Nachruf
Bildung, Kunst und Kultur als Herzenssache
Ruth Wagner und Ewald Grothe
Für sie war es eine Selbstverständlichkeit: Die Förderung von Bildung, Kunst und Kultur gehörte für Ruth Wagner zum Kernbestand liberalen Denkens. „Bildung ist Bürgerrecht“, für diesen programmatischen Satz von Ralf Dahrendorf ist Wagner zeitlebens eingetreten. Nun ist die überzeugte liberale Bildungspolitikerin im Alter von 85 Jahren in ihrer Heimat Darmstadt gestorben.
In einem Stadtteil des südhessischen Riedstadt und damit in der Nachbarschaft des Geburtsorts von Georg Büchner am 18. Oktober 1940 zur Welt gekommen, verkörperte Ruth Wagner geradezu das Idealbild einer Bildungsaufsteigerin. Ihr Vater war als Soldat in der Nähe des ukrainischen Tschernobyl als Soldat verstorben und ihre Mutter musste sie als Schneiderin allein großziehen. So war es alles andere als selbstverständlich, dass sie ihre Mutter nach dem Abschluss der Realschule erst dazu überreden musste, das Gymnasium in Gernsheim besuchen zu dürfen – als erstes Mädchen ihres Dorfes, wie sie später mit Stolz betonte. Offenbar war diese Überzeugungsarbeit in der eigenen Familie prägend für die Entscheidungs- und Durchsetzungsstärke in ihrer Laufbahn als Politikerin. Wagner besaß ein hohes Maß an Argumentationskraft, die ihr in schwierigen Situationen Stärke verlieh. Politisch und geographisch blieb sie dabei zeitlebens ihrem Geburtsland Hessen und hier insbesondere der Region um Darmstadt verbunden.
Nach dem Abitur studierte sie ab 1960 Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und legte 1966 ihr Staatsexamen ab. Es waren die Jahre vor 1968, aber dennoch aufreibend. Denn Wagner erlebte als Zeitzeugin und Besucherin im Gerichtssaal die Frankfurter Auschwitzprozesse, die der legendäre Generalstaatsanwalt Fritz Bauer maßgeblich initiierte und durchführte. Auch dies blieb ein geradezu lebensprägendes Ereignis, über das sie Jahrzehnte später noch mit eindrucksvoller Ergriffenheit zu berichten wusste. Von 1968 bis 1976 lehrte sie am Gymnasium Viktoriaschule in Darmstadt. Zunächst erstreckte sich ihr Engagement auf die Bildungspolitik: Von 1976 bis 1978 arbeitete sie am Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung, und von 1969 bis 1975 war sie stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Philologenverbandes und der hessischen Sektion des Deutschen Lehrerverbandes.
In diesen Jahren, nicht zufällig 1971, trat Wagner der FDP bei. Sie zählte damit zu jener Generation liberaler Politiker, die sich im Banne der Freiburger Thesen engagierten und deren Gesellschaftsbild sie mit voller Überzeugung politisch vertraten. Dahrendorf und Hildegard Hamm-Brücher fungierten dabei als Leitfiguren und Vorbilder, nicht nur, aber ganz besonders in der Bildungspolitik. Ruth Wagners Aktivitäten begannen in der Kommunalpolitik als Stadtverordnete und Kreisvorsitzende in Darmstadt. Fast zeitgleich begann ein nahezu kometenhafter Aufstieg in der Landespolitik, 1977 als Mitglied des hessischen Landesvorstands, ein Jahr später als Landtagsabgeordnete. Ab 1986 war sie Mitglied im FDP-Bundesvorstand, ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Ab 1987 war sie Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, und von 1995 bis 2005 amtierte sie ein Jahrzehnt als Landesvorsitzende der FDP Hessen.
„Bildung ist für […] mich, auch heute, eine Lebenschance für den Menschen, eine Chance für Solidarität mit anderen Menschen der eigenen Nation und der Welt – und damit Grundlage für eine solidarische, freiheitliche Weltpolitik.“
Den Höhepunkt ihrer politischen Karriere bildete aber ohne Zweifel ihre 1999 erfolgende Ernennung zur hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst durch Ministerpräsident Roland Koch. Vier Jahre lang führte sie dieses Amt mit großer Leidenschaft aus. Und als Konsequenz scheute sie sich nicht, auch im Jahr 2000 an der schwarz-gelben Koalition in Hessen festzuhalten, als Koch mitten in einer Spendenaffäre steckte. Durch diese Loyalität riskierte sie sogar einen Konflikt mit der Bundespartei, die damals ausgerechnet von ihrem hessischen Parteifreund Wolfgang Gerhardt geleitet wurde. Hartnäckigkeit und politische Treue zählten eben auch zu den Charaktereigenschaften von Ruth Wagner. 2003 endete ihre Ministerzeit mit dem Wahlsieg der CDU in Hessen, der zur absoluten Mehrheit führte. Wagner wurde erneut zur Landtagsvizepräsidentin gewählt, bis sie 2008 aus dem Landtag ausschied und damit ihre politische Karriere beendete. 2009 wählte sie der Landesverband Hessen zu seiner Ehrenvorsitzenden.
Ruth Wagners kulturelles Engagement nahm nach der Aufgabe der allgemeinpolitischen Ämter allerdings erst richtig Fahrt auf. Bereits 1985 hatte sie die Gründung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit initiiert und seit 1993 war sie Kuratoriumsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung (für die Freiheit). Aber 2005 übernahm sie zwei Ämter, die ihr ganz wichtig waren und ihr am Herzen lagen: Zum einen wurde sie Vorsitzende der Historischen Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen und zum anderen Vorsitzende des Kunstvereins Darmstadt. Darüber hinaus füllte sie von 2008 bis 2016 das Amt der Kuratoriumsvorsitzenden des Kulturfonds Frankfurt RheinMain aus. Damit war klar, dass ihr politischer Abschied kein Abschied vom kulturellen Engagement bedeutete – ganz im Gegenteil. Wer Ruth Wagner bei ihren öffentlichen Auftritten begleitete oder in ihrer Wohnung besuchte, der erlebte ihre Begeisterung für Kunst und Kultur und ihr ansteckendes Erzählen bei einem Blick auf ihre Bücherwand voll von voluminösen Kunstbänden.
Mit Ruth Wagner ist eine von Kultur, Kunst und Wissenschaft begeisterte Liberale gestorben. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit trauert um eine engagierte Förderin der politischen Bildung, die über 27 Jahre ihrem Kuratorium angehört hat.