Nachruf
Ruth Wagner 1940-2025
Ruth Wagner ist gestorben. Die leidenschaftliche Liberale machte Bildung, Kunst und Kultur zu Herzenssachen. Mit Wärme, Mut und Haltung prägte sie viele Menschen und bleibt unvergessen.
© picture-alliance / dpa | Frank RumpenhorstRuth Wagner wusste, dass verantwortlich gelebte Freiheit und Mündigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Eine möglichst breite, in ihrem Fall geisteswissenschaftlich beeindruckende Bildung war ihr Schlüssel zu beidem. Das war ihr nicht in die Wiege gelegt, geboren in schwerster Zeit im ländlichen hessischen Ried, der Vater gefallen im Krieg, machte sie als erste in ihrer Familie Abitur. Auch das konnte nur durch die Förderung eines aufmerksamen Lehrers gelingen, der für die Förderung ihrer Begabung soziale Hürden aus dem Weg räumte. Für diesen Bildungszugang kämpfte sie Zeit ihres Lebens. Das linke Umfeld ihrer Studienjahre prägte sie einerseits, die kollektivistische Haltung und der moralische Überschuss, den man ihr überstülpen wollte, schreckte sie aber auch ab, festigte ihre liberale Haltung. Das Denken vom Einzelnen und echter Pluralität her wurde Ihr politischer Kompass. Hier waren sie und Wolfgang Gerhardt Geschwister im Geiste. Unser christlicher Glaube verband uns und ich habe manches Amt später von ihr übernommen.
Sie musste kämpfen als Frau in einer Männerwelt. Manchmal hatten die lieben Kollegen schon das ein oder andere für sie vorgesehen oder ihr vorenthalten wollen. Dann blitzen ihre Augen, sie legte los, kämpfte mit offenem Visier und mit unglaublicher Energie. So kämpfte sie für den Erhalt einer Koalition, als die hessische Union sich in Lügen um jüdische Vermächtnisse verstrickt hatte. Sie kämpfte und brachte die Partei hinter sich. Ruth Wagner waren die Regeln der repräsentativen parlamentarischen Demokratie wichtig. Als die CDU in Hessen eine absolute Mehrheit errang, wollten alle sie an Bord des Regierungsschiffs halten. Ruth bedankte sich für das Vertrauen und verließ die Regierung. Ihre innere Unabhängigkeit machte sie stark. Es bliebe so viel zu sagen, über Kultur, Kampf gegen Antisemitismus, ihre Malerei und Menschlichkeit und das Privileg, in ihrer Darmstädter Wohnung Nudeln essen zu dürfen. Eine große Köchin war sie nicht, aber eine ganz große Liberale. Ich bin traurig und dankbar zugleich. Ruhe in Frieden, liebe Ruth!