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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Iran
Fremdwort Freiheit

Das Mullah-Regime im Iran ist grausam. Die Menschen im Land, vor allem die Frauen, wollen es endlich loswerden, auch mit ausländischer Hilfe. Reza Pahlavi ist dabei zum Symbol des Wandels geworden.
Iran

Proteste im Iran im Januar 2026

© picture alliance / Middle East Images | MAHSA

Die sozialen Medien waren voll davon. Überall gab es seit Wochen mutige Freiheitsbotschaften von Menschen aus dem Iran, zum Teil mit ausdrucksstärkster Symbolik: junge Frauen, die demonstrativ den Hijab ablegen oder sich eine Zigarette mit einem brennenden Foto des verhassten „obersten Führer“ Ali Khamenei anzünden. Nichts für ängstliche Gemüter, aber große Gesten der Sehnsucht nach Freiheit.

Es fiel auf, dass solche Bilder – anders als in den Sozialen Medien – im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Deutschlands nicht zu sehen waren. Und selbst als zum Jahresende die Proteste massiv anschwellten, gab es keine aktuelle Berichterstattung als „Brennpunkt“ – wie sonst üblich bei fast jedem noch so trivialen „global event“. Armin Laschet, CDU-Außenpolitiker, beschwerte sich darüber zu Recht; und das Netz war voll von empörten Kommentaren.

Als dann – wohl als späte Reaktion darauf – die Berichterstattung im Fernsehen verstärkt einsetzte, war die innere Reserve gegenüber den Oppositionellen deutlich spürbar. Irgendwie schwang mit: Ihr habt ja doch keine Chance! Ganz ähnlich wie im Fall Venezuelas, bei dem der tapfere Kampf der späteren Nobelpreisträgerin Corina Machado nie wirklich in seiner Tragweite medial gewürdigt wurde.

Nun kam im Iran noch etwas hinzu, was die öffentlich-rechtlichen Medien, so der verbreitete Eindruck, am liebsten ignoriert hätten: Viele Protestierende riefen auf Plakaten und in Sprechchören nach Reza Pahlavi, der seit 1979 in den Vereinigten Staaten lebt. Er ist der Sohn des letzten Shahs, aber er hat sich stets nachdrücklich zu liberalen und demokratischen westlichen Werten bekannt. Keine Spur von monarchischem Revanchismus! Er hat jüngst – den Pahlavi-Rufen der Demonstranten aus dem Iran folgend – seine Bereitschaft bekundet, nach einem Sturz des Mullah-Regimes für eine Übergangsphase das Land in eine neue demokratische Zukunft zu führen, völlig egal ob Republik oder konstitutionelle Monarchie, als eine Art integrierende Vaterfigur. Diese Bereitschaft von ihm findet unter Exil-Iranern im Netz weltweit und auch auf den Straßen des Iran leidenschaftliche Unterstützung.

Soweit die Fakten. In dieser Lage wurde Reza Pahlavi in dieser Woche in den Tagesthemen im Ersten immerhin gut acht Minuten lang interviewt, von Jessy Wellmer. Die Fragen der Fernsehmoderatorin waren indes alle darauf gerichtet, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben, obwohl es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass diese in Zweifel steht: Ob er mit seiner Verantwortung umgehen könne, die Menschen zum Protest zu ermutigen, obwohl dabei viele ihr Leben riskieren? Ob er von Donald Trump – mit Blick auf eine militärische Intervention der USA – Zusagen für seine persönliche Rolle im Iran erhalten habe? Ob er im Iran genug Unterstützung habe oder nur ein selbsternannter Führer und Usurpator sei? Und ob er nicht doch eine neue Autokratie mit der Pahlavi-Dynastie errichten will?

Pahlavi beantwortete alle Fragen überaus sachlich und überzeugend, obgleich sie eigentlich nur böswillige Insinuationen enthielten, die ohne faktischen Hintergrund formuliert wurden. Eine iranische Analystin hat dies im Netz brillant seziert. Aber es gibt – jenseits journalistischer Detailkritik – eine viel grundsätzlichere Frage: Warum stellte die Fernsehmoderatorin nicht die naheliegenden Fragen zur Freiheitssehnsucht der Menschen im Iran, warum nicht zur Gewalt, den Verbrechen und den Massenmorden des Mullah-Regimes? Warum nicht zu den furchtbaren Zuständen, die zu diesen Protesten – einer wahren Revolution, so Reza Pahlevi – geführt haben? Warum nicht zur Einstellung der jungen Generation großartiger Frauen, die sagen: Schluss mit der Unterdrückung durch eine Führungsschicht alter bärtiger Männer, die uns im Namen des Islamismus alle Chancen zur freien Entfaltung unseres Lebens nehmen? Warum nicht zu Pahlavis außenpolitischen Vorstellungen, vor allem dem Ende der iranischen Unterstützung für die antisemitischen und israelfeindlichen Terrororganisationen der Hamas, Hisbollah und Huthis? Stattdessen gab es nur Fragen im Geiste einer Sippenhaft, die Reza Pachlevi öffentlich daran erinnern, dass er der Sohn eines Autokraten ist; Fragen zur Kumpanei mit dem Rechtspopulismus im Sinne, dass er sein persönliches Schicksal dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump verdanken könnte; und schließlich Fragen, ob er nicht doch als „Pahlavi“ autokratische Absichten im Schilde führt.

Vor allem: Wo bleibt als Thema die Freiheit, nach der sich die Iraner so sehnen? Warum kommt sie nicht vor? Die Antwort könnte bemerkenswert einfach sein: Weil man sie vergessen hat. Freiheit ist ein Fremdwort geworden, weil nach langen Jahrzehnten des sorglos-verwöhnten liberalen „Life Style“ in Deutschland die Phantasie fehlt, sich das Ausmaß der Unterdrückung des Einzelnen im islamistischen Mullah-Regime seit 1979 überhaupt vorzustellen, wo Menschen schon wegen kleiner Abweichungen vom religiös vorgeschriebenen Lebensstil hingerichtet werden; und weil die Gewöhnung an ein grausames, aber geografisch weit entferntes iranisches Regime – aus der bequemen Beobachterwarte der Bundesrepublik Deutschland – das eigene Weltbild zerstören könnte.

Mit anderen Worten: Das eigene gepflegte (linke?) Weltbild wird in Frage gestellt, wenn nun plötzlich Abertausende von jungen Frauen und Männern im Iran auf die Straße gehen und ausgerechnet nach Reza Pahlavi rufen – dem Sohn des früheren Schahs, dem Freund der USA und Israels. Was fällt denen ein? Wollen die eine Konterrevolution? Und dies möglicherweise auch noch durch Intervention von außen, indem der böse Donald Trump die Revolutionsgarde wegbombt – statt den Iranern die Entscheidung selbst zu überlassen, allerdings dann wohl in einem blutigen Bürgerkrieg. Vergessen wird dabei, dass Deutschland sich 1945 alles andere als selbst befreit hat und letztlich nur dank der alliierten Intervention im Zweiten Weltkrieg im Nachgang einer bedingungslosen Kapitulation zumindest im Westen schnell zu einer stabilen liberalen Demokratie wurde.

Fazit: Die Menschen im Iran wollen nichts als Freiheit, mit Blick auf Politik, Wirtschaft und den Lebensstil – eigentlich genau das, an was sich die jüngere Generation in Deutschland längst gewöhnt hat. Einschließlich der ARD-Journalistin Jessy Wellmer, Jahrgang 1979 (dem Jahr der iranischen Revolution!), die das Interview mit Reza Pahlavi führte.