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Kanada
Carney Canadians

Der Parteitag der Liberalen in Montréal war ein rauschendes Fest der Freiheit. Genau so muss man Trumps Imperialismus beantworten
Group Photo - Convention of the Liberal Party of Canada

Group Photo - Convention of the Liberal Party of Canada

© Martin Biesel

Vom 9. bis 11. April fand die nationale Party Convention der Liberal Party of Canada statt. Karl-Heinz Paqué, Präsident der Liberalen Internationale (LI), deren Gründungsmitglied die kanadischen Liberalen sind, war dabei – zusammen mit einer LI-Delegation sowie dem Leiter des Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit für Nordamerika in Washington D. C. Martin Biesel. Er führte auch intensive Gespräche mit Ministern der liberalen Regierung, so der Außenministerin Anita Anand, dem Finanzminister Francois-Philippe Champagne sowie dem Minister für digitale Innovation und Künstliche Intelligenz Evan Solomon. Ein politischer Austausch im Rahmen eines Empfangs der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit rundete das Programm ab.
 

Was für eine Wende! Es ist noch keine zwei Jahre her, da waren sich alle Beobachter ziemlich sicher, dass die kanadischen Liberalen nach zwei Legislaturperioden an der Regierung bei der nächsten Wahl im Frühjahr 2025 klar verlieren würden – gegen die Konservativen.

Es kam alles ganz anders: Der liberale Premierminister Justin Trudeau trat zurück, Mark Carney ersetzte ihn: ein Wechsel, der weithin als Wechsel von „lifestyle wokeness“ zu „economic soberness“ interpretiert wurde – mit Blick auch auf Carneys erfolgreiche Vergangenheit als nüchterner Zentralbanker. Im April 2025 gewann Carney die Wahl, zur absoluten Mehrheit reichte es allerdings nicht ganz, wohl aber zur erneuten liberalen Regierungsbildung. Carney hatte dabei einen geradezu perfekten Wahlhelfer: Donald Trump. Der nämlich bekämpfte und beschimpfte den nördlichen Nachbarn Kanada – mit der rüden Einführung von Zöllen bis hin zur abenteuerlichen Aufforderung, das Land solle zum 51. Staat der USA werden. Die Kanadier reagierten trotzig und wählten jenen Kandidaten, der nicht nur finanzpolitische Stabilität und Wirtschaftswachstum versprach, sondern auch in seinem souveränen Auftreten und seiner klugen Wortwahl den Patriotismus der Kanadier ansprach, und zwar mit demokratischer Würde: Mark Carney.   

Was folgte, waren zwölf überaus positive Monate für die Liberal Party of Canada. Die Zollpolitik Trumps sowie sein versuchter Griff nach Grönland erfuhren von Carney klare Absagen, ohne dass er dabei in diplomatische Aufregung verfiel. Der Höhepunkt dieser Strategie wurde seine Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026. Er plädierte dabei – selbstbewusst, treffend, rhetorisch brillant – für eine internationale Koalition der Willigen, bestehend vor allem aus Mittelmächten, deren Interesse in der Fortsetzung der regelbasierten Globalisierung liegt, vor allem durch Abschluss von Handelsverträgen und Investitionspartnerschaften, wenn nötig komplett an den USA vorbei.

Die Rede fand eine überragende globale Resonanz, auch in Deutschland. Die Botschaft der Reaktionen: Das ist genau die Strategie, die wir brauchen, um mit einem (rechtspopulistischen) Trump-Amerika mit imperialistischen Ansprüchen umzugehen; und sie kommt von jenem nördlichen Nachbarn der Vereinigten Staaten, der wirtschaftlich stärker mit den USA verflochten ist, als jedes andere Land der Welt. Mit einem Mal stand Kanada, ein Land von gerade mal 41 Millionen Einwohnern, als strategischer Schrittmacher an der Spitze der liberalen Welt. Und siehe da: Die Carney-Strategie wird auch schon umgesetzt. So haben Kanada, die Europäische Union und viele andere Länder die Bemühungen um bilaterale Abkommen massiv verstärkt und schon einige seit Trumps zweitem Amtsantritt abgeschlossen.

In Kanada selbst wirkte Carneys bisherige Amtszeit wie eine Injektion von liberaler Vitalität. Auf der Party Convention der Liberal Party of Canada fanden sich jüngst über 4.000 Liberale in Montréal zusammen und feierten das neue Selbstbewusstsein des Landes und seiner liberalen Partei. Eine ansteckende Zuversicht beherrschte den Parteitag von seinem Anfang bis Ende. Höhepunkt war dabei natürlich Carneys Rede, die gedanklich an seine Rede von Davos anknüpfte, aber sie mit einer selbstbewussten Botschaft für das Land selbst ergänzte. Eines seiner zentralen Ziele: Kanada muss zur wirtschaftlich dynamischsten Nation der G7 werden – durch kluge Reformen für mehr Wachstum und Innovationskraft sowie bessere Infrastruktur und Beschäftigungschancen für alle. Carneys Botschaft kam mehr als an: Der Saal stand Kopf und die Menschen jubelten. Inhaltlich ähnliche Botschaften kamen von den Ministerinnen und Ministern seines Kabinetts in Podiumsdiskussionen und persönlichen Gesprächen.

Fazit: Kanada zeigt uns, wie es geht. Die Liberalen haben dort ihre Krise überwunden. Sie sind zur Speerspitze einer patriotischen, aber freiheitlichen Erneuerung ihres Landes geworden, und zwar aus der demokratischen Mitte heraus – und nicht vom Links oder Rechts. Genau dies brauchen wir auch in Deutschland, auch wenn die konkreten politischen Umstände ganz anders sein mögen. Die deutschen Liberalen brauchen jenen Ruck nach vorn, den die kanadischen Liberalen gerade hinter sich haben. Auch die Kanadier hatten übrigens nicht viel Zeit dafür, aber sie haben es geschafft. Auch der FDP in Deutschland muss dies schnellstmöglich gelingen.