Ukraine
Vier Jahre Krieg in der Ukraine - Der ukrainische Journalist Oleh Baturin über den Terror der russischen Besatzung
Oleh Baturin in Diskussion beim Cafe Kyiv am 23. Februar 2026
© Peter Cichon / FNFHeute jährt sich die russische Vollinvasion der Ukraine zum vierten Mal. Der Krieg hat unermessliches Leid über das Land gebracht - Millionen wurden vertrieben, gefoltert und getötet, Städte wurden zerstört. Im Gespräch mit Freiheit.org berichtet der ukrainische Journalist Oleh Baturin von seiner Zeit in russischer Gefangenschaft in Cherson - einer Stadt, die kurz nach der Invasion vom russischen Militär eingenommen und im November 2022 von der Ukraine befreit wurde. Seitdem wird sie von Russland mit anhaltendem Terror aus der Luft überzogen. Baturin spricht über seine Zeit in russischer Gefangenschaft - und darüber, warum Europa nicht wegsehen darf.
- Sie haben russische Haft persönlich erlebt. Wie haben sich Verhörmethoden, psychologischer Druck und Informationskontrolle konkret ausgewirkt – und was sagt das über das russische System politischer Repression und die Behandlung ukrainischer Gefangenen aus?
Am 24. Februar 2022 erwachten meine Familie und ich unter russischer Besatzung. Am 12. März 2022 nahmen mich russische Soldaten ohne Angabe von Gründen und ohne Anklage rechtswidrig in Gewahrsam. Die Russen versuchten ihre Gesichter nicht zu zeigen und nannten mir ihre Namen nicht.
Der erste Tag in Gefangenschaft war der schlimmste. Die Russen waren wütend, weil ich kein Mobiltelefon und keinen Reisepass bei mir hatte. Sie konnten meine Identität nicht schnell feststellen und hatten keinen Zugriff auf meine Kontakte und Korrespondenz. Dafür schlugen und verspotteten sie mich. Ich hatte den Eindruck, mitten in einem schrecklichen Film über den Terror der Nazis während des Zweiten Weltkriegs zu stecken – nur in solchen Filmen hatte ich etwas Ähnliches gesehen wie das, was die Russen jetzt taten.
Während meiner Gefangenschaft wurde ich von verschiedenen Vertretern der Besatzungsmacht „verhört“ – von lokalen Kollaborateuren, die es im Namen des russischen Staates taten, vom FSB (russ. Geheimdienst), von der Rosgwardija (russ. Nationalgarde), von Mitgliedern illegaler bewaffneter Formationen aus der besetzten Region Donezk, von Tschetschenen aus dem Umfeld Kadyrows und anderen. Ihre Fragen glichen einem grausamen Theater des Absurden: „Gibt es in Cherson Aktivisten aus Belarus?“ “Wann begann der ‚Große Vaterländische Krieg‘?“ “Warum wird in der Ukraine der ‚Tag des Sieges‘ im Zweiten Weltkrieg nicht gefeiert?“ „Wo leben die Mitarbeiter des SBU (ukr. Geheimdienst) in Cherson?“
Die Russen nahmen keinerlei Rücksicht darauf, dass ich in einer anderen Stadt lebe und gar keine Ahnung habe, wer wo in Cherson wohnt.
Auch Bürger aus den Niederlanden und aus Spanien, die weder Ukrainisch noch Russisch sprachen, waren zusammen mit mir in Gefangenschaft. Die Russen konnten sich nicht mit ihnen verständigen und verspotteten sie deshalb grausam. Allein die Tatsache, dass sie Ausländer waren, reichte den Russen als „Beweis“ dafür, dass der ältere Spanier und der Niederländer „Komplizen der Nazis“ seien. Der Spanier befindet sich seit fast vier Jahren in russischer Gefangenschaft.
Die Gefangenen der Russen haben keinen Zugang zu Informationen. Es ist ihnen verboten, mit ihren Familien zu kommunizieren oder Nachrichten zu lesen. Die Russen sagen ständig, dass die Ukraine bereits zerstört sei und kapituliert habe, dass niemand dich brauchen würde – weder deine Familie, noch die Freunde und Kollegen, noch dein Land, und sie zwingen die Gefangenen dazu, die Hymne der UdSSR sowie alte sowjetische Kriegslieder zu singen.
Später, aus Gesprächen mit anderen Gefangenen, erkannte ich ein bestimmtes System hinter dem Terrormechanismus der Russen im besetzten Gebiet: Zuerst wird gefoltert, verspottet und gebrochen, und erst viel später wird untersucht, ob die Person sich aus Besatzersicht etwas zuschulden kommen ließ und ob man ihr irgendwelche Vergehen anlasten kann, selbst wenn diese völlig erfunden sind und nur in der Fantasiewelt der Folterer existieren.
Der Journalist Oleh Baturin
© Oleh Baturin- In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich damit, wie Russland Desinformationen als Kriegswaffe einsetzt. Insbesondere wird die Arbeit von Journalisten in den von Russland besetzten Gebieten massiv eingeschränkt. Wie haben Sie vor Ort erlebt, das Informationen systematisch kontrolliert, manipuliert oder ersetzt wurden?
Als ich mich in der Besatzungszone befand, wurde mir klar, dass meine Karriere als Journalist beendet war. Es ist unmöglich, in einem von der Russischen Föderation kontrollierten Gebiet als Journalist zu arbeiten. Wenn man es dennoch versucht, muss man damit rechnen, jederzeit entführt, gefoltert, zu wahnsinnigen Haftstrafen „verurteilt“ oder getötet zu werden - nur weil man Journalist ist. All das habe ich am eigenen Leib erfahren.
Ich habe miterlebt, wie die Russen in meiner besetzten Stadt die Internetverbindung und die Ausstrahlung ukrainischer Fernsehsender unterbunden und durch russisches Fernsehen ersetzt haben. In der Folgezeit verschlimmerte sich die Situation nur noch, da die Russen begannen, die Satellitenschüsseln, mit denen man ukrainische oder ausländische Fernsehsender empfangen konnte, zwangsweise zu beschlagnahmen und verlangten, dass man nur solche installierte, die es einfach machen zu kontrollieren, was die Menschen sahen.
Das Verbot von Messengern, YouTube und anderen Plattformen in den besetzten Gebieten belegt, dass die Russen nicht nur kontrollieren wollen, was man heute sieht, sondern auch, was man morgen oder in einem Monat vielleicht sehen möchte. Selbst wenn es sich nur um einen harmlosen Podcast über Essen oder Kleidung handelt.
- Wenn Sie auf Deutschland und Europa blicken: Welche russischen Narrative erkennen Sie in den hiesigen Debatte wieder – und warum verfangen sie Ihrer Meinung hier?
Das am weitesten verbreitete Narrativ bleibt, dass es sich um „Putins Krieg“ in der Ukraine handelt und dass das russische Volk ebenso Opfer dieses Krieges sei wie die Ukrainer. Aber Wladimir Putin hat mich doch nicht entführt, nicht er hat mich verhört, nicht er hat mir die Rippen gebrochen, nicht er hat die Frau in der Zelle nebenan vergewaltigt, und auch nicht er hat den Kriegsgefangenen hinter der anderen Wand neben mir zu Tode geprügelt. Es waren die Russen.
Ein weiteres weit verbreitetes Narrativ ist das über die Größe der russischen Kultur. Gerade die russische Kultur ermöglicht es, dass es für die Russen zur Normalität geworden ist, jemanden zu vergewaltigen, zu töten, zu quälen und zu hassen, nur weil er Ukrainer oder Spanier ist. Eine Kultur kann nicht großartig sein, wenn Menschen unter ihrem Einfluss von Kindheit an dazu erzogen werden, andere Menschen pathologisch zu hassen. Denn dann verkörpert diese Kultur das Böse, und die Faszination für sie bedeutet eben Faszination für das Böse.
Leider erzielen solche Narrative in europäischen Ländern einen gewissen Erfolg, weil sie es „erlauben”, nicht tief über das Geschehen nachdenken zu müssen, über die Wurzeln für den Hass der Russen gegenüber anderen, und sie ermöglichen es, in der Komfortzone zu bleiben, indem sie auf sehr komplexe Fragen einfache „Antworten” geben.
- Deutschland versteht sich als Verteidiger von Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit. Was müsste Deutschland konkret tun, damit Menschen wie Sie – Journalistinnen und Journalisten in russischer Haft oder in besetzten Gebieten – sich nicht allein gelassen fühlen?
Nur Russland selbst kann alle von den Russen entführten und illegal gefangenen und „verurteilten” Menschen freilassen. Aber damit Russland dies so schnell wie möglich tut, muss ständig Druck ausgeübt werden. Denn trotz aller großspurigen Erklärungen fürchten die Russen die Sanktionen, und sie mögen es nicht besonders, ein Paria-Land auf der Weltkarte zu sein.
Länder, die sich selbst als zivilisiert betrachten, können nicht so tun, als wäre nichts geschehen, wenn sie mit Vertretern des Landes verhandeln, für das die Entführung und Vergewaltigung von Kindern normal ist, für das die Verfolgung von Journalisten, nur weil sie Journalisten sind, normal ist, für das Massenmorde an Zivilisten an Bushaltestellen, Bahnhöfen oder in einem Café ebenfalls als normal angesehen werden.
Die Russen reden ihren Gefangenen stets ein, dass sie niemand braucht, dass die ganze Welt sie vergessen hat. Wenn man in Deutschland oder in anderen Ländern weiterhin genau verfolgt, was in der Ukraine geschieht, was Russland dort tut, und man darüber schreibt oder spricht, eröffnet dies den Ukrainern die Chance, sich nicht ganz so einsam zu fühlen, als ob wir mit dem Feind, der uns vernichten will, alleine zurückgelassen werden würden.
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Peter Cichon, IJMD