Septemvriana – Die Nacht, die Istanbul für immer verändern sollte

Septemvriana
© Niko Uzunoglu, Chairperson of the Universal Federation of Rums

Das Pogrom in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 ist eines der dunkelsten Kapitel in der langen Geschichte Istanbuls. Damals zerstörten türkische Nationalisten alles, was nicht türkisch und muslimisch war – die Nacht war der Anfang vom Ende Istanbuls als multi-ethnische Stadt. Anlässlich des 65. Jahrestages des Septemvriana, wie das Pogrom in Griechenland bekannt ist, traf sich die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit Zeitzeugen und sprach mit ihnen über die Traumata der Vergangenheit und den Hoffnungen für die Zukunft.   

„Eine Bombe beschädigt das Haus unseres Führers“. So titelte die Nachmittagsauflage der Boulevardzeitung Istanbul Ekspres am 6. September 1955. Gemeint war das Geburtshaus des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk in Thessaloniki. Wenige Stunden zuvor hatte das staatliche Radio die Eilmeldung bereits durchgegeben, doch erst die zweite Auflage dieser kleinen Zeitung sollte für Unruhen auf den Straßen sorgen.

Gespräche in London, Anspannung in Istanbul

Die griechischen Bewohner Istanbuls, die auch nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 dort ansässig blieben, waren dreißig Jahre zuvor von dem großen „Bevölkerungsaustausch“ nach dem türkisch-griechischen Krieg ausgenommen worden. Nach der griechischen Niederlage 1922 wurden ca. 1,6 Mio. Menschen (etwa 1,2 Mio. anatolische Griechen und 400.000 Muslime in Griechenland) zwangsumgesiedelt. Den Istanbuler Griechen wurde jedoch erlaubt, weiterhin dort zu leben – bis zum 6. September 1955.

Genau an diesen Tagen befanden sich hohe Delegationen Griechenlands und der Türkei in London und berieten über die Zukunft Zyperns – die diplomatische Stimmung war angespannt. Auf der Insel lebten traditionell muslimische und griechisch-orthodoxe Zyprer miteinander, doch nahmen die Spannungen insbesondere nach dem 2. Weltkrieg dort zu.

Auch auf den Straßen Istanbuls war die Anspannung zu spüren. Die Griechen der Stadt merkten, es liegt etwas in der Luft. „Es waren schwierige Tage. Wir fanden Aufkleber der Türkischen Studentenunion auf den Fenstern unseres Geschäfts, auf denen stand: ‚Patriot, dieser Laden gehört einem Rum (Istanbuler Grieche) und jede Münze, die du hier ausgibst, richtet sich später als eine Kugel gegen unsere Brüder auf Zypern!‘“, sagt Theofilos Lygkouris, dessen Vater damals ein Blumengeschäft besaß.

Mit Zeitungstiteln wurden die Griechen Istanbuls in dieser Zeit systematisch als Kollaborateure der griechischen Zyprioten dargestellt und somit Schritt für Schritt zur Zielscheibe erklärt. Am 25. August titelte die Zeitung Milliyet mit großen Lettern: „Zypern ist türkisch“.

Eine Boulevardzeitung wühlt die Massen auf

Nur zwei Stunden nachdem die zweite Auflage des Istanbul Ekspres erschienen war, versammelte sich auf dem zentralen Taksim Platz eine große Menge an aufgewühlten Menschen, die mit Brechstangen und Holzschlägern losziehen und Geschäfte, Häuser, Kirchen und sogar Friedhöfe der christlichen Minderheit der Stadt demolieren. „Bis sechs Uhr abends war es relativ ruhig. Doch kurze Zeit später ging es los, und es wurde in der ganzen Stadt gewütet und geplündert. Als wenn jemand ein Zeichen gegeben hätte“, so Alekos Papadopoulos, der zum Zeitpunkt der Geschehnisse 21 Jahre alt ist.

Dieses Zeichen hatte es tatsächlich gegeben. Nach heutigem Erkenntnisstand gibt es nahezu keine Zweifel, dass das Istanbuler Pogrom keine spontane Aktion wütender Massen, sondern eine von langer Hand minutiös geplante Operation war, in der die damalige türkische Regierung und die Staatssicherheit mitverwickelt war. Mehr als dreißig Jahre später sollte ein hoher General das sogar zugeben. Die durch die Straßen wütenden Gruppen wurden aus umliegenden Ortschaften in die Stadt gebracht und in den von Christen bewohnten Nachbarschaften verteilt. Die genauen Adressen der Griechen, Armeniern und Juden waren ihnen zuvor übermittelt worden. Die Polizei schaute bei der Zerstörung größtenteils zu und ließ den Plünderern weitestgehend freie Hand. Natürlich war auch der sogenannte Bombenwurf auf das Haus Atatürks, der die Massen in Rage bringen sollte, ein Teil des inszenierten Plans: Die Bombe war nicht mehr als eine Schallbombe und der Bombenwerfer ein türkischer Student, der später eine steile Karriere in der türkischen Bürokratie hinlegen sollte.

Bilanz: Das multiethnische Istanbul gibt es nicht mehr

Die Bilanz der Nacht war schrecklich und verheerend: Mindestens 15 Menschen starben, mehrere Hundert wurden verletzt. Mindestens 4214 Geschäfte, 1004 Häuser, 73 Kirchen, 26 Schulen, 21 Fabriken und zwei Kinos wurden geplündert und schwer zerstört. Nach Angaben des US-Generalkonsulats gehörten knapp 60% der zerstörten Geschäfte Griechen, 17% Armeniern, 12% Juden und 10% Türken.

Doch noch schlimmer als diese Zahlen waren die Langzeitfolgen dieser Nacht, die den Charakter der Stadt grundlegend verändern sollten. Der christlich-jüdische Bevölkerungsanteil betrug im Jahr 1955 trotz der diskriminierenden Politik insbesondere der vergangenen Jahrzehnte seit dem türkisch-griechischen Krieg  immerhin noch 12%. Doch die Nacht des 7. September sollte der Anfang vom Ende des multiethnischen und multireligiösen Istanbuls werden. Heute beträgt der Anteil der nichtmuslimischen Bewohner der Stadt weniger als 1%. Von den 120.000 Griechen, die 1955 noch in der Stadt lebten, sind heute nur noch 2.500, zumeist ältere Menschen, zurückgeblieben. Viele von ihnen gingen nach Griechenland und begannen ein neues Leben.

Für viele Akademiker war der Zypern-Konflikt nur ein Vorwand für das Pogrom. Laut dem Autoren Nevzat Onaran reihte sich das Pogrom in eine große Reihe an Assimilations- und Vertreibungsmaßnahmen ein, die zum Ziel hatten, den neuen Nationalstaat von nicht-türkischen bzw. nicht-muslimischen Elementen zu befreien und somit zu homogenisieren. Die Wissenschaftlerin Dilek Güven nennt dieses Vorgehen „demographic engineering“.

„Am nächsten Tag griff die Armee ein, und eine Straßensperre wurde verhängt. Man konnte kaum den Bürgersteig erkennen, da dieser mit Gegenständen und Textilien übersäht war. Es war nahezu unmöglich, auf den Straßen voranzukommen“, erinnert sich Theofilos Lygkouris.

Die Istanbuler Griechen waren hilflos und auf sich allein gestellt. Die Türkei betrachteten sie als unwillkommenes fünftes Rad am Wagen, während Griechenland sie ignorierte. „Auch Griechenland hat diesen Menschen nicht geholfen. Die Istanbuler Griechen sind eine Minderheit in Einsamkeit“, konstatiert Eli Kovi von der Organisation Romion Praxeis, die jedes Jahr mit unterschiedlichen Veranstaltungen an die verhängnisvollen Tage 1955 erinnert. Theofilos Lygkouris bringt es auf den Punkt: „Für die Türken waren wir Gavur (Ungläubige), für die Griechen hingegen türkische Samen“.

Doch so tragisch und traumatisch die Ereignisse vom 6./7. September 1955 auch waren, die Griechen haben Istanbul damals nicht verlassen, so Eli Kovi. Jene Nacht war jedoch ein deutliches Signal, dass es für sie in der Stadt keine sichere Zukunft mehr geben würde. Die große Auswanderung der Griechen aus Istanbul kam mit der Vertreibung 1964 und im Rahmen des bewaffneten Zypern-Konflikts von 1974.

 Die ewige Hoffnung auf Rückkehr

Doch die Istanbuler Griechen geben die Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre geliebte Stadt nicht auf. Für Niko Uzunoglu, Vorsitzender der Föderation der Istanbuler Griechen, ist die Rückkehr der jungen Generation das wichtigste Ziel. Im kleinen Maßstab würde das bereits passieren. Um dieses Ziel zu erreichen, führt Uzunoglu seit Jahren Gespräche mit ranghohen türkischen Funktionären. „Ich hoffe, dass sie uns ein wenig verstehen. Es wäre ein großer Verlust für Istanbul, wenn die Istanbuler Griechen aussterben würden“.