Krieg in Europa
Für Kiew frieren?

Explosion Ukraine

© Gleb Garanich/REUTERS/dpa

Du magst am Krieg nicht interessiert sein“, soll Leon Trotzki gesagt haben, „aber der Krieg interessiert sich für dich.“ Dieses Wort umreißt seit Jahresbeginn die schreckenerregende Realität in Deutschland und im Westen insgesamt. Nach 77 Jahren Großmachtsfrieden, dem längsten der Staatengeschichte, ist das Unvorstellbare zurück.

Wladimir Putin greift nach einem Nachbarland und bricht sämtliche Tabus. Er droht mit Atomwaffen, macht Städte platt und bombardiert schutzlose Menschen. Daran ist der Westen nicht ganz unschuldig – nicht im Sinne von Tun, sondern von Unterlassen. 

2008 begann Putin die Landkarte umzuzeichnen, als er Georgien unterwarf und dem Land zwei Provinzen abnahm. Der Westen schimpfte, aber hielt still. Dann die Krim 2014 – angeblich, weil sie ewiger russischer Besitz gewesen sei. Tatsächlich hatte Katharina die Große die Halbinsel 1783 Russland einverleibt, 2014 geschah dies ein zweites Mal. Es folgten Sanktionen, die nicht bissen. 

Schließlich begann der lange Raubzug gegen die Ukraine. Der Südosten (Donbas) wurde abgeknipst und unter russische Kuratel gesteckt. Der Druck auf Kiew wuchs täglich, Putins Truppen stießen Richtung Ukraine vor. Der Westen, zumal Deutschland, hatte Carl von Clausewitz vergessen: Krieg ist die Fortsetzung der Politik unter Beimischung von Blei. Die wirtschaftlichen Strafmaßnahmen wurden etwas schärfer, das Blei blieb weg – vor allem als Rüstungshilfe für die unterlegenen Ukrainer.

Grund zum Schämen

Niemand, auch nicht Amerika, lieferte Waffen, geschweige denn, dass der Westen einen Abschreckungswall an der Ostgrenze der NATO hochzog. Es blieb bei ein paar Bataillonen, die nicht angriffsfähig waren, sondern nur einen „Stolperdraht“ abgeben sollten. Die „Friedensmacht Deutschland“ hat heute Grund zum Schämen. Ein probates, wiewohl durchsichtiges Argument: Waffen verlängern nur den Krieg; mithin, liebe Ukrainer, bitte stillhalten. Ein zweites: Wir haben den Russen im Zweiten Weltkrieg Schreckliches angetan; dafür tragen wir moralische Verantwortung. Richtig: Aber dieselbe Wehrmacht und SS hatten auf dem Weg nach Moskau auch unzählige Ukrainer auf dem Gewissen. Die Moral war selektiv, hatte aber einen realpolitischen Grund: Keinesfalls den Bären reizen! Die 5000 Helme gerieten zum bösen Witz, als die russischen Divisionen den Ring immer enger zogen.

Doch hängt an diesem Versagen eine größere Geschichte. Selbst wenn er wollte, wie sollte denn der Westen seine Politik mit Blei mischen? Die Bundeswehr ist nicht einmal fähig, das eigene Land zu verteidigen. Womit denn auch? Mit Panzern, die nicht fahren, Tornado-Bombern auf dem Weg zur Verschrottung, U-Booten, die in heimischen Reparaturdocks festsitzen? Seit 1994, als die letzten russischen Soldaten aus Mitteleuropa abzogen, hat Deutschland Jahr für Jahr die „Friedensdividende“ kassiert, die Armee verkommen lassen, die „Kultur der Zurückhaltung“ als höchste Moral gefeiert.

Heute heißt es, Putin sei irgendwie „irrational“, „durchgedreht“. Er mag sich geirrt haben, sodass der Blitzkrieg gegen die Ukraine keiner war, sondern stecken blieb. Aber ein Fall für die Couch? Er hat jahrelang den Westen gewogen und für zu leicht befunden. Warum zweifeln wir an der Psyche eines Mannes, der sorgfältig geprüft und gemessen hatte, folglich glauben musste, dass die Chance für die Wiederherstellung des Sowjetimperiums glänzend war? Insbesondere war Deutschland, das Zünglein an der Waage des Kräftegleichgewichts, zu vernachlässigen.

Für diese Sicht sprach die strategische Abhängigkeit eines Landes, das 55 Prozent seines Gases und 45 Prozent des Öls aus Russland bezieht. Wer würde dort schon für Kiew frieren wollen? Putin hat sehr wohl gesehen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zuletzt an Nord-stream 2 festhielt. Derweil machte Ex-Kanzler Gerhard Schröder PR für Putin.

Kurzum: Wer agiert, der reüssiert. Oder: Gelegenheit macht Hiebe. Und die ukrainische Nation zahlt den mörderischen Preis. Wem das zu moralisierend klingt, der möge den realpolitischen Rahmen ins Auge fassen. Putin hat nicht nur ein schwaches Land, sondern auch eine scheinbar ewige europäische Friedensordnung attackiert. Er führt uns zurück in die Zukunft des 20. Jahrhunderts, als die Imperialismen – Japan, Nazi-Deutschland, Mussolinis Italien – ganze Kontinente mit unsäglicher Brutalität zu unterwerfen suchten. An die hundert Millionen Tote, zumeist Zivilisten, waren der Preis.

Wer kann, der kriegt

Nun will Putin eine verbriefte Einflusssphäre vom Kaspischen Meer bis zum Baltikum. Es lief nicht schlecht seit Georgien. Der Zwangsherrscher hatte den bescheidenen Widerstandswillen des Westens richtig eingeschätzt. Warum nicht mehr und mehr? Wer kann, der kriegt. Hier hat sich Putin geirrt, und das ist die beste Nachricht aus diesem grausamen Krieg.

Der amerikanische Diplomat George F. Kennan, Cheftheoretiker des Kalten Krieges, verglich vor 70 Jahren die Vereinigten Staaten (und man kann es generell auf die westlichen Demokratien übertragen) mit einem Dinosaurier von gigantischem Gewicht und winzigem Hirn. Der räkelt sich „wohlig in seinem prähistorischen Schlamm und kümmert sich kaum um seine Umgebung. Er lässt sich kaum reizen; man muss ihm praktisch den Schwanz abhacken, bevor er merkt, dass seine Interessen gefährdet sind. Hat er das aber kapiert, kennt seine Wut keine Grenzen mehr.“

Selbst die Schweiz zieht mit

Diese Sicht muss man heute insofern abmildern, als Amerika und die Demokratien nach der Invasion tatsächlich aufgesprungen sind, aber eben nicht blindwütig um sich schlagen. Jetzt beißen wahrlich schmerzhafte Sanktionen, welche die Pleite der Putin-Wirtschaft vorzeichnen. Selbst die ewig neutrale Schweiz macht mit – jenes Land, das sonst mit allen und jedem Geschäfte macht.

Jetzt fließen die Waffen – direkt oder indirekt: Kampfflugzeuge, Munition, Raketen gegen Panzer und Hubschrauber. Sogar die Deutschen liefern „Stinger“, diese handlichen Dinger, die in Afghanistan das Kriegsglück gegen die Sowjets gewendet haben. Alles graduell und bedacht, aber es fehlen bislang Langstreckengeschosse, die hoch fliegende Jets vom Himmel holen und Kriegsschiffe im Schwarzen Meer treffen. Derweil sterben Zivilisten und strömen die Flüchtlinge. Aber Putins Traum von Blitzkrieg ist ausgeträumt. Es entfaltet sich ein grauenhafter Kampf gegen Städte und wehrlose Zivilisten.

Mächtige Drohkulisse

Was seit der Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar abläuft, wäre im Januar noch wie ein Fantasiegespinst erschienen. Mittlerweile verstärken die Umfragen das Wunder. Laut Insa fürchten drei Viertel der Deutschen, Russland werde noch andere Länder angreifen. Die Hälfte befürwortet eine neue Wehrpflicht. Drei Fünftel wollen kein russisches Gas mehr. Und zwei Drittel glauben, das Land könne sich gegen Russland nicht verteidigen. Dank Putin besinnt sich die „Friedensmacht“. Wer hätte das zu Jahresbeginn gedacht? „Russlandversteher“ findet Putin nur noch bei der AfD und der Linken. Der Schock scheint fünfzig Jahre Ostpolitik auf den Kopf zu stellen. Auf der anderen Seite des Atlantiks hatten die Präsidenten Barack Obama und Donald Trump Truppen aus Europa abgezogen, Joe -Biden hingegen verstärkt sie jetzt.

Kann man Putin dafür tadeln, dass er seine Figuren auf dem Schachbrett der Macht seit Jahren vorschiebt, weil er kaum Widerstand gewärtigen musste? Er schien überzeugt zu sein: Der beste Krieg ist der, den man nicht ausfechten muss. Es reicht eine mächtige Drohkulisse, gepaart mit Unterwanderung, Hilfstruppen in der Südost-Ukraine und „hybrider“ Kriegführung. Es ist ökonomischer, die Früchte zu pflücken, als den Baum zu fällen. So lief es jedenfalls vor dem Einmarsch.

Doch Putin hat sich geirrt – wie alle Despoten der Geschichte von Bonaparte bis Hitler, denen ihre Anfangssiege das kühle Kalkül beiseiteschoben. Inzwischen hat der Westen kapiert, dass Entgegenkommen – „reden statt rüsten“ – den Appetit schärft. Was Deutschland seit Jahren verweigert hat, ist plötzlich Staatsräson: Anhebung des Wehretats auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Plus 100 Milliarden aus einem Extratopf.

Keine leichte Beute

Es stellt sich dennoch die Frage: Wann wendet sich Kennans Dinosaurier wieder seinem anheimelnden Pfuhl zu? Die Antwort: Dann, wenn Putin erkennt, dass er sein Land in den Abgrund führt – abgeschnitten von Handel, Investitionen und Technologie. Wenn Russland „gecancelt“ wird. Wenn er überreißt, dass die Ukraine mit internationalem Beistand keine leichte Beute ist, und er erkennt, dass er sie nicht wird verdauen können, wenn er sie mit eskalierender Gemeinheit verschluckt. Wenn er erst alle Städte niedergewalzt und Millionen Menschen ins Exil getrieben hat, muss er die verbliebene Bevölkerung ernähren und die Infrastruktur wiederaufbauen. Er muss für Wasser und Strom sorgen – mit Geldern, die seinem verarmenden Land fehlen. Der Sieger wird zum Aussätzigen.

Hat sich Putin verrechnet? Ein Tor, der mitten im Gemetzel den Ausgang vorhersagen will. Man weiß nur, wie ein Krieg beginnt, weil ihn der Westen nicht verhindern konnte. Man weiß nie, wie er aufhört – oder wie lange der Westen Paroli bietet. Jener Westen, der sich plötzlich auf Schiller besinnt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Die nächste Friedensbewegung wird wohl kommen – und das umso schneller, je länger Putins Vernichtungsdrang andauert.

Moralisches Prinzip

Real- und Moralpolitik zeigen im Westen in dieselbe Richtung, was sehr selten ist und heute die breite Koalition von halblinks bis halbrechts erklärt. Nunmehr ist Realismus auch ein moralisches Prinzip, das künftig fordert: Reden und Rüsten, Friedfertigkeit und Abschreckung. Denn: Wie die Natur verabscheut auch das Staatensystem das Vakuum. Dagegen hatte der Westen an das Ende der Geschichte geglaubt, jedenfalls in Europa, das sich 1914–45 fast selber umgebracht hätte. Den Preis des zerstobenen Traums zahlt die Ukraine, ob sie nun unter grässlichen Opfern ihre Unabhängigkeit bewahrt oder im Schlund des russischen Imperialismus verschwindet. Es bleibt eine schlichte Einsicht für das Danach: Die Feuerwehr muss frühzeitig mit vollen Tanks in Position gehen. Wenn das Gebäude lodert, bleiben nur noch rauchende Mauern – und Wut und Trauer.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Liberal Magazin,  das am 1. April erscheint. 

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