USA
Von Austin nach Silicon Valley: Warum die Tech-Riesen auf Trump setzen
Ökonomische Logik hinter politischer Nähe
Als Donald Trump bei seiner Inauguration von den Spitzen der amerikanischen Tech-Industrie begleitet wurde, war die Irritation in Europa groß. Warum stehen ausgerechnet jene Konzerne hinter ihm, die jahrelang als Gegenpol zu seiner Politik galten? Nach Beobachtung der Politik vor Ort lässt sich sagen: Diese Unterstützung war weniger ideologisch als ökonomisch rational. Sie folgte einer nüchternen Kosten-Nutzen-Abwägung und einem klaren Verständnis dessen, was für die nächste Phase der digitalen Ökonomie entscheidend ist: Energie, Infrastruktur, Regulierungssicherheit und geopolitische Rückendeckung.
Die großen Tech-Konzerne wissen, dass die Zukunft von künstlicher Intelligenz, Hochleistungsrechnern, Cloud-Services und Blockchain-Infrastruktur nicht mehr primär in Software-Innovation entschieden wird, sondern in der Fähigkeit zu skalieren. KI ist keine App-Ökonomie mehr, sondern eine Industrieökonomie. Sie benötigt enorme Rechenleistung, spezialisierte Chips, stabile Netze und vor allem große Mengen günstiger, verlässlicher Energie. Genau hier setzt die wirtschafts- und energiepolitische Logik der aktuellen US-Administration an – und genau deshalb suchten viele Technologieunternehmen bewusst die Nähe zur politischen Macht.
Wenn man die US-Wirtschafts- und Technologiepolitik nur aus Europa betrachtet, entsteht leicht der Eindruck von Chaos und kurzfristigen Impulsen. Wer die Entwicklung in den USA jedoch genauer untersucht, erkennt ein kohärentes, geoökonomisches Ordnungsprinzip: Die Vereinigten Staaten versuchen, im Systemwettbewerb mit China industrielle Souveränität und technologische Führerschaft zu sichern.
KI und Industrieökonomie: Energie als Schlüsselressource
Ein zentrales, bislang zu wenig beachtetes Knotenstück dieser Strategie liegt nicht in Washington, D.C., sondern in Texas – insbesondere in der Region um Austin. Dies ist kein Zufall, sondern der Ausdruck eines sich formierenden technologisch-wirtschaftlichen Komplexes, der Energie, Kapital, Regulierung und Infrastruktur verbindet.
Denn wer heute über die Zukunft der AI-Ökonomie spricht, muss über Energie sprechen. Eine Hochleistungs-Rechenzentrumsumgebung, wie sie für KI, Cloud-Services, Blockchain-Netzwerke oder Hyperscale-Cluster nötig ist, benötigt enorme Elektrizität. Zur Einordnung: Bereits ein Rechenzentrum mit 10 Megawatt (MW) IT-Leistung hat einen enormen Strom- und Kühlbedarf. In Texas werden bis 2030 insgesamt 39 bis 78 Gigawatt Last durch Datenzentren erwartet, was der elektrischen Leistung mehrerer großer konventioneller Kraftwerke entspricht (Eslami, 2025).
Texas: Hotspot für digitale Infrastruktur
In diesem Kontext wird schnell klar, warum Texas heute ein „Hotspot“ ist. Der Bundesstaat hat einen eigenständigen Strommarkt (ERCOT), der im Vergleich zu vielen anderen US-Regionen relativ preisgünstige Energie liefert. Daten der US Energy Information Administration zeigen: Im Jahr 2025 lag der durchschnittliche Strompreis für gewerbliche Verbraucher in Texas bei rund 9,10 ¢ pro Kilowattstunde (kWh), deutlich unter dem nationalen Durchschnitt von 14,06 ¢/kWh für Gewerbekunden. Industrielle Verbraucher zahlten sogar nur rund 6,74 ¢/kWh – wieder signifikant weniger als der nationale Schnitt von 9,02 ¢/kWh (U.S. Department of Enegery, 2026).
Zum Vergleich: Der wohnungswirtschaftliche Strompreis in Texas beträgt etwa 15,8 ¢/kWh, während der nationale Durchschnitt bei etwa 18 ¢/kWh liegt (U.S. Department of Enegery, 2026). Diese Kostenvorteile – kombiniert mit einem deregulierten, wettbewerbsorientierten Markt – sind für energieintensive Infrastrukturen wie Rechenzentren ein wesentlicher Standortfaktor.
Regulatorische Rahmenbedingungen (SB 6)
Energiepreise allein erklären nicht das Phänomen Texas. Entscheidend ist vielmehr, dass der Bundesstaat sowohl politisch als auch regulatorisch große Freiräume bietet. Die Genehmigungsverfahren für Rechenzentren und andere Großlastprojekte in Texas werden zunehmend standardisiert – wenn auch komplexer. Mit dem im Sommer 2025 verabschiedeten Senate Bill 6 (SB 6) hat Texas einen neuen rechtlichen Rahmen geschaffen, der die Interkonnektion großer Lasten (ab etwa 75 MW) regelt. Betreiber müssen nun unter anderem Übertragungskostenanteile übernehmen, technische Unterlagen einreichen und verpflichtende Bearbeitungsgebühren zahlen – beispielsweise mindestens 100.000 USD für erste Übertragungs-Screening-Studien (Sabin et al., 2025).
Gleichzeitig verpflichtet SB 6 große Energieverbraucher, Angaben über ihre Notstrom-Kapazitäten (Backup Generation) zu machen und bestimmte Anforderungen an technische Geräte zu erfüllen, die eine Fernsteuerung durch den Grid-Operator (ERCOT) bei Netzengpässen ermöglichen. Dies schafft Planbarkeit und Netzstabilität, auch wenn weitere regulatorische Feinheiten (z.B. Net Metering, kostenausgleichende Formeln für Übertragungsnetze) derzeit noch ausgearbeitet werden (Bracewell, 2025).
Vor allem aber signalisiert diese Regulierung eine neue Form von Koordination zwischen Staat, Netzbetreiber und Industrie: Der Grid-Betrieb wird flexibilisiert, große Verbraucher wie Datenzentren werden in Netzplanungsprozesse eingebunden und es entstehen Mechanismen, die einer unkontrollierten Lastzunahme entgegenwirken sollen. Dies ist wichtig, denn Projektionen zeigen, dass die Nachfrage nach Elektrizität aufgrund von KI-Workloads in Texas bis 2035 auf das Zwei- bis Vierfache steigen kann, was zu potenziellen Versorgungsengpässen führen könnte (Mendoza und Fitzpatrick, 2025).
Bundespolitische Initiativen und digitale Strategie
Parallel zu dieser regionalen Energie- und Infrastrukturpolitik treibt die US-Bundesregierung unter Präsident Trump eine Reihe bedeutender Gesetze und Initiativen voran, die für die technologische Zukunft der USA eine entscheidende Rolle spielen. Zu nennen sind hier insbesondere:
- GENIUS Act (Guiding and Establishing National Innovation for US Stablecoins Act): Am 18. Juli 2025 wurde dieses Gesetz verabschiedet, das erstmals einen umfassenden bundesweiten regulatorischen Rahmen für Stablecoins – also an den US-Dollar gekoppelte Kryptowährungen – schafft. Es schreibt z.B. vor, dass Stablecoin-Emittenten ihre Coins zu 100 % durch liquide Reserven wie US-Dollar oder kurzfristige Staatsanleihen decken und monatlich offenlegen müssen. Dieser Rahmen soll sowohl Verbraucherschutz als auch institutionelle Integration digitaler Assets stärken und die USA als führenden Standort für digitale Finanzen positionieren (Bratcher, 2025).
- CHIPS and Science Act: Auch wenn dieses Gesetz ursprünglich unter Präsident Biden auf den Weg gebracht wurde, bleibt es ein Kernstück der US-Halbleiterpolitik. Mit über $280 Milliarden an Fördermitteln unterstützt der CHIPS Act die Fertigung, Forschung und Ausbildung rund um Halbleiter – ein zentraler Input für KI-Hardware. Trump hat Teile des Acts erhalten und zusätzliche steuerliche Vorteile für die Halbleiterfertigung hinzugefügt, um den Standort USA weiter zu stärken (U.S. Congress, 2022).
- Weitere digitale Infrastruktur-Initiativen: Neben Stablecoin-Regulierung und Halbleiterförderung hat die Administration Maßnahmen wie die Schaffung einer Strategic Bitcoin Reserve initiiert, um die Rolle digitaler Assets im Rahmen makroökonomischer und sicherheitspolitischer Strategien zu verankern (The White House, 2025).
USA vs. China: Wettbewerb um Technologie und Finanzen
All diese politischen Bausteine stehen nicht für zufälliges politisches Opportunismus, sondern für eine bewusste Standort- und Wettbewerbsstrategie gegenüber China: China investiert massiv in KI, Telekommunikation, Chips und digitale Währungen. Die USA antworten mit einer Kombination aus Regulierung, industrieller Subvention, Energie- und Infrastrukturpolitik, um ihre technologische Souveränität zu sichern.
Der Gegensatz zwischen den USA und China lässt sich am Beispiel der Stablecoins verdeutlichen. Die USA fördern Stablecoins, um die internationale Rolle des US-Dollars im digitalen Zahlungsverkehr zu sichern, während China mit dem digitalen Yuan eine dollarunabhängige Alternative aufbaut. Für die USA stellen Stablecoins ein Mittel dar, den wachsenden Einfluss Chinas auf die globale Zahlungsinfrastruktur und Finanzstandards zu begrenzen. Gleichzeitig nutzt China eigene digitale Zahlungssysteme, um seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf andere Länder auszubauen. Während die USA auf private Finanzinnovationen wie Stablecoins setzen, verfolgt China einen staatlich gesteuerten Ansatz mit strenger Kontrolle über Geldflüsse und Standards.
Kurz gesagt, stehen Stablecoins und der digitale Yuan für zwei konkurrierende Modelle globaler Finanzmacht. China nutzt nicht nur Infrastruktur, sondern auch digitale und finanzielle Technologien als Werkzeug zur Schaffung dauerhafter wirtschaftlicher Bindungen, wobei es eigene Standards setzt. Dies steht im direkten Gegensatz zu den Bestrebungen der USA, ihre Finanzmacht durch die Förderung von Stablecoins zu sichern.
Bedeutung für Europa und deutsche Akteure
Für Europa und insbesondere deutsche Akteure ist diese Konstellation auf mehreren Ebenen relevant: Erstens drängt der US-Markt durch rechtliche Klarheit und kapitalintensive Förderprogramme internationale Unternehmen zur Standortwahl USA. Zweitens stellen niedrige Energiepreise und regulatorische Flexibilität in Texas einen operationalen Vorteil dar, der sich in Betriebs- und Investitionskosten niederschlägt. Drittens eröffnet Stablecoin- und Blockchain-Regulierung neue Spielräume für Finanzinnovation, die weit über klassische FinTech-Anwendungen hinausgehen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum unsere Stiftung bewusst auch eine Delegationsreise nach Austin, TX im Frühjahr 2026 plant: Die politischen Leitlinien werden in der Hauptstadt gesetzt, aber ihre praktische Umsetzung – und damit die wirtschaftliche Relevanz zeigt sich dort, wo Energie, Infrastruktur und Technologie zusammenlaufen. Texas ist mehr als ein Standort, es ist ein Experimentierfeld und gleichzeitig ein Maßstab dafür, wie zukünftige industrielle Ökonomien gestaltet werden.
Fazit
Die Entwicklungen in Texas und die bundespolitischen Initiativen der USA zeigen, dass technologische Führerschaft heute nicht mehr allein über Innovation im Softwarebereich entschieden wird, sondern über die intelligente Kombination von Energieversorgung, Infrastruktur, regulatorischer Planung und geopolitischer Strategie. Austin und Texas sind dabei mehr als ein Standort: Sie fungieren als Experimentierfeld für die industrielle Digitalökonomie, in dem private Technologieunternehmen, staatliche Regulierung und Netzbetreiber Hand in Hand planen, um die Skalierung von KI, Cloud-Services und Blockchain-Ökosystemen zu ermöglichen.
Gleichzeitig verdeutlichen die Maßnahmen der US-Bundesregierung – von Stablecoin-Regulierung über Halbleiterförderung bis zu strategischen Bitcoin-Reserven – dass wirtschaftliche Interessen, technologische Souveränität und geopolitische Macht eng miteinander verknüpft sind. Der Wettbewerb mit China, sei es im Bereich digitaler Währungen oder kritischer Infrastruktur, zeigt: digitale Technologien sind heute zentrale Instrumente wirtschaftlicher und geopolitischer Einflussnahme.
Für Europa und insbesondere deutsche Akteure ergibt sich daraus ein klarer Handlungsimpuls: Wer im globalen Technologie- und Finanzwettbewerb mitspielen will, muss die Dynamiken in den USA verstehen – von regulatorischen Rahmenbedingungen über Energiepreise bis zu Innovationsanreizen – und daraus Strategien für eigene Investitionen, Partnerschaften und politische Einflussnahme ableiten. Austin ist dabei nicht nur ein Symbol, sondern ein maßgeblicher Gradmesser für die zukünftige industrielle und digitale Ökonomie.
Literaturverzeichnis
Bracewell (2025): Texas Senate Bill 6 Ushers in Major Overhaul of Large Load Interconnection and Grid Access Rules. Verfügbar unter: https://www.bracewell.com/resources/texas-senate-bill-6-ushers-in-major-overhaul-of-large-load-interconnection-and-grid-access-rules/ (Zugriff am 20. Januar 2026).
Bratcher, B. (2025): Trump Signs GENIUS Act, Establishing First U.S. Crypto Law, Strengthening Dollar. Verfügbar unter: https://www.forbes.com/sites/beccabratcher/2025/07/19/trump-signs-genius-act-establishing-first-us-crypto-law-strengthening-dollar/ (Zugriff am: 20. Januar 2026).
Eslami, E. (2025): Air quality and greenhouse gas emissions assessment of data centers in Texas: Quantifying impacts and environmental trade-offs. Verfügbar unter: https://arxiv.org/abs/2509.21312 (Zugriff am: 20. Januar 2026).
Mendoza, M. und Fitzpatrick, A. (2025): AI could send Texas power prices soaring. Verfügbar unter: https://www.axios.com/local/san-antonio/2025/08/13/texas-power-prices-ai-data-centers (Zugriff am 20. Januar 2026).
Sabin, C. et al. (2025): Important Texas Regulatory Updates for Data Centers. Verfügbar unter: https://www.mayerbrown.com/en/insights/publications/2025/07/important-texas-regulatory-updates-for-data-centers (Zugriff am: 20. Januar2026).
The White House (2025): Establishment of the Strategic Bitcoin Reserve and U.S. Digital Asset Stockpile. Verfügbar unter: https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/03/establishment-of-the-strategic-bitcoin-reserve-and-united-states-digital-asset-stockpile/ (Zugriff am: 20. Januar 2026).
U.S. Congress (2022): H.R.4346 - CHIPS and Science Act. Verfügbar unter: https://www.congress.gov/bill/117th-congress/house-bill/4346 (Zugriff am: 20. Januar 2026).
U.S. Department of Energy (2026): Texas State Profile and Energy Estimates. Verfügbar unter: https://www.eia.gov/state/data.php?sid=TX& (Zugriff am: 20. Januar 2026).