Türkei
Gelungene Integration? Eine Mehrheit der syrischen Kriegsflüchtlinge hat in der Türkei eine neue Heimat gefunden

Grundschule Istanbul Flüchtlinge
Syrische Flüchtlingskinder beim Grundschulunterricht in Istanbul. © picture alliance / dpa | Gioia Forster

Positive Kommentare über die Türkei sind in diesen Zeiten eine Rarität in offiziellen Verlautbarungen der Europäischen Union. Aus dem Rahmen fällt die überschwängliche Bewertung der türkischen Migrations- und Asylpolitik im aktuellen Fortschrittsbericht der EU-Kommission zur Türkei: Ankara habe „herausragende Anstrengungen“ und beispiellose humanitäre Hilfe für mehr als 3, 6 Millionen registrierte Flüchtlinge geleistet, schreiben die Brüsseler Kommissare. Das Migrationsthema dominiert längst die Beziehungen Europas – und auch Deutschlands – zur Türkei. Erdogans Drohungen, er könne die Grenzen öffnen, so dass sich die Flüchtlingsbewegung aus 2015 wiederhole, lösen in westlichen Hauptstädten Angst und Schrecken aus.

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang eine umfassende demoskopische Erhebung über die Einstellung der syrischen Geflüchteten in der Türkei, die die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) in Auftrag gegeben hat. Der wissenschaftliche Leiter des mehrjährigen Projektes, Murat Erdogan von der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul, hat den 236-Seiten-Bericht jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die wichtigste Erkenntnis: Die große Mehrheit der syrischen Geflüchteten fühlt sich in der Türkei wohl, eine Mehrheit will „unter keine Umständen“ das Land verlassen. Gleichzeitig wachsen in der türkischen Bevölkerung die Vorbehalte gegen die Dauergäste, die längst zu einem Politikum geworden sind.

Gaben 2017 noch knapp 17 Prozent der Befragten an, sie würden „in keinem Fall“ nach Syrien zurückkehren, betrug dieser Anteil 2019 – dem Jahr der jüngsten Erhebung – 52 Prozent. Über die Jahre betrachtet ist die „Zufriedenheit“ der syrischen Flüchtlinge in der Türkei konstant gestiegen, konstatiert der in Deutschland ausgebildete Sozialwissenschaftler. Die Umfrage zeige, dass die syrischen Geflüchteten in der Türkei die Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Heimat aufgegeben haben, so Erdogan. „Sie haben sich ein neues Leben gebaut. Von nun an interessiert sie nicht, was in Syrien passiert“.

Im Gespräch mit dem Türkei-Bulletin attestiert Erdogan der Regierung in Ankara „die liberalste Flüchtlingspolitik der Welt“. Anders als in westlichen Ländern hätten syrische Geflüchtete in der Türkei – zumindest bis 2018 – weitreichende Freizügigkeit genossen. Zwar seien längst nicht alle in den Genuss von staatlichen Hilfsprogrammen gekommen. Gleichwohl habe eine sehr hohe Zahl ein Auskommen im Arbeitsleben gefunden. Die große Mehrheit der syrischen Flüchtlinge verdingt sich laut dem UHCR-Bericht im informellen Sektor, der – so der Hinweis der UN-Organisation - für 36 Prozent der Wertschöpfung in der Türkei verantwortlich ist.

Ein Faktor, der sich positiv auf das Verhältnis zwischen Mehrheitsbevölkerung und neuer Minderheit auswirke – die Syrer machen inzwischen immerhin über fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus – sei die soziale Mobilität des Ziellandes: „Die Türkei hat eine lange und intensive Geschichte der internen Migration, und diese bedingt eine sehr mobile soziale Dynamik“, heißt es im Vorwort des „Syrian Barometer“.

Der Begriff „Integration“ ist in der migrationspolitischen Diskussion umstritten. Darauf weist auch der Bericht ausführlich hin. Prof. Erdogan spricht im Zusammenhang der syrischen Flüchtlinge in der Türkei von „Parallelgesellschaften“: „Die syrischen Geflüchteten haben ihre eigenen sozialen Ghettos geschaffen. Im Grunde sind sie sich gar nicht darüber im Klaren, was die türkische Gesellschaft über sie denkt.“

Und das ist möglicherweise gut so. Denn weder sind die syrischen Geflüchteten in der Türkei besonders beliebt, noch gibt es einen offiziellen Integrations-Druck, der auf sie ausgeübt würde. Verschiedene Meinungsumfragen haben zu Tage gebracht, dass eine große Mehrheit der türkischen Bevölkerung die syrischen Geflüchteten lieber heute als morgen wieder gehen sehe.

Daran ändern auch die kulturellen und religiösen Ähnlichkeiten wenig. Im Jahre 2014 waren laut der Umfrage 70 Prozent der türkischen Befragten der Ansicht, dass Syrer und Türken „kulturell“ nicht identisch seien. Dieser Anteil habe sich inzwischen auf über 80 Prozent erhöht, sagt Erdogan. „Ich befürchte, der Graben wird in der Zukunft noch tiefer werden“.

Erdogan geht davon aus, dass die Flüchtlingsthematik in künftigen Wahlen eine entscheidende Rolle spielen wird. Das könnte sich durchaus negativ auch auf die Lage der rund vier Millionen Syrer in der Türkei auswirken.   

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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