Gerhart Baum
Wie Gerhart Baum heute auf die Welt blicken würde
Gerhart Baum (FDP), früherer Bundesinnenminister, aufgenommen in seiner Wohnung.
© picture alliance/dpa/Deutsche Presse-Agentur GmbH | Rolf VennenberndWenn ich über die Lage unserer Welt nachdenke, ertappe ich mich immer wieder dabei, innerlich die Frage zu stellen, die Gerhart Baum so oft stellte: „Wie siehst Du die Lage?“ Er suchte das Gespräch, wollte einen herausfordern. Und so versuche ich mir vorzustellen, wie Gerhart Baum selbst antworten würde. Wie sähe er die Lage? Wir würde er heute auf die Welt blicken – hellwach, streitbar und zutiefst liberal, wie er es bis zuletzt war.
Gerhart hätte die gegenwärtigen Krisen nicht dramatisiert – aber er hätte sie klar benannt. Er hätte gesagt: „Diese Bedrohungen sind nicht neu. Aber neu ist, wie selbstverständlich sie viele hinnehmen.“ Autoritäre Versuchungen wachsen dort, wo Demokratinnen und Demokraten erschöpft oder abgelenkt sind. Bequemlichkeit war für ihn nie eine Option. „Bequem sein bringt keine Veränderung.“
Gerhart wusste: Menschenrechte gelten überall – oder sie gelten nirgends. Er war überzeugt, dass ein Staat, der die Rechte des Einzelnen missachtet, niemals stabil sein kann. Er würde uns heute warnen: „Wenn das Recht schwach wird, wird der Einzelne schwach.“
Gerhart Baum hätte den mutigen Freiheitskampf der Menschen im Iran aufmerksam, solidarisch und voller Bewunderung begleitet. Er hätte gesagt: „Wenn Menschen – besonders junge Frauen – ihr Leben riskieren, um Freiheit einzufordern, dann verdient das nicht nur Respekt, sondern politische Unterstützung.“ Für ihn war klar: Der Mut der Iranerinnen und Iraner ist einer der eindrucksvollsten Freiheitskämpfe unserer Zeit. Er hätte ihn als Mahnung verstanden, dass Freiheitsrechte niemals selbstverständlich sind – und als Inspiration, die eigenen Kämpfe entschlossener zu führen.
Gerhart kannte Russland wie kaum ein anderer. Er hätte heute keinerlei Geduld mit pseudo‑realpolitischen Ausflüchten. Er würde uns erinnern: „Wer Kriegsverbrechen nicht verfolgt, macht sie möglich.“ Gleichzeitig wusste er: Solidarität ist kein geopolitisches Manöver, sondern ein Gebot der Menschlichkeit.
Gerhart hätte den digitalen Machtkonzentrationen unserer Zeit mit größter Wachsamkeit begegnet. Er sah früh, wie dünn die Grenze zwischen technologischer Innovation und digitaler Überwachung ist. Er würde warnen: „Wir dürfen nicht zulassen, dass wirtschaftliche Macht zu politischer Macht wird.“ Und er würde jungen Liberalen zurufen: „Sagt laut, wenn ihr etwas falsch findet – gerade in eurer eigenen Partei.“ Gerhart hätte uns eindringlich, aber nie resigniert, daran erinnert: „Wir müssen wieder beweisen, dass die Deutschen Demokratie können.“ Und: „Die Demokraten dieser Welt müssen jetzt zusammenhalten, um die Freiheit zu verteidigen.“
Gerhart Baum hat Freiheit nicht theoretisch verstanden – er hat sie gelebt. Sein Blick auf die Welt wäre heute voller Warnung, aber nie ohne Hoffnung. Voller Klarheit, aber nie ohne Mut. Voller Kritik, aber nie ohne Vertrauen in die Menschen, die bereit sind, aufzustehen. Der mutige Ruf nach Freiheit – ob in Deutschland, der Ukraine oder im Iran – wäre für ihn keine ferne Nachricht.
Er wäre Auftrag. Unser Auftrag.