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Syrien nach Assad: Kurdische Fehlkalkulation im Nordosten

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Menschen feiern den Machtwechsel in Syrien

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Emrah Gurel

Als in Kobane vergangene Woche frühmorgens der Strom ausfiel, war das mehr als ein technisches Problem. Wenig später berichteten lokale Netzwerke, Regierungstruppen der neuen syrischen Führung kontrollierten die Zufahrtsstraßen zur Stadt. Gleichzeitig zogen sich Einheiten der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) hastig zurück. In arabisch geprägten Vierteln östlich des Euphrats kam es zu Überläufen und Revolten gegen die SDF-Verwaltung. Innerhalb weniger Tage zerbrach eine Ordnung, die im Westen lange als stabiler Machtfaktor galt.Kobane vergangene Woche frühmorgens der Strom ausfiel, war das mehr als ein technisches Problem. Wenig später berichteten lokale Netzwerke, Regierungstruppen der neuen syrischen Führung kontrollierten die Zufahrtsstraßen zur Stadt. Gleichzeitig zogen sich Einheiten der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) hastig zurück. In arabisch geprägten Vierteln östlich des Euphrats kam es zu Überläufen und Revolten gegen die SDF-Verwaltung. Innerhalb weniger Tage zerbrach eine Ordnung, die im Westen lange als stabiler Machtfaktor galt.

Die Eskalation kam nicht überraschend. Sie ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 an Dynamik gewonnen hat. Strategische Fehlkalkulationen der kurdisch geführten SDF und brüchige Allianzen in der Region zeigen, wie fragil die Lage im Nordosten Syriens ist. Zugleich rückt die Frage in den Fokus, welche Rolle Europa – und besonders Deutschland – künftig bei Stabilisierung, politischer Integration und dem Schutz lokaler Gemeinschaften spielen kann.Eskalation kam nicht überraschend. Sie ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 an Dynamik gewonnen hat. Strategische Fehlkalkulationen der kurdisch geführten SDF und brüchige Allianzen in der Region zeigen, wie fragil die Lage im Nordosten Syriens ist. Zugleich rückt die Frage in den Fokus, welche Rolle Europa – und besonders Deutschland – künftig bei Stabilisierung, politischer Integration und dem Schutz lokaler Gemeinschaften spielen kann.

Ein schneller Machtverlust

Die jüngsten Kämpfe wurden nicht durch ein einzelnes Gefecht ausgelöst, sondern durch das Scheitern monatelanger Verhandlungen zwischen Damaskus und der kurdischen Führung. Seit Assads Sturz hatten beide Seiten über die Zukunft der SDF im neuen syrischen Staat verhandelt. Die Übergangsregierung forderte die Auflösung paralleler Verwaltungs- und Sicherheitsstrukturen sowie die Integration der SDF in die nationale Armee. Trotz wiederholter Gesprächsbereitschaft der Kurden blieben konkrete Ergebnisse aus. Nach dem Abbruch der Gespräche eskalierte der Konflikt von der politischen auf die militärische Ebene.

Gleichzeitig zog sich die US-Unterstützung zurück. Zwar lobte Washington die SDF weiterhin für ihren Kampf gegen den IS, doch US-Vertreter wie Sondergesandter Barrack betonten, die strategische Lage habe sich „fundamental verändert“. Syrien verfüge nun über eine international anerkannte Regierung, die Teil der Anti-IS-Koalition sei. Die Sonderrolle der SDF sei damit beendet.

Als Regierungstruppen militärisch vorgingen, fehlte der SDF nicht nur externer Rückhalt. In arabischen Regionen kam es zu Aufständen, Desertionen und Überläufen. Die kurdische Führung musste erkennen, dass ihre Kontrolle außerhalb der kurdischen Kerngebiete kaum auf Loyalität beruhte.

Zudem verschärfte sich die humanitäre Lage. Die Kämpfe und die Blockade um Kobane beeinträchtigten die Versorgung der Zivilbevölkerung massiv. Berichte über unterbrochene Strom- und Wasserversorgung, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und blockierte Lieferketten schüren die Angst vor einer humanitären Katastrophe. Beide Seiten beschuldigen sich, Waffenstillstandsabsprachen zu brechen. Doch unabhängig von der Schuldfrage droht die Zivilbevölkerung erneut zwischen die Fronten zu geraten.

Falsche Annahmen nach Assads Sturz

Diese Entwicklung lässt sich nur vor dem Hintergrund der Monate nach dem Machtwechsel in Damaskus verstehen. Mit Assads Sturz änderte sich die Logik des internationalen Engagements in Syrien. Für die USA und Europa rückte die Stabilisierung eines fragilen Nachkriegsstaates in den Fokus.

Die SDF unterschätzte diesen Wandel. Sie glaubte, ihre Rolle als westlicher Partner im Anti-IS-Kampf sichere ihr politische Garantien. Doch diese Partnerschaft war stets zweckgebunden und zeitlich begrenzt. Washington hatte nie versprochen, ein autonomes Kurdenprojekt gegen den Willen der neuen Zentralregierung zu schützen.

Zudem überschätzte die SDF ihre Verhandlungsmacht. Sie setzte auf die Kontrolle über IS-Gefangene und Lager wie al-Hol als Druckmittel. Doch in westlichen Hauptstädten wuchs der Eindruck, dass diese Lager eher Teil des Problems als der Lösung waren.

Repression statt Legitimität

Die kurdische Selbstverwaltung versuchte, ihre politische Schwäche mit Repression zu kompensieren. Berichte dokumentieren willkürliche Festnahmen, außergerichtliche Tötungen, Folter und Zwangsrekrutierungen. In arabischen Städten galt die Verwaltung als korrupt, ideologisch abgeschottet und von PKK-nahen Kadern dominiert.

Diese Praxis zerstörte jede Aussicht auf Legitimität. Während westliche Narrative die SDF als säkulare, basisdemokratische Kraft darstellten, erlebten viele lokale Gemeinschaften eine autoritäre Ordnung, die Opposition unterdrückte. Als Damaskus militärisch Druck machte, fehlte der SDF der Rückhalt in der Bevölkerung.

Europas und Deutschlands Handlungsoptionen

Wie ein möglicher Ausweg aus der aktuellen Konfrontation aussehen könnte, wird derzeit vor allem entlang eines verhandelten Machtteilungsmodells diskutiert. Der syrische Politikwissenschaftler Dr. Ammar Kahf, Direktor des Omran Center for Strategic Studies, rechnet mittelfristig mit einer politischen Einigung zwischen Damaskus und lokalen Akteuren im Nordosten. Diese werde jedoch klaren Bedingungen unterliegen. Die neue syrische Führung, so Kahf, werde „keine bewaffnete Organisation akzeptieren, die eine zivile Verwaltung kontrolliert“. Militärische Strukturen müssten vollständig in die nationale Armee integriert werden, „als Individuen, nicht als autonome Einheiten“. Erst danach könne ein ernsthafter politischer Prozess beginnen.

Der politische Verhandlungspfad werde sich anschließend vor allem auf institutionelle Fragen konzentrieren. Im Mittelpunkt stünden garantierte Repräsentation lokaler Gemeinschaften in nationalen Institutionen, die Beteiligung an parlamentarischen und verfassungsrechtlichen Prozessen sowie der Schutz ziviler, kultureller und sprachlicher Rechte. Diese Punkte markieren aus Sicht vieler Beobachter den derzeit realistischen Rahmen für eine Einigung.

Der zentrale Streitpunkt bleibe dabei die Frage der Dezentralisierung. Gesucht sei ein Modell, das reale administrative Kompetenzen auf die lokale Ebene überträgt, ohne neue Risiken von Sezession oder paralleler Souveränität zu schaffen. An dieser Balance, so Kahf, werde sich entscheiden, ob politische Lösungen tragfähiger sind als militärische Fakten.

Für Deutschland und die EU stellt sich die Frage, wie eine erneute Destabilisierung Syriens verhindert werden kann. Europas Einfluss ist begrenzt, aber nicht irrelevant.

Erstens sollte europäische Unterstützung an politische Integration geknüpft werden. Wiederaufbauhilfe und technische Kooperation müssen an überprüfbare Schritte zur Eingliederung ehemals autonomer Gebiete in staatliche Strukturen gebunden sein.

Zweitens braucht es eine breitere Ansprache. Europäische Diplomatie darf sich nicht nur auf kurdische Eliten konzentrieren, sondern muss arabische Stammesvertreter und zivile Akteure einbeziehen.

Drittens ist eine ehrliche Neubewertung der eigenen Narrative nötig. Berlin sollte dazu beitragen, die Syrienpolitik von idealisierten Bildern zu lösen und realistische Erwartungen an Machtteilung und Kompromisse zu formulieren.

Viertens sollte die Stärkung der lokalen Zivilgesellschaft gezielter gefördert werden. Politische Stiftungen wie die Friedrich-Naumann-Stiftung können durch Bildungsarbeit, Beratung lokaler Akteure und den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen entscheidend zur Stabilisierung beitragen. Besonders in konfliktgeprägten Regionen sind sie in der Lage, Räume für Dialog, Teilhabe und rechtsstaatliche Entwicklung zu schaffen – als Ergänzung zur staatlichen Diplomatie und als Signal langfristiger europäischer Verantwortung.

Fazit

Die Entwicklungen im Nordosten Syriens markieren keine Endstation, sondern eine Phase der Neujustierung. Die SDF hat ihre militärische Bedeutung überschätzt und zu lange auf frühere Bündnisse vertraut. Mit Assads Sturz änderte sich das strategische Umfeld grundlegend. Darauf war die SDF nicht vorbereitet.

Für Europa bedeutet dies keine Ohnmacht, sondern eine neue Verantwortung. Gefragt sind realistische Beiträge zu Stabilisierung, Integration und Konfliktprävention. Die Lage um Kobane zeigt, wie schnell politische Blockaden in ziviles Leid umschlagen können.

Ob Syrien erneut zerfällt oder eine fragile Nachkriegsordnung entsteht, hängt auch davon ab, ob Europa seine politischen und humanitären Mittel klug einsetzt. Nicht als Schutzmacht einzelner Akteure, sondern als Garant dafür, dass politische Lösungen eine echte Chance erhalten