Warum Öffentlichkeit ihre stärkste Waffe ist

Für inhaftierte Journalisten zählt jeder Artikel, Like und Tweet

Nachricht18.10.2017Julia Kranz
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Plakat der Stiftung für die Freiheit im Rahmen des Badawi-Awards. #FreeRaif #FreeThemAllFriedrich-Naumann-Stiftung

Auf der Frankfurter Buchmesse erhält der Investigativ-Journalisten Ahmet Şık den Raif Badawi Award. Die tagesschau berichtet auf facebook: "Entgegennehmen kann er ihn nicht. Er ist seit neun Monaten in U-Haft in der Türkei." Unter dem Facebook-Posting wird fleißigt diskutiert. "Ich habe Hochachtung für Menschen, die für ihre Überzeugung Gefängnis und Ärgeres riskieren. Ich weiß selbst nicht, ob ich den Mut aufbrächte", kommentiert eine Facebook-Nutzerin. Für den Eintrag gibt es viele Likes. Eine hohe Währung im Kampf um Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Freiheit für die Inhaftierten.

Die tagesschau berichtet: Wer ist Ahmet Şık?

Ahmet Şık ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten der Türkei. Er schrieb für die regierungskritische Istanbuler Zeitung "Cumhuryiet". Seit zehn Monaten sitzt er in Silivri, westlich von Istanbul, in Isolationshaft. Der nächste Verhandlungstermin steht bereits an. Der Vorwurf: Terror-Propaganda. Den gleichen Vorwurf macht Erdogan auch dem Welt-Korrespondenten Deniz Yücel und vielen weiteren Journalisten. Şık drohen siebeneinhalb Jahre Haft. Er büßt für seinen Mut, gibt dennoch nicht auf.

Seine Verteidiungsrede vor Gericht schloss er mit den Worten: „Wir wissen, dass das, was Tyrannen am meisten fürchten, Mut ist“. Und Öffentlichkeit. Für die allein in der Türkei rund 170 inhaftierten Journalisten ist Aufmerksamkeit die stärkste Waffe. Das weiß auch die Menschrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler. „Wir dürfen nicht aufhören, für internationale Aufmerksamkeit zu sorgen. Das sagen mir Menschenrechtler in Gesprächen immer wieder. Denn so sehen deren Regierungen, dass sie im Ausland wahrgenommen werden. Und das verschafft ihnen Schutz.“

Für den Preisträger des Raif Badawi Award 2017, der stellvertretend für das Schicksal aller mutiger Journalisten steht, die für ihre freie Meinung bestraft werden, zählen jede Form der Öffentlichkeit. Jeder, Artikel, Fernseh-Bericht, jede Veranstaltung, bei der sich Menschrechtsaktivisten vernetzen, jeder Like und jeder Tweet im Kampf für Freiheit.

Plakate im öffentlichen Raum

„Krass“, sagt eine Passantin, die Richtung Messe unterwegs ist zu ihrem Begleiter, der gerade aus dem Auto steigt. Die Frau, die mit Büchertaschen behangen ist, bleibt kurz stehen und zeigt auf das Plakat am Straßenrand. „Das ist ja einmal gute Werbung“. „Sind das Bücher als Gitterstäbe?“, will der Messebesucher von ihr wissen. Auf dem Plakat ist eine Gefängniszelle aus der Perspektive eines Inhaftierten zu sehen. Er blickt auf ein vergittertes Fenster. Nur versperren dort Buchrücken die Sicht ins Freie.

Plakat, Raif-Badawi-Award 2017
Friedrich-Naumann-Stiftung

Erst auf den zweiten Blick wird klar: es sind die Werke der bisherigen Badawi-Preisträger. Darüber steht in weißen Lettern: „Weil sie schreiben, was sie denken.“ Und weiter: „Raif Badawi, saudischer Blogger und Redakteur, wurde wegen Gotteslästerung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren und 1000 Peitschenhieben verurteilt.“ Die beiden Passanten gehen weiter Richtung Messe und führen dabei ihre Unterhaltung über das Gesehene fort. „Da wird einem erst einmal wieder klar, wie gut wir es eigentlich haben. Wir gehen heute auf die Messe, können lesen, was und wann wir wollen. Und diese Menschen sitzen hinter Gittern, nur weil sie ihre freie Meinung geäußert haben!“

Journalisten-Magnet: Ensaf Haidar

Es brummt wie in einem Bienenkorb. Menschen stehen in Grüppchen zusammen, schwirren wieder auseinander, Gemurmel schwillt an, ebbt wieder ab, ein Kommen und Gehen. Inmitten dieses geschäftigen Gewusels muss man sie fast suchen. Da, umringt von ihrer Entourage, im Forum-Café des Börsenvereins, steht sie. Ensaf Haidar, die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi, tut was sie kann. Sie gibt ein Interview. Hält das Schicksal ihres Mannes präsent. Kämpft für seine Freilassung.

Die Mutter von drei Kindern ist so zierlich wie klein. Und doch geht von ihr ein Leuchten aus. Haidar hat Strahlkraft. „Woher nimmt sie bloß die Energie, fragt Charles du Vinage, Nahost-Experte der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, staunend. Vielleicht, weil ihr nichts anderes übrig bleibt. Oder, wie die ehemalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger in einem Interview mit der Zeitschrift "Print & more" mutmaßt, schlichtweg aus Liebe. Denn theoretisch können die Auspeitschungen ihres Mannes Raif Badawi immer freitags wieder aufgenommen werden. Eine Situation, an der man zerbrechen könnte. Ensaf Haidar aber wurde immer stärker.

Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse

Szenenapplaus: Can Dündar ist auch spontan zur Verleihung gekommen. Ist er doch der ehemalige Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet. „Es ist das Los solcher Preise, dass der Preisträger nicht anwesend sein kann. Er sitzt im Gefängnis, weil er vom Grundrecht der freien Meinung Gebrauch gemacht hat“, sagt Alexander Skipis, Vorsitzender des Deutschen Börsenvereins. Und weiter: „Die Despoten dieser Welt fürchten nichts mehr als dieses freie Wort.“

„Und deshalb müssen wir exemplarisch an einige denken, wie unseren Preisträger“, mahnt Gerhart Baum. „Wir müssen diesen Menschen das Gefühl geben, dass uns ihr Schicksal nicht gleichgültig ist.“ Als Ensaf Haidar die Bühne betritt, sind zig Kameras und Handys auf sie gerichtet. „Mein Herz trägt Trauer. Raif und Ahmet Sik haben sich für Meinungsfreiheit eingesetzt. Beide zahlen heute einen enormen Preis für ihren Mut. Ich hoffe, dass wir uns nächstes Jahr hier mit den beiden in Freiheit wiedersehen.

Tagesschau-Moderator Constantin Schreiber ist Initiator des Raif Badawi Awards

Constantin Schreiber moderiert die Preisverleihung. Der Tagesschau-Moderator hat den Raif-Badawi-Award gemeinsam mit Ensaf Haidar ins Leben gerufen. Über Ahmet  Şık sagt der Journalist, der fließend arabisch spricht: 

"Die Arbeit von Ahmet Şık zeigt uns, wie wichtig kritischer Journalismus in diesen Zeiten ist. Sein Mut, für den er derzeit mit seiner Freiheit bezahlt, verdient unseren ganzen Respekt und unsere Anerkennung."

PR-Aktion: Peitschen als Lesezeichen in Büchern

Alexander stutzt. Als er am Stand des fischer-Verlags durch ein Buch blättert, bleibt sein Blick an dem ungewöhnlichen Lesezeichen hängen. "Was ist das denn. Eine Peitsche", fragt der studentische Mitarbeiter eines Buchverlags das filmende Kamera-Team, dass die Reaktionen auf die crossmediale Aktion der Friedrich-Naumann-Stiftung einfängt. "Heftig. So etwas hab ich noch nie gesehen", sagt der junge Mann. Denn die Lesezeichen verwandeln sich, wenn man das Leseband eines Buches entsprechend einfädelt, zu einer Peitsche. Damit stehen sie symbolisch für die grausame Strafe, die der liberale Blogger Raif Badawi erhält. 1000 Peitschenhiebe, eine Todesstrafe auf Raten.

Peitschen, Raif Badawi Award
Friedrich-Naumann-Stiftung

Die Lesezeichen begegnen Besuchern der Frankfurter Buchmesse beim Schmökern und provozieren einen Überraschungsmoment. An einem Ort, an dem sie es nicht erwarten, wird ihnen das Schicksal Andersdenkender, denen man mit körperlicher Gewalt begegnet, unmittelbar greifbar. Und appelliert an jeden Einzelnen, etwas zu tun: den Inhaftierten zu helfen, dass ihr Fall nicht in Vergessenheit gerät. Mit einem Artikel, einem Like oder einem Tweet.