Todestag
40. Todestag von Rolf Schroers – ein unorthodoxer liberaler Intellektueller

Rolf Schroers
Rolf Schroers (r.) auf einer Veranstaltung in der Theodor-Heuss-Akademie mit Burkhard Hirsch (2.v.r.)

Er selbst hat einmal von einem „unordentlichen Leben“ gesprochen – dabei war es doch weniger unordentlich im engeren Sinne, sondern turbulent und ungewöhnlich in mehrfacher Hinsicht. Ungewöhnlich insofern, als dass das Milieu eines kritischen Literaten und Intellektuellen gemeinhin weniger bei den Liberalen als eher politisch links von ihnen vermutet wird. Und turbulent auch deshalb, weil nicht nur der Zeithintergrund seines Lebens von den tiefen Brüchen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert geprägt wurde, sondern weil Schroers selbst sich intensiv mit dieser historischen Vergangenheit und den „Lehren“ für die Gegenwart auseinandersetzte und dies gleich in mehreren Rollen: „als Merker, Meinungsmacher und Moralist“ (Faßbender/Hansen).

Im niederrheinischen Neuss 1919 geboren, wuchs Schroers in Münster, Hamm und Berlin auf und leistete nach dem Abitur 1937 seinen Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg. Bereits als Schüler verfügte er über eine „Giftschrankbibliothek“ mit Büchern verbotener Schriftsteller. „Nein, ich war kein Nazi“, bemerkte Schroers später und fügte hinzu: „Aber ich erkannte es damals als Mangel, Unzulänglichkeit“, nicht dazuzugehören. Als sich aus diesen Minderwertigkeitskomplexen ein Stolz des Einzelgängers entwickelt hatte, konnte sich Schroers in der Nachkriegszeit als Publizist und Schriftsteller positionieren. 1953 erschien mit dem Entwicklungsroman eines jungen Mannes in der Zeit des Nationalsozialismus sein erster und vielleicht wichtigster Roman „Jakob und die Sehnsucht“.

Über den literarischen Einzelgänger T. E. Lawrence hatte Schroers bereits 1949 eine biographische Studie veröffentlicht. Der britische Schriftsteller, Offizier, Agent und Archäologe („Lawrence von Arabien“), der 1935 jung verstorben war, blieb für ihn eine exemplarische Figur der „doppelten Autorschaft“ eines Biographen und Autobiographen; ähnlich verhielt es sich für ihn mit dem umstrittenen Schriftsteller Ernst Jünger. Schroers arbeitete selbst als freier Schriftsteller und Mitglied der Gruppe 47, jenem Kreis deutscher Autoren, die sich mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinandersetzten und oft politisch engagierten. Politisch war Schroers schon damals ein Grenzgänger – und er blieb es: „Für die Rechten zu links, für die Linken zu rechts“, wie er einmal schrieb.

Schroers arbeitete in den 1950er Jahren zwischenzeitig als Lektor des Verlags Kiepenheuer und Witsch in Köln. Ansonsten fand er neben der Schriftstellerei ein reiches Betätigungsfeld als Kolumnist. Er schrieb unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die „Frankfurter Hefte“, den „Merkur“, den „Vorwärts“ und für den „Monat“ Beiträge und Kommentare, die zumeist „aus gegebenem Anlaß“ erschienen und in denen er sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen befasste – unorthodox, nicht selten polemisch und häufig wider den modischen Zeitgeist. Ein kleines, aber treffendes Beispiel dafür ist sein Ausspruch: „Bonn ist nicht Weimar – schade!“ womit er auf die intellektuelle und kulturelle Blütezeit der 1920er Jahre verweisen wollte.

Es spricht für die Verantwortlichen in der Friedrich-Naumann-Stiftung, dass sie Schroers 1965 zum Chefredakteur der Zeitschrift „liberal“ und 1968 als Direktor der im Jahr zuvor eröffneten Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach beriefen. Schroers war 1967– wie so mancher andere Intellektuelle, der sozialliberal eingestellt war – der FDP beigetreten und trat 1972 und 1976 als Direktkandidat der Liberalen im Oberbergischen Kreis an. Zwar zog er nie in den Bundestag ein. Aber von 1974 bis 1981 leitete er den Bundesfachausschuss Kultur der FDP und übte Einfluss in der Partei aus. Er stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes, sondern er handle danach, lautete eines seiner Bonmots.

Das anspruchsvolle Seminarprogramm der Theodor-Heuss-Akademie, das Schroers entwickelte, betonte die politische Bildung und grenzte sich deutlich von einer politischen Schulung ab. Letztere diene der „parteilichen Solidarität“, erstere aber der Befähigung zur persönlichen und politischen Selbstbestimmung. Nicht nur die Programme der Akademie waren attraktiv, auch die Gäste waren dementsprechend renommiert. So gaben 1978 Jean Améry, Eugen Kogon und Albert Speer gleichzeitig ein Stelldichein auf dem heutigen „Zauberberg“. Schroers scheute keine strittigen Themen, ganz im Gegenteil: er suchte sie und ermunterte stets zur Kontroverse, gerade dort, wo er Harmonie für fehl am Platze hielt. Tagungen zu Hitler oder über Carl Schmitt haben geradezu legendären Charakter und sind bis heute Marksteine der Bildungsarbeit in Gummersbach. Seine intellektuelle Brillanz, seine literarischen Werke, seine publizistischen „Einsprüche“ und sein Engagement für die politische Bildungsarbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung in Gummersbach wurden 1979 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt.

Rolf Schroers starb, gezeichnet von langer Krankheit, mit nur 61 Jahren am 8. Mai 1981. Sein Werk und sein Wirken als Publizist und Politiker haben zahlreiche Zeitgenossen bewegt und betroffen. Vieles von dem, wofür er stand, hat die Zeiten überdauert: Nachdenken über Diktatur und Demokratie ist gerade auch heute – vierzig Jahre nach seinem Tod – ein wichtiges Vermächtnis des unorthodoxen Intellektuellen Rolf Schroers.

Dokumente aus dem Archiv

  • Dankschreiben zu seiner Einstellung von Rolf Schroers an den Vorstand der Friedrich-Naumann-Stiftung

  • Nachruf zum Tode von Rolf Schroers aus dem "liberal"-Magazin