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Südostasien
ASEAN GOES BRICS

Warum die größten ASEAN-Staaten BRICS beitreten.
BRICS Meeting
© Palácio do Planalto, CC0, via Wikimedia Commons

Indonesien ist BRICS als Vollmitglied beigetreten. Malaysia, Thailand und Vietnam haben Partnerstatus. Was motiviert die größten Länder des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN, sich BRICS anzuschließen?

BRICS hat sich von einem losen Akronym für große Schwellenländer zu einer Plattform für wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit entwickelt. Im Westen wird das Format oft als ein von China und Russland geführtes Projekt zur Neugestaltung internationaler Normen und Institutionen wahrgenommen. Die Erweiterung von BRICS auf zehn Mitgliedsländer und zehn Partnerländer macht die Frage noch dringlicher, warum immer mehr Länder Interesse zeigen.

Als Indonesien, Thailand, Malaysia und Vietnam Ende der 1980er Jahre ihre Volkswirtschaften öffneten, waren ausländische Direktinvestitionen aus den USA, Europa, Australien, Japan und Südkorea sowie der Handel mit diesen liberalen Demokratien von entscheidender Bedeutung. Viele Millionen Menschen entkamen der Armut, aus Entwicklungsländern wurden moderne Staaten mit mittlerem Einkommensniveau und dynamischen Volkswirtschaften. Bis heute sind die Beziehungen zum Westen eng und freundschaftlich. Gleichzeitig haben sich diese vier ASEAN-Staaten nun BRICS zugewandt. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat die Studie „ASEAN GOES BRICS“ in Auftrag gegeben. Sie untersucht, warum Indonesien, Thailand, Malaysia und Vietnam sich dem BRICS-Format zugewandt haben. Experten aus den vier Ländern haben jeweils ein Kapitel verfasst.

Balance, Wachstum, Status

Krisna Gupta und Radityo Dharmaputra aus Indonesien argumentieren, dass die BRICS-Mitgliedschaft ihres Landes die Hoffnungen auf wirtschaftliche Diversifizierung und Marktzugang mit der Agenda von Präsident Prabowo Subianto verbinde, Indonesiens Rolle auf der Weltbühne zu stärken. Cheng-Chwee Kuik aus Malaysia schreibt, der BRICS-Vorstoß von Premierminister Anwar Ibrahim sei eine Absicherung gegen die Auswirkungen gesteigerter Großmachtrivalität, die zugleich die innenpolitische Legitimität von Anwars Einheitsregierung stütze. Pongphisoot Busbarat aus Thailand betrachtet das Interesse des Königreichs an BRICS durch die Linse der „Bambusdiplomatie” – ein pragmatischer Balanceakt, der auch darauf abziele, nach einer Phase außenpolitischer Passivität Thailands internationale Sichtbarkeit wiederherzustellen. Nguyen Ngoc Manh aus Vietnam schreibt, dass der BRICS-Partnerstatus seines Landes darauf abziele, die strategische Autonomie zu stärken, die Beziehungen zum Globalen Süden zu vertiefen und die Entwicklungsfinanzierung zu diversifizieren.

Keiner unserer Autoren versteht das BRICS-Engagement seines Landes als Entscheidung für ein geopolitisches Lager. Stattdessen wird die Zugehörigkeit zu BRICS als Weg beschrieben, um in einer unsicheren Welt Handlungsoptionen zu erweitern. Als Treiber nennen sie geoökonomische Diversifizierung, das Streben nach Status und Mitsprache in der globalen Ordnungspolitik sowie innenpolitische Legitimation. Aus Sicht der vier Beiträge liegt die Attraktivität von BRICS in Südostasien in erster Linie in der breiten Süd-Süd-Agenda und dem Versprechen wirtschaftlicher Chancen. Ein weiteres verbindendes Element ist die gemeinsame Forderung nach einer Reform der globalen Institutionenordnung, um die Stimme des „Globalen Südens“ zu stärken. Auch wenn sich die Beiträge darin unterscheiden, ob sie das Potenzial von BRICS eher an normativen oder transaktionalen Maßstäben messen: Alle sehen in BRICS ein zusätzliches Format, um wirtschaftliche und diplomatische Partnerschaften zu diversifizieren.

Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam möchten ihre strategische Autonomie stärken und ihre Vertretung auf der internationalen Bühne ausbauen. Die geringe Institutionalisierung des BRICS-Formats ermöglicht es, eine Beteiligung als wenig verbindlich und nicht exklusiv darzustellen. Eine engere Anbindung muss damit nicht das Ende bestehender westlicher Partnerschaften bedeuten. In keinem der vier Länder wird BRICS als Ersatz für etablierte Wirtschafts- oder Sicherheitsbeziehungen mit liberalen Demokratien angesehen. BRICS wird vielmehr als Absicherung gegen Großmachtrivalität verstanden. Die Entscheidung zum Mitmachen wird dabei ebenso sehr von Innenpolitik und Entwicklungsnarrativen wie von Geopolitik geprägt.

Alle vier Autoren weisen die vereinfachte Lesart zurück, ein BRICS-Beitritt bedeute den Abschied von westlichen Partnern und eine Ausrichtung nach China und Russland. Vielmehr sei das BRICS- Engagement Teil einer Diversifizierungsstrategie. Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam vertiefen weiterhin ihre Zusammenarbeit mit vielen westlichen Partnern und Formaten, während sie gleichzeitig die Zusammenarbeit mit China und anderen BRICS-Mitgliedern ausbauen. Thailand und Indonesien beispielsweise haben durch ihre OECD-Beitrittsanträge Interesse an einer engeren wirtschaftlichen Anbindung an den Westen signalisiert. Das Gesamtbild in Südostasien ist nicht das einer Abkehr vom Westen, sondern das einer Region, die vor dem Hintergrund der Verschärfung der US-Chinesischen Großmachtrivalität ihre Optionen erweitern möchte. Das Engagement im BRICS-Format ist ein Symptom dieses Trends.

Westliche Partnerschaften stärken

Die Implikationen für westliche Partner wie Deutschland sind klar: Je mehr südostasiatische Länder durch eine polarisierte internationale Ordnung zu Risikomanagement und der Suche nach Chancen gezwungen sind, desto wichtiger ist es, wechselseitig vorteilhafte Beziehungen zu stärken. Dies erfordert glaubwürdige Angebote: Entwicklungsfinanzierung, technologische Zusammenarbeit und verbesserter Marktzugang. Die EU ist dafür gut aufgestellt, auch durch das Vorantreiben neuer Handelsabkommen. Zielgerichtete Industriekooperationen können den verbesserten Marktzugang ergänzen, wobei die Investitionen deutscher Halbleiterunternehmen in Malaysia nur ein Beispiel sind.

Allerdings könnte wachsende sicherheitspolitische Zusammenarbeit im BRICS-Format die Lage verkomplizieren. Im Januar 2026 leitete China die Marineübung „Will for Peace 2026” vor der Küste Südafrikas. Beteiligt waren neben China Russland, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Südafrika. Indonesien nahm als Beobachter teil. Dass Indien fernblieb, verweist auf Differenzen innerhalb der Gruppe. Westliche Partner sollten diese Differenzen im Umgang mit den BRICS-Staaten berücksichtigen. Wenn BRICS sich von einem wirtschaftspolitischen Forum zu einer Plattform für militärische Koordination von Staaten entwickelt, die dem Westen entgegenstehen, wird eine grundlegende Neubewertung des südostasiatischen Engagements im BRICS-Format erforderlich.

Unsere Studie „ASEAN GOES BRICS“ finden Sie hier zum Download.

*Felix Jantz ist Programmmanager im Regionalbüro Asien der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Bangkok, Thailand.