Aus ohne Ausländer!

Allein mit Deutschen würde das Wirtschaftswachstum bald zum Ende kommen. Deutschland braucht endlich ein Einwanderungsgesetz.

Meinung20.04.2018Karl-Heinz Paqué
Fachkräfte gewinnen
Erkennt die Gesellschaft die auf uns zukommende große Integrationsaufgabe?iStock/ andresr

„Ohne Arbeitnehmer mit ausländischem Pass würden wir nicht mehr satt.“ So der Journalist Olaf Gersemann der WELT vor einigen Tagen auf Twitter – mit süffisantem Sarkasmus. Aber Gersemann hat Recht. Ein Beitrag seines Kollegen Daniel Eckert präsentiert, basierend auf Angaben der Bundesagentur für Arbeit, beeindruckende Zahlen zum Ausländeranteil in verschiedenen Branchen der deutschen Wirtschaft. Grund genug für unseren stellv. Vorstandsvorsitzenden Professor Paqué, über die Zukunft des deutschen Arbeitsmarkts nachzudenken. Er sagt Parallelen zu den sechziger Jahren voraus.  

Man muss die Zahlen auf sich wirken lassen: In der Fleischverarbeitung liegt der Anteil ausländischer Beschäftigter mit Sozialversicherungspflicht heutzutage bei 39,6 Prozent, in der Lebensmittelherstellung bei 37,1 Prozent. Die Arbeit in diesen Branchen würde zusammenbrechen, müsste man sich allein auf die Deutschen verlassen. Und dies ist nur die „Spitze des Eisberges“: Zwischen 30 und 35 Prozent liegt der Ausländeranteil in Betonbau und Reinigungswesen sowie in Gastronomie und bei Speisenzubereitung und Köchen; zwischen 25 und 30 Prozent sind es bei Genussmittelherstellung, Hotellerie und Landwirtschaft sowie im Hochbau.

Ohne viel Übertreibung kann man feststellen, dass jene Bereiche der Volkswirtschaft, wo Kraft und Körpereinsatz benötigt werden und die Arbeitsbedingungen aus der Natur der Sache heraus schwierig sind, die Deutschen längst nur mehr eine knappe Mehrheit darstellen. Und selbst die wird in den kommenden Jahren verloren gehen: Alle Prognosen der Erwerbstätigen weisen auf eine drastische Alterung hin, was zu allererst jene unbeliebten Jobs betrifft, bei denen heute schon der Ausländeranteil hoch ist. Zwischen 2020 und 2035 wird die Generation der Babyboomer – geboren zwischen 1955 und 1970 – in den Ruhestand gehen, die größte Generation der deutschen Geschichte. Und mit ihr nicht nur hochqualifizierte Ingenieure, sondern auch viele Deutsche, die manuelle Tätigkeiten ausüben.

Eindrucksvoller lässt sich der Bedarf an Zuwanderung kaum begründen. Deutschland braucht, um seinen Lebensstandard zu erhalten, nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland, sondern auch hochmotivierte Arbeiter und Angestellte, die im manuellen Bereich den Bedarf an Serviceleistungen abdecken. Wenn die nicht kommen, wird die Lebensqualität massiv leiden, weil viele menschliche Dienste eben doch nicht durch digital betriebene Computer und Roboter zu ersetzen sind, jedenfalls nicht in den nächsten zwei Jahrzehnten, auch wenn so manche Tech-Optimisten uns dies weis machen wollen. Die Situation erinnert an die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals strömten „Gastarbeiter“ aus Südeuropa und vor allem aus der Türkei in Massen ins Land, und die meisten blieben. Die Deutschen wandten sich lukrativen und angenehmen Berufsfeldern zu, genauso wie heute. Niedrige Ausländeranteile von unter fünf Prozent finden sich in der Staats-, Sozial-, Versicherungs-, Immobilien- und Finanzverwaltung, in Physio- und Ergotherapie sowie in Kinderbetreuung, Erziehung und Sozialarbeit.

All dies ist in einer dynamischen Volkswirtschaft völlig normal. Die Kernfrage ist allerdings, wie die Gesellschaft mit der Zuwanderung umgeht. Behandelt sie den kontrollierten Zustrom – so wie Deutschland in den 1960er Jahren – als eine Art notwendiges Übel, eine ärgerliche, aber unvermeidliche Randerscheinung, um die man sich nicht weiter kümmern muss? Oder erkennt sie, dass der Zustrom eine große Integrationsaufgabe ist, die in den Mittelpunkt der Politik rücken muss? Es ist die Wahl zwischen der Geisteshaltung einer geschlossenen Gesellschaft und der Philosophie eines offenen Einwanderungslands, das die Migration klug regelt, vernünftig steuert und sozial gestaltet. Dazu müssen endlich die rechtlichen Grundlagen geschaffen werde. Mehr denn ja braucht Deutschland ein Einwanderungsgesetz.