften in Tübingen und München, wurde promoviert und praktizierte ab 1964 als Rechtsanwalt im württembergischen Metzingen. Bereits 1963 trat er der FDP bei. Er erlangte Bekanntheit, indem er einige Vertreter der Außerparlamentarischen Opposition vor Gericht vertrat. Bangemann zählte schon zum sozialliberalen Parteiflügel, bevor dieser unter Walter Scheel 1969 in der Regierung mehr Gewicht gewann. So war es dann auch konsequent, dass er neben Werner Maihofer 1970/71 der maßgebliche Mitverfasser des gesellschaftspolitischen Teils der „Freiburger Thesen“ wurde.

Hatte er sich bis dahin bereits in der Partei profiliert, so wies Martin Bangemanns Karriere nunmehr steil nach oben. 1974 wurde er auf Anregung von Hans-Dietrich Genscher zum Nachfolger von Karl-Hermann Flach als zweiter Generalsekretär der Bundespartei gewählt – ein Amt, das er allerdings nur rund ein Jahr innehatte. Stattdessen zog es ihn sowohl in die Region – er amtierte von 1974 bis 1978 als FDP-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg – als auch nach Europa, indem er dem Europäischen Parlament zwischen 1973 und 1984 angehörte und nach dessen erster Direktwahl 1979 zum Vorsitzenden der Liberalen und Demokratischen Fraktion gewählt wurde. Dem Deutschen Bundestag gehörte Martin Bangemann zwischen 1972 und 1980 und noch einmal von 1987 bis 1989 an.

Nach dem Rücktritt von Otto Graf Lambsdorff war er als Bundesminister für Wirtschaft zwischen 1984 und 1988 Mitglied der Bundesregierung. Hier zählte es zu seinen Hauptaufgaben, die außenpolitische Linie von Hans-Dietrich Genscher wirtschafts- und europapolitisch zu ergänzen. Und als ob dieses verantwortungsvolle Amt nicht genug gewesen wäre, übernahm er in einer für die Partei schwierigen Zeit von 1985 bis 1988 das Amt des Bundesvorsitzenden der Freien Demokraten. Mit seiner erfrischenden und unkonventionellen Art konnte er einige nach der „Wende“ von 1982 verlorene Wählergruppen zurückerobern und Wahlerfolge in den Ländern erzielen.

1988 begann mit dem Rückzug vom Parteivorsitz und aus dem Bundestag seine zweite europäische Phase. Seit 1989 bis zum geschlossenen Rücktritt der Europäischen Kommission 1999 gestaltete Bangemann als EU-Kommissar den europäischen Binnenmarkt samt der Integration der ehemaligen DDR, die Industriepolitik, die Informationsgesellschaft und setzte sich für die Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte ein. In der europäischen Politik fand Bangemann seine Mission und seine Erfüllung. So war es wiederum folgerichtig, dass er nach seiner Zeit als Mandatsträger und Europapolitiker zwischen 1990 und 1996 als Vorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung sich insbesondere für die Stärkung des Liberalismus in Mittel- und Osteuropa stark machte.

Martin Bangemann hat sich mit seinen zahlreichen Ämtern um die liberale Sache in vielfältiger Hinsicht verdient gemacht. Programmatisch hat er seine Handschrift in den Freiburger Thesen hinterlassen, wirtschaftspolitisch ein Zeichen für Liberalisierung gesetzt und europapolitisch nachhaltige Wirkungen beim Aufbau des Binnenmarktes hinterlassen. Als bekennender Europäer war er schließlich seit langem im Westen Frankreichs zu Hause, wo er nun auch verstorben ist.