Türkei
Delle für Erdogan – Türkische Innenpolitik im Spiegel der Demoskopen

Erdogan
© picture alliance / AA | Mustafa Kamaci

Für Präsident Erdogan und seine Koalitionsregierung aus AKP und MHP sind die Beliebtheitswerte in den Umfragen rückläufig. Doch fällt zugleich auf, dass die Oppositionsparteien und ihr Führungspersonal nur eingeschränkt vom Erdogan-Schwund profitieren. Die Meinungsforscher sind sich sicher: Die rückläufige Popularität des bald zwei Jahrzehnte regierenden ersten Mannes im Staat liegt vor allem an der zusehends als miserabel eingeschätzten wirtschaftlichen Lage sowie an Ankaras Management der Pandemie. Dabei berücksichtigen die derzeitigen Umfragen noch nicht einmal den Ende April angekündigten Radikal-Lockdown, der für die kommenden Wochen verhängt wurde.

Das Yöneylem Social Research Center konnte in seinem März-Report, für den 3400 Menschen aus 27 Provinzen befragt wurden, zeigen, dass 46,1 Prozent der Befragten Erdogan für die schlechte Wirtschaftslage verantwortlich machen.

Eine Umfrage der Optimar Research Company betrachtet die Chancen möglicher Kandidatinnen und Kandidaten für das Präsidentenamt, wenn die Wahlen jetzt – und nicht wie offiziell geplant 2023 – stattfinden würden. Die Ergebnisse zeigen, dass Erdogans Rückhalt schwindet: Der Amtsinhaber würde auf 41,2 Prozent der Stimmen kommen, wenn er gegen Ankaras Bürgermeister Mansur Yavas antreten würde. Knapp 37 Prozent der Befragten würden Yavas ihre Stimme geben und 22,1 Prozent wären unentschlossen. Würde Ekrem İmamoglu, der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Bürgermeister von Istanbul, gegen Erdogan antreten, käme er trotz einer zuletzt leicht rückläufigen Beliebtheit immer noch auf 34,6 Prozent der Stimmen. Erdogan brächte es in dieser Konstellation auf 42,5 Prozent der Stimmen; die Zahl der Unentschlossenen liegt auch hier bei rund 22 Prozent.

In einem Duell gegen die Parteivorsitzende der Iyi-Partei, Meral Aksener, würde Erdogan 43,6 Prozent der Stimmen erhalten, Aksener lediglich 27 Prozent, wobei knapp ein Drittel des Wahlvolkes in dieser Kombination unentschlossen sind, so die Demoskopen. Gegen den Parteivorsitzenden der CHP-Partei, der größten Oppositionspartei des Landes, Kemal Kilicdaroglu, hätte Erdogan laut den Umfragen die besten Chancen. Der Präsident käme auf 44,7 Prozent, 27 Prozent wären für Kilicdaroglu, und 28,3 Prozent sind unentschlossene Wählerinnen und Wähler.

Im März 2021 befragte das Umfrageinstitut Area Research Company die Teilnehmenden, für welche Partei sie momentan stimmen würden. Die Ergebnisse lauten wie folgt: AKP 35,1 Prozent, CHP 24,0 Prozent, Iyi-Partei 14,0 Prozent, HDP 12,0 Prozent, MHP 9,4 Prozent, Saadet-Partei 1,9 Prozent, DEVA-Partei 1,6 Prozent, Gelececk-Partei 1,3 Prozent und Andere 0,7 Prozent. Was die Zustimmung zu Parteikoalitionen angeht, würden 44,5 Prozent der Befragten für die regierende Volksallianz stimmen (AKP und MHP), während 38,1 Prozent der Stimmen an das sog. Bündnis der Nation der Opposition (CHP und Iyi-Partei) gehen würden.

In der aktuellen Meinungsumfrage des renommierten Umfrageinstituts Istanbul Economy Research, mit dem die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zusammenarbeitet, wurden die Befragten eingeladen, die Parteivorsitzenden auf einer Skala von 1-10 zu bewerten. Erdogan erhielt demnach 5,35 Punkte, Aksener (Iyi-Partei) folgte mit 4,44 Punkten, Bahceli (MHP) kam auf 3,93 Punkte und Kılıcdaroğlu (CHP) erhielt mit 3,63 Punkten den niedrigsten Wert.

Schließlich führte ein weiteres Meinungsumfrageinstitut, das Avrasya Research Center, persönliche Interviews mit 2460 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. Diese wurden gefragt, ob sie Erdogan erneut für das Amt des Präsidenten wählen würden, wenn die Wahl morgen stattfinden würde. Auch diese Ergebnisse weisen auf einen Rückgang der Popularität Erdogans hin, auch wenn er mit 48,2 Prozent immer noch deutlich an der Spitze steht.

Can Selcuki, der Geschäftsführer bei Istanbul Economic Research erklärt die vergleichsweise guten Ergebnisse für den Präsidenten mit der Schwäche der Opposition. „Erdogans Gegner haben kein Gesicht“, so der Demoskop gegenüber freiheit.org. Solange sich die diversen Parteien der Opposition nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatin verständigen, werde Erdogan die Beliebtheitsskala unangefochten anführen. 

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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