Gauland-Geschichte

Die deutsche Vergangenheit ist kein Selbstbedienungsladen für Rechtspopulisten.

Meinung22.12.2017Karl-Heinz Paqué
In der Weimarer Republik wurde der Liberale Gustav Stresemann als versöhnungsbereiter Außenminister von der politischen Rechten, der Deutschnationalen Volkspartei, auf das Übelste beschimpft.
In der Weimarer Republik wurde der Liberale Gustav Stresemann als versöhnungsbereiter Außenminister von der politischen Rechten, der Deutschnationalen Volkspartei, auf das Übelste beschimpft.Public Domain über http://www.gahetna.nl/over-ons/open-data

Die Alternative für Deutschland (AfD) will eine politische Stiftung gründen. Der bevorzugte Name: Gustav-Stresemann-Stiftung. Wohlwollend interpretiert ist dies eine irreführende Bezeichnung. Im Klartext ist es ein Skandal. Die Enkel des großen Außenministers der Weimarer Republik, Christina und Walter Stresemann, wollen sich wehren zu Recht - moralisch und rechtlich. Und nicht nur sie: Alle Demokraten der Versöhnung müssen dagegen aufstehen, so unser stellv. Vorstandsvorsitzender Professor Paqué.

Man mag es nicht glauben: Kaum ist die AfD im Bundestag, stürzt sie sich auf die deutsche Geschichte, um sie neu zu deuten - und zwar in ihrem Sinn. Ihr erster durchsichtiger Schlag: die Absicht, eine AfD-nahe Gustav-Stresemann-Stiftung zu etablieren - als Teil der Familie der politischen Stiftungen Deutschlands.

Das zeigt die Geisteshaltung dieser Politik-Provokateure. Halten wir fest: In der Weimarer Republik wurde der Liberale Gustav Stresemann als versöhnungsbereiter Außenminister von der politischen Rechten, der Deutschnationalen Volkspartei, auf das Übelste beschimpft, und zwar über Jahre, immer wieder, gnadenlos: "Erfüllungspolitiker", das war noch die harmloseste der Vokabeln, die ihm an den Kopf geschleudert wurden, wieder und wieder. Diese Beschimpfungen zermürbten ihn, den Patrioten. Und sie zernagten seine Gesundheit. Er wurde nicht ermordert wie sein prominentester Vorgänger, der große Liberale Walther Rathenau, aber Historiker sind sich einig, dass er unter den Angriffen fürchterlich litt. Jahr für Jahr verlor er ein Stück seiner Vitalität. Die Menschen haben dies gespürt: Sein Tod und sein Begräbnis 1929 sind bis heute auch Symbol der ersten deutschen Republik, die unterging.

Wie kommt die AfD dazu, ausgerechnet das Opfer ihrer eigenen Gesinnungsvorfahren zum Namensgeber ihrer geplanten Stiftung zu machen? Die Antwort ist einfach: Der Erfinder der Idee, Alexander Gauland, liebt Geschichte und weiß um deren Wirkungsmacht. Deshalb will er seine Partei in eine unangreifbare patriotische Tradition stellen, auch wenn die AfD mit ihrer völkischen Gesinnung eher zum geistigen Erbe der Zerstörer der Weimarer Republik passt. 

Dies ist eine zutiefst unlautere Motivation. Es geht ihr nur um die politische Effektivität, nicht um die wahren historischen Wurzeln. Dies dürfen die politischen Stiftungen nicht akzeptieren - und auch nicht der Gesetzgeber und die Stiftungsaufsicht. Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung,  Friedrich-Naumann-Stiftung, das sind ehrliche Gewächse der deutschen Geschichte mit Namen, die tief verwurzelt sind in der jeweiligen demokratischen Tradition von Vorläuferparteien (wohlgemerkt, einschließlich deren Ambivalenzen und Schwächen) und sie wurden gerade als Bollwerk gegen völkisches und nationalistisches Gedankengut gegründet. Auch die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen kann beanspruchen, einen Visionär ihrer eigenen politischen Überzeugung zum Namensgeber gewählt zu haben, ebenso wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Alexander Gaulands krause Ideen dagegen brechen brutal mit dieser Tradition, und dies ist eine Schande. Zu Recht wehren sich die Enkel Gustav Stresemanns gegen die Entwürdigung des Erbes ihres Großvaters.

Der Schlüssel zu Gaulands Fehlgriff mag in jener Äußerung liegen, die sich der frühere FAZ-Kulturredakteur und heutige AfD-Politiker Konrad Adam in der FAZ erlaubte (20.12.2017, Seite 3). Er sprach im Zusammenhang mit den politischen Stiftungen sinngemäß von Gülle, bei der man nicht unbeteiligt am Rande stehen dürfe, sondern mitmischen müsse. Eine traurige intellektuelle und moralische Verirrung, wenn man in Rechnung stellt, was die politischen Stiftungen aller Couleur vor allem auch in ihrer globalen Tätigkeit für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat leisten. Aber vielleicht zeigt dies einfach, dass die AfD die Vorstellung politischer Bildung eigentlich verachtet und als reines machtpolitisches Instrument betrachtet. Sie sieht dies so, wir nicht.

Ergo: nomen est omen. Warum wählt die AfD nicht konsequent als Namenspatron für Ihre Stiftung Alfred Hugenberg?