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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Soziale Marktwirtschaft und Deutsche Einheit
Der Durchbruch

Mittel- und Ostdeutschland wird zur High-Tech-Region. Endlich blühen die Landschaften wirklich.
So wie in dieser Computergrafik soll die Intel-Fabrik in Magdeburg einmal aussehen.

So wie in dieser Computergrafik soll die Intel-Fabrik in Magdeburg einmal aussehen.

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 Foto: Intel

November 2019: Tesla, der global führende Hersteller von Kraftfahrzeugen mit Elektroantrieb, verkündete eine Großinvestition im brandenburgischen Grünheide nahe Berlin. März 2021: Der Computerkonzern Intel verkündet den Bau eines riesigen Chipwerkes in Magdeburg, dem größten in Europa. Viele Beobachter reiben sich die Augen: Im harten internationalen Wettbewerb setzen sich zwei Standorte durch, mit denen kaum ein Wirtschaftsbeobachter im Vorhinein gerechnet hat.

Ist dies Zufall? Nein, denn gut drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung kommen einige Standortqualitäten der Region zur Reife, die eine gewisse Zeit brauchten, um zu entstehen und in ihrer ganzen Tragweite gewürdigt zu werden. Drei davon sind von überragender Bedeutung: die Lage, die Wissenschaft und die Politik.

Zunächst fällt auf, dass sowohl der mächtige Ballungsraum Berlin als auch der sehr viel bescheidenere Großraum Magdeburg im neuen Europa wirtschaftlich absolut zentral liegen. Denn längst sind das westliche und das östliche Mitteleuropa infrastrukturell geradezu perfekt zusammengewachsen. Ein Symbol dafür ist die in weiten Teilen sechsspurige Autobahn A2, an der sich ein Lastwagen an den anderen reiht. Der Güterverkehr stammt vor allem aus den Niederlanden, Deutschland, Polen und dem Baltikum. Er ist der logistische Ausdruck jener verdichteten Wertschöpfungskette, die der industriellen Produktion in der EU ihre Kraft und Dynamik verleiht. Entlang dieser Strecke ist der wirtschaftliche Erfolg der Integration Europas mit Händen zu greifen. Standorte, die sich entlang dieser Achse aufreihen, profitieren massiv. In Deutschland sind dies Regionen, die lange Zeit nicht vom Strukturwandel begünstigt waren – in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie nun auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die Hauptstadt Berlin übernimmt dabei die Rolle eines besonders starken Zugpferds. Er hat die Industriezentren Sachsens und Thüringens, die bis Mitte der 2000er-Jahre die meisten Investitionen anzogen, längst in den Schatten gestellt.

Hinzu kommen entlang der West-Ost-Verkehrsachse neue Ballungen von Wissenschaft und Forschung. Berlin hat allein drei große Universitäten, darunter eine technische, umgeben von einer kräftig wachsenden Start-up-Kultur mit einer Fülle von Gründerzentren. Magdeburg und Braunschweig verfügen beide über Universitäten mit technischen Orientierungen. Hinzu kommen Fachhochschulen mit verschiedenen Schwerpunkten. Alles zusammen zieht nach den langen Phasen der Abwanderung viele junge Menschen in die Region und schafft für Unternehmen die Aussicht, trotz der gesamtwirtschaftlich bedrohlichen Knappheit an Arbeitskräften die offenen Stellen schnell und qualifiziert zu besetzen. Hinzu kommt ein Phänomen, mit dem vor einigen Jahren kaum jemand gerechnet hat: Viele Absolventen der Region, die in den 1990er und 2000er-Jahren aus Gründen der Berufsperspektive nach Westen abwanderten, kommen gerne zurück, wenn in der alten Heimat gute Jobs und verantwortungsvolle Positionen auf sie warten. Kurzum: Das Angebot an Arbeitskräften erweist sich als viel elastischer, als der dumpfe Blick auf die Wanderungsstatistik der Vergangenheit vermuten lässt.

Schließlich tut die Politik ihre Wirkung. Die Fördermittel, die fließen, sind gewaltig – und natürlich nur zu rechtfertigen, wenn die Ansiedlungen auch schließlich halten, was sie versprechen. Es geht dabei natürlich nicht nur um einige Tausend Arbeitsplätze, die durch das Errichten eines neuen Werkes entstehen, sondern auch um die tiefgreifenden „sekundären“ Wirkungen, die auf vor- und nachgelagerte Produktionsbereiche entstehen – bis hin zum lokalen Handwerk. Die sind fraglos in vormals strukturschwachen Regionen viel stärker als in den traditionellen Ballungszentren des Westens. Und sie sind möglicherweise auch in Mittel- und Ostdeutschland stärker als an Standorten in weiter entfernten Entwicklungs- und Schwellenländern, wo es an qualitätsorientierten Zulieferbereichen chronisch mangelt. Tatsächlich haben viele multinationale Konzerne die Erfahrung gemacht, dass es an vielen „exotischen“ Standorten dann doch nicht so leicht ist, die gewohnten Qualitätsstandards aufrechtzuerhalten. Ergebnis: ein Trend vom „Off-shoring“ zum „Re-shoring“, also zur Rückkehr in kulturell vertraute Gefilde. Hinzu kommen zunehmende politische Unsicherheiten, wie der russische Überfall auf die Ukraine in dramatischer Weise zeigt. Von all dem profitieren Standorte, die ein hohes Maß an Stabilität garantieren – und dazu zählt Mittel- und Ostdeutschland.

Fazit: Wir sind auf gutem Weg, vielleicht auf einem besseren als jemals zuvor seit der Deutschen Einheit. Helmut Kohls Bild der „Blühenden Landschaften“ hat inmitten des harten Strukturwandels der Vergangenheit viel bitteren Spott provoziert. Es könnte sein, dass die nächste Generation viel milder darüber urteilen wird als ihre Eltern und Großeltern. Zu hoffen ist es.                

Der Beitrag erschien erstmalig am 19. März 2022 in der Magdeburger Volksstimme.

 

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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