Libanon
Ein Land im kollektiven Trauma – der Libanon ein Jahr nach der Explosionskatastrophe

Beirut Explosion

Mehr als 200 Menschen starben bei der Explosion 2020, Tausende wurde verletzt.

© picture alliance / AA | Hussam Shbaro  

Noch heute vergeht in Beirut kaum ein Gespräch, in dem nicht die monströse Explosion im Hafen zur Sprache kommt.  Am 4. August jährt sich der Tag der Katastrophe, die mehr als 200 Todesopfer und mehr als 6000 Verletzte forderte und weite Teile Beiruts zerstörte. Das kollektive Trauma, das noch immer in der libanesischen Hauptstadt herrscht, ist auch deshalb nicht überwunden, weil es täglich neue Hiobsbotschaften gibt.

Für viele Menschen ist der Alltag ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Es herrscht Mangel an wichtigen Medikamenten, es stauen sich kilometerlange lange Warteschlangen vor den Tankstellen, ständig verliert die libanesische Währung an Wert. Seit dem vergangenen Jahr wird darüber spekuliert, wann das Land zusammenbricht. Dabei bricht ein Land nicht über Nacht zusammen, der Kollaps schreitet quälend langsam voran. Viele Dinge, die vor einem Jahr noch selbstverständlich waren, sind für die Bevölkerung heute zu einer Zumutung geworden. Die Abwertung des libanesischen Pfunds hat zum Beispiel dazu geführt, dass der Gegenwert des Gehalts eines einfachen Soldaten von umgerechnet 1000 USD im Monat auf ca. 70 USD gesunken ist. Damit lässt sich keine Familie ernähren und immer mehr Libanesen sind mittlerweile auf die Hilfe anderer angewiesen. Dabei gab es im Gegensatz zu anderen Ländern in der Region im Libanon traditionell eine gut ausgebildete Mittelschicht. Doch diese Mittelschicht verschwindet gerade. Viele Menschen haben jetzt nur noch die Wahl entweder im eigenen Land zu verarmen oder dem Zedernstaat den Rücken zu kehren. Der Libanon war zwar schon immer ein Auswanderungsland – denn das Geschäftsmodell des Landes war jahrelang auf Geldtransfers von gut ausgebildeten und erfolgreichen Auslandslibanesen ausgelegt. Aber das Ausmaß der Abwanderung hat seit der Explosion gerade bei der jungen Generation noch einmal deutlich zugenommen.

Dass vor allem die junge Generation geht ist besonders tragisch. Denn es sind vor allem junge, gut ausgebildete Menschen, die das Land braucht, um wieder auf die Füße zu kommen. Das zeigte sich gerade nach der Explosion, als es in erster Line die Jungen waren, die mit Eigeninitiative und unermüdlichen Einsatz den fehlenden Staat ersetzten und den Menschen vor Ort halfen. Der Wiederaufbau der zerstörten Viertel basiert ausschließlich auf privaten Initiativen, die von internationalen Organisationen unterstützt werden. In den einst lebendigen Stadtvierteln, die von der Explosion besonders hart getroffen wurden, kehrt das Leben nur langsam zurück. Von Normalität kann weiterhin nicht die Rede sein. Viele Bars und Restaurants stehen leer, immer mehr Geschäfte schließen. Am Abend versinkt Beirut in Dunkelheit, weil es kaum mehr Elektrizität gibt, und erinnert dann an „Gotham City“, die düstere Kulisse der Batman-Filme.

Der Libanon steht auch deshalb so schlecht dar, weil das Land seit gut einem Jahr keine handlungsfähige Regierung hat und die Verhandlungen mit der internationalen Gemeinschaft über Rettungskredite auf Eis liegen. Derzeit versucht der frühere Ministerpräsident Najib Miqati einen neuen Versuch. Miqati ist ein bekanntes Gesicht, er war bereits zwei Mal Regierungschef, gilt als gut vernetzt und ist zählt zu den reichsten Männern des Landes. Doch selbst wenn es ihm gelänge, die politische Blockade zu lösen, ist es fraglich, ob er auch die notwenigen Reformen umsetzten kann. Der aufgrund der Explosion zurückgetretene ehemalige unabhängige Abgeordnete, Michel Moawad, erwartet keine grundlegenden Veränderungen unter Miqati. Das politische System habe sich in den vergangenen Jahren als nicht reformierbar erwiesen und Wandel werde mit dem bekannten Personal schon gar nicht eintreten. Das sehen die Vertreter der Zivilgesellschaft ähnlich. Daher sollte auch Deutschland und die Europäische Union Vorsicht walten lassen und nicht wieder in die Falle tappen, mit gut gemeinten Finanztransfers ein System künstlich am Leben zu erhalten, welches darauf ausgelegt ist, sich selber zu bereichern.

Wie resistent das alte politische System ist, zeigt sich auch an den Ermittlungen zu den Hintergründen der Explosion. Zwar hatte die libanesische Regierung rasche Ermittlungen angekündigt, doch die Angehörigen der Opfer warten bis heute auf Ergebnisse. Der beauftragte Richter, Fadi Sawwan, wurde im Februar unter dubiosen Umständen abgesetzt, sein Nachfolger Bitar musste daraufhin wieder bei null anfangen und auch seine Bemühungen, die Geschehnisse aufzuarbeiten, werden von allen Seiten torpediert. Den Leiter der renommierten Samir-Kassir-Stiftung, Ayman Mhanna, wundert das nicht. Nach seiner Einschätzung würden Ermittlungen oder gar eine Verurteilung gegen nur ein Mitglied ehemaliger Regierungen das gesamte politische System ins Wanken bringen, und deshalb habe niemand Interesse daran, die Ermittlungen zum Erfolg zu führen. 

Doch es gibt auch Lichtblicke in dem gebeutelten Land. Bei den Wahlen für das Syndikat der Ingenieure hat die außerparlamentarische Opposition kürzlich einen wichtigen Sieg erzielt. Fast alle Sitze gingen an unabhängige Kandidaten aus Protestbewegung und Zivilgesellschaft. Zwar sind diese Wahlen aufgrund des komplizierten Wahlrechts nicht mit den Parlamentswahlen vergleichbar, dennoch war dies ein erster Achtungserfolg für diejenigen, die den Libanon erneuern wollen. Wenn es diesem Lager gelingen sollte, sich besser zu organisieren und ihre Forderungen in politische Macht zu überführen, kann dies immer noch der Startpunkt für positive Veränderungen sein. Und genau da könnte auch die internationale Gemeinschaft ansetzen. Es ist wichtig, darauf zu dringen, dass die geplante Parlamentswahl 2022 tatsächlich stattfindet, und dass sie fair und frei abgehalten wird. Denn wenn einige der progressiven Kräfte gut abschneiden, kann das den Menschen wieder ein bisschen Hoffnung zurückzugeben. Hoffnung, die in der aktuellen Lage so dringend notwendig wäre.

 

Der Artikel erschien am 4. August bei t-online und ist auch hier zu finden. 

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