Iran
Noch eine Zeitenwende!
Proteste im Iran im Januar 2026
© picture alliance / Middle East Images | MAHSADie Älteren unter uns werden sich erinnern. Als 1979 Ayatollah Chomeini die Macht im Iran übernahm, jubelte die Linke in Deutschland und Europa. Endlich war der verhasste Schah weg. Es konnte nur besser werden.
Ein gewaltiger Irrtum! Seit nunmehr 46 Jahren wird der Iran von einem der blutigsten Regime beherrscht, die es je gab. Es ist ein Regime, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, Frauen im Namen des Islamismus erniedrigt, unterdrückt und nach Gutdünken hinrichtet, einen langen furchtbaren Krieg gegen das Nachbarland Irak führte, die Zerstörung Israels, die Tötung von Juden sowie Antisemitismus und Anti-Amerikanismus zu Staatszielen erklärt und die brutalen Terrororganisationen der Hamas, Hizbollah und Huthis über lange Zeiträume mit Waffen versorgt hat. Dass die wirtschaftliche Bilanz des so regierten Landes katastrophal ausfällt, könnte da schon fast als eine lässliche Sünde gelten, wenn es auch bei einer jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung und dem enormen Ressourcenreichtum des Iran mit nichts zu rechtfertigen ist, die Menschen im täglichen Leben zur Verzweiflung bringt und in großer Zahl ins Ausland vertreibt.
Ein grässliches Register von Untaten! Gleichwohl hat es in Deutschland von Seiten der Linksintellektuellen nie wirklich eine scharfe Abrechnung mit dem Mullah-Regime gegeben, obwohl doch eigentlich dessen Werte und Politik dem emanzipatorischen Anspruch der Linken geradezu Hohn sprechen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Mullah-Regime trat anti-israelisch und anti-amerikanisch auf, und es stützte damit die "postkolonialistische" Grundeinstellung der Linken, die ihre ideologischen Hauptfeinde letztlich im Westen ortet, im Zionismus und im US-Imperialismus - und ihre Freunde in sogenannten Befreiungsbewegungen wie die der Palästinenser identifizierten, selbst wenn diese zu den übelsten terroristischen Mitteln greifen.
Schritt für Schritt führte diese Einstellung allerdings zu einer Entfremdung zwischen den Linken im Westen und den Oppositionellen im Iran selbst. Diese verlangten vor allem Freiheit - ganz im westlichen Stil, aber sie fanden bei den Linken in jenen Nationen wie Deutschland, wo diese Freiheit herrscht, keinerlei Gehör und Unterstützung. Begehrten sie auf, wurde ihnen von dort von Links signalisiert, sie sollten sich mäßigen - im Interesse eines Friedens, der für sie hieß: Verzicht auf Selbstbestimmung. Das wollen sie aber nicht. Es ist anscheinend eine junge Generation im Iran herangewachsen, die sich kraftvoll gegen die totalitäre Mullah-Herrschaft wehrt, und zwar mit bewundernswertem Mut und heroischer Bereitschaft zum Risiko.
Diese Generation verachtet die Ratschläge der Linken aus dem Westen. Sie betrachtet diese Ratschläge als eine neue perfide Variante des Neokolonialismus: Wieder einmal wissen die Menschen im freiheitlich verwöhnten Westen alles besser und maßen sich an, den Iranern Ratschläge zu erteilen. Ein weiterer Gipfelpunkt dieser Hybris wurde nun in den letzten Tagen erreicht, als sogenannte "Iran-Experten" in westlichen Medien vor einer Intervention des Auslands - gemeint sind: die USA und Israel - warnten. Ihr Argument: Der Widerstand gegen das Regime müsse aus dem Land selbst kommen, egal wie die Machtverhältnisse. Wie bitte? Im Klartext heißt dies: Ihr müsst schon selbst in einem Bürgerkrieg gegen die Gewalt des Regimes verbluten, wenn Ihr einen Umsturz wollt. Als wäre der Kampf um die Freiheit eine Art sportliche Übung! Mehr Zynismus ist kaum vorstellbar.
Ähnlich negativ reagiert das linksintellektuelle Establishment auf Angebote der Stabilisierung des Landes durch prominente Exil-Iraner, allen voran Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schah, der in den USA lebt. Er hat sich seit Jahren klar zu einem demokratischen Übergang bekannt und - ganz aktuell - in einer beeindruckenden Erklärung seine Vorstellungen der Eckpunkte der politischen Orientierung des künftigen Iran erläutert: als Nation, die fest verwurzelt ist in westlichen Werten und zu Israel, den USA und Europa freundschaftliche Beziehungen pflegt. Er bietet sich als Politiker für den Übergang zu einer Demokratie im Iran an, und ein beachtlicher Teil der Iraner steht hinter ihm. Aber die Linksintellektuellen in Deutschland wollen davon nichts hören. Der Sohn des Schah? Kommt für sie überhaupt nicht in Frage. Für ihn gilt eine Art politische Sippenhaft.
Wer liegt da wohl falsch? Meine Antwort ist einfach: All jene liegen falsch, denen die "Zeitenwende" im Iran endgültig weg vom Islamismus der Mullahs zutiefst unverständlich bleibt. Sie begreifen nicht, dass eine neue Generation im Iran den demokratischen, liberalen und säkularen Aufbruch will, und keine Theokratie der Mullahs. Aber diese Zeitenwende passt nicht in das antiquierte Weltbild der Linksintellektuellen in Deutschland und Europa. Es wird Zeit, dieses Weltbild auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen - nach 46 Jahren der Leiden des iranischen Volkes.
Karl-Heinz Paqué gehört zur den Erstunterzeichnern der Petition "Jede Stunde zählt".