"Ich verteidige mich hier nicht. Ich klage an!"

Nominiert für den Raif Badawi Award 2017

Nachricht01.09.2017Peter Cichon
Raif Badawi Award - Nominierungen 2017
Ahmad Şik

Am 11. Oktober 2017 ist es wieder soweit. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit verleiht den Raif Badawi Award for courageous journalists auf der Frankfurter Buchmesse. Mit dem Preis werden Journalistinnen und Journalisten in der islamischen Welt gewürdigt. Zudem soll auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht werden. Bis dahin stellt die Stiftung für die Freiheit die Nominierten vor.

HEUTE: Ahmet Şik ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten der Türkei. Er schreibt unter anderem für die regierungskritische Zeitung Cumhuriyet. Seit 29. Dezember 2016 befindet er sich erneut in Haft. 

Ahmet Şik ist ein türkischer Journalist. 2011 wurde er noch vor der Veröffentlichung seines Buches "Die Armee des Imam" über die Gülen-Bewegung unter dem Verdacht inhaftiert, der angeblichen Putschisten-Organisation "Ergenekon" anzugehören. „Die Armee des Imam“ galt als das "gefährlichste Buch des Landes". Sein nunmehr auch seit 200 Tagen inhaftierter Journalistenkollege Deniz Yücel nennt die Vorwürfe angesichts der Vita von Ahmet Sik in einem Facebook-Posting "eine lachhafte Anklage".

Şik, der an der Universität Istanbul im Fachbereich Kommunikationswissenschaften eine Ausbildung zum Journalisten absolvierte, hat die Hintergründe des Mammutprozesses „Ergenekon“ detailreich untersucht. Dieser richtete sich zumeist gegen säkular eingestellte Militärs, Geschäftsleute und Politiker.

Deniz Yücel

Ahmet Şik ist einer der vielleicht besten investigativen Journalisten des Landes.

Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Welt

Ahmet Şik ist sicherlich einer der prominentesten Journalisten und Autoren der Türkei. Er blieb für ein Jahr inhaftiert, weil er als einer der schärfsten Kritiker der Gülen-Bewegung galt.

"Das, was die Tyrannen am meisten fürchten, ist der Mut."

Vier Jahre später, im Dezember 2016, wurde er plötzlich unter anderem wegen angeblicher Unterstützung der inzwischen als terroristisch eingestuften Gülen-Bewegung angeklagt. Damit zeigt der Fall Ahmet Şik exemplarisch die ganze Willkür und Beliebigkeit der Beschuldigungen gegen Journalisten in der Türkei. Tausende Journalisten haben mehrfach gegen die Verhaftung von Ahmet Şık und insgesamt 66 weitere Journalisten protestiert. Der Fall löste national und international heftige Kritik aus. Auch die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte die Staatsanwaltschaft und zweifelte daran, ob es tatsächlich um kriminelle Vorwürfe ging oder nicht in Wirklichkeit um Politik.

Großen Respekt verdient seine couragierte Rede vor dem Gericht („Ich verteidige mich hier nicht. Ich klage an.“) vom 28. Juli 2017, in der er sowohl die Gülen-Bewegung als auch die das Land beherrschende Partei AKP wegen Terrorismus anklagt.

Ahmet Şik hält vor Gericht flammende Rede:

"Die Geschichte wird einmal mehr auf unserer Seite sein. Es wird euch nicht gelingen, aus der 'Cumhurieyet' oder uns Terroristen zu machen. Ich verteidige mich hier nicht oder mache eine Aussage. Ich klage an. Diese Operation, die sich gegen uns richtet, ist nichts anderes als die Jagd auf Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit. Einige Mitglieder der Justiz haben die Aufgabe übernommen, der Lynchmob dieser Jagd zu sein. Die, die denken, dass dieses dreckige System, diese Verbrecherdynastie für immer bestehen wird, liegen falsch.

Das ist kein Statement zu meiner Verteidigung, weil ich das als eine Beleidigung des Journalismus und der ethischen Werte meines Berufes betrachten würde. Journalismus ist kein Verbrechen. Alles was ich sage, ist, dass ich gestern Journalist war, dass ich heute Journalist bin und dass ich auch morgen Journalist sein werde. Dafür, das ist offensichtlich, muss ein Preis gezahlt werden. Aber glauben Sie nicht, dass uns das einschüchtert. Weder ich noch die Journalisten, die draußen sind, haben Angst vor euch, wer auch immer ihr sein mögt. Denn wir wissen, dass das, was Tyrannen am meisten fürchten, der Mut ist. Nieder mit der Tyrannei. Lang lebe die Freiheit."

Aktuell bleibt Ahmet Şik, der außerdem für Reuters als Fotograf arbeitete und auch Foto-Dokumentationen auf seinem Instagram-Account veröffentlichte, mit vielen weiteren mutigen Journalisten in Untersuchungshaft. Ahmet Şik sieht den Umständen entsprechend in der Verfolgung seiner Person durch die Staatsjustiz eine Art trauriger Bestätigung und Auszeichung für die eigene unabhängige journalistische Arbeit, weil eine Junta an die Macht in der Tükei gekommen ist. Seine Bilanz: „Ich habe es durch meine journalistische Arbeit geschafft, der Buhmann jeder einzelnen politischen Periode zu sein. Für mich ist das eine Ehrenauszeichnung.“ In seiner Verteidigung vor Gericht meinter er auch, nicht er, sondern Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan müsse wegen Komplizenschaft mit Gülen angeklagt werden. Und bestritt, jemals irgendwelchen legalen oder illegalen Organistationen angehört zu haben.

Ahmet Şik wurde unter anderem der UNESCO-Preis der Pressefreiheit verliehen und erhielt 2016 den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritk.

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