EN

Russland
Russlands Blick auf den Krieg im Nahen Osten

Russian President VLADIMIR PUTIN (L) welcomes Iranian Foreign Minister ABBAS ARAGHCHI

April 17, 2025, Moscow, Russia: Russian President VLADIMIR PUTIN (L) welcomes Iranian Foreign Minister ABBAS ARAGHCHI (R) before a meeting at the Kremlin in Moscow. (Credit Image: © Iranian Foreign Ministry via ZUMA Press Wire

© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Iranian Foreign Ministry

Der russische Staatschef Putin sprach Khameneis Angehörigen sein Beileid aus und stellte fest, dass dessen Ermordung „unter zynischer Missachtung aller Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“ begangen worden sei.

Der Kreml verurteilt die Aggression Israels und der USA gegen Iran seit dem 28. Februar 2026 und äußert die Vermutung, dass die Genfer Verhandlungen vor den Angriffen nur zur Tarnung gedient hätten. Die russische Regierung warnt vor der gestiegenen Gefahr für die weltweite Sicherheitsarchitektur. Der empörte Medwedew verspottet den US-Präsidenten als „Friedensstifter“, schwadroniert über das wahre Gesicht Amerikas und erinnert mantraartig an Russlands Nuklearwaffenarsenal.

Die gleichgeschalteten Reaktionen anderer Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens folgen wie gewohnt weitgehend den Narrativen aus dem Kreml. In diesem Zusammenhang wurden auch Positionen geäußert, dass es trotz der guten Beziehungen Israels zum Kreml dessen Ministerpräsident Netanjahu war, der Trump in diesen Krieg hineingezogen habe.

Die innenpolitische Debatte in Russland zum Krieg in Nahost ist eng verknüpft mit dem Krieg gegen die Ukraine. Die Regimetreuen glauben, der Krieg im Nahen Osten könnte zum eigenen Vorteil werden. Seit die USA und Israel am 28.02.2026 Angriffe auf die Islamische Republik gestartet haben, hat Iran Hunderte von ballistischen Raketen und Drohnen in Richtung Israel und Golfstaaten abgefeuert. Die meisten davon wurden mit PAC-3-Patriot-Raketen abgefangen, auf die sich auch die Ukraine bei der Verteidigung vor ballistischen Raketen aus Russland verlassen muss. Die etwa 600 Patriots, die jährlich von Lockheed Martin hergestellt werden, würden unter diesen Umständen nicht lange ausreichen, um den Bedarf der USA, ihrer Verbündeten am Golf sowie an der Nato-Ostflanke und in der Ukraine zu decken. Die russische „Z“-Kriegs-Propaganda bejubelt dies schon, obwohl Lockheed Martin inzwischen 2000 Patriots pro Jahr verspricht, und auch das französisch-italienische Luftabwehrsystem SAMP/T, das über ähnliche Fähigkeiten verfügt, als eine europäische Alternative erwartet wird.

Iran war in den letzten Jahren politisch und wirtschaftlich einer der wichtigsten Partner Russlands in der sogenannten antiwestlichen Front. Seit dem 24. Februar 2022 nahm die Zusammenarbeit eine strategische Dimension an. Aus dem Iran stammende Shahed-Drohnen wurden zum Symbol für den russischen Terror gegen die zivile ukrainische Infrastruktur. Heute werden sie größtenteils als Geran-2 in der russischen autonomen Republik Tatarstan hergestellt. Die Expertin Hannah Notte erwähnt, dass Russland keine Hilfe mehr aus Iran benötigt, um seinen Krieg fortzusetzen. Die russische Produktionslinie von ursprünglich iranischen Drohnen wurde modernisiert. Der Ausfall von Munitions- und Raketenlieferungen würde das russische Potenzial nicht grundlegend verändern. Gleichzeitig könnte die Iran-Krise die Spannungen zwischen Europa und den USA verschärfen und die Aufmerksamkeit Washingtons ganz von der Ukraine ablenken.

Putins Albträume

Unabhängige Exiljournalisten aus Russland als Sprachrohr der kleinen kremlkritischen Elite sind der Ansicht, der Angriff auf Iran habe Putin persönlich erschüttert, über dessen Paranoia schon lange diskutiert wird. Der Tod von Ali Khamenei bringt den Machtzirkel im Kreml folglich dem eigenen Herrschaftsverständnis nach in eine schwierige Lage.

Eine verwackelte Aufnahme, auf der der libysche Diktator 2011 gelyncht wurde, soll Putin laut dem Journalisten und Buchautoren Michail Zygar („Endspiel - Die Metamorphosen des Wladimir Putin", 2015) zum gesundheitlichen Zusammenbruch geführt haben. „Ist das die Demokratie?”, habe der wütende Kremlführer damals gefragt. Dies sei eine Art Wendepunkt in Putins Herrscherdasein gewesen. Alexander Baunow, vom Carnegie Russia Eurasia Center hält fest, dass das brutale Ende Gaddafis Putin in der Überzeugung bestärkte, der Westen würde nicht nur Regime stürzen, sondern dies auch noch nach außen zelebrieren. Seitdem sucht Putin die Selbstisolation.

Für den russischen Staatschef haben die Ereignisse in Iran  also eine persönliche Dimension. „Darüber möchte ich gar nicht sprechen“ entgegnete Putin, als Teheran im Juni 2025 von den USA und Israel erstmalig bombardiert wurde und ein Propaganda-Reporter ihn nach der Gefahr von Khameneis Tötung fragte. Dieses Szenario wurde am 28. Februar zur Realität. Die Tötung eines Staatsoberhauptes wie Khamenei, die damit einhergehende „Entweihung der Macht“ durch die amerikanisch-israelischen Luftschläge, kann an einem autoritären Herrscher wie Putin nicht einfach so abprallen, erklärt z. B. die FAZ. Beachtenswert dabei ist, dass für Putin die eigene persönliche Betroffenheit wahrscheinlich wichtiger ist als die strategische Dimension. Dementsprechend hat der schnelle Niedergang von Verbündeten – Assad, Maduro und Khamenei – in den russischen Staatsmedien die Rhetorik von Russland als belagerter Festung neu entfacht.

Folgen für die Wirtschaft

Wirtschaftlich kann Russland von der Zunahme der Erdöl- und Gasexporte kurzfristig profitieren. Bereits nach fünf Tagen Krieg genehmigte Präsident Trump trotz US-Embargos bspw. Indien den sanktionsfreien Bezug russischen Erdöls für eine Dauer von 30 Tagen. Dies gilt aber nur, solange kriegsbedingt eine Ausfuhr aus der Golfregion unterbunden bleibt und die Ölpreise steigen. Die russische Machtelite hofft, dass Russland möglichst lange von steigenden Verkaufspreisen und steigenden Exporten profitieren kann. Die autoritären Mächte und wirtschaftlichen Verbündeten Moskaus würden geschwächt werden, sollten die iranische Zivilgesellschaft es schaffen, die Herrschaft der Mullahs zu stürzen. Russland fürchtet um seine massiven Investitionen in Infrastruktur-Projekte (Straßen, Schienen, Häfen) und Ölindustrie auf dem Gebiet des Iran.  

Fazit

Dem Kreml fehlen die Mittel, um den amerikanisch-israelischen Angriffen als Verbündeter des Iran energischer entgegenzuwirken. Laut The Washington Post vom 06.03.2026 mit Hinweisen auf durchgesickerte Geheimdienstinformationen liefert Russland zwar Geheimdienstmaterial über US-Militärstandorte an die Islamische Republik, die militärische Bedeutung der russischen Informationen für das Mullah-Regime lässt sich jedoch schwer erkennen. Zudem erweisen sich die aus Russland an Iran gelieferten Luftabwehr-Waffensysteme erneut als unwirksam für den Ernstfall. An den am 17.01.2025 in Moskau mit Stolz ausgehandelten Vertrag über strategische Partnerschaft mit Iran mag sich der Kreml Ende Februar 2026 nicht mehr erinnern.

Russland ist wirtschaftlich und mental ermüdet und bislang nicht in der Lage, militärisch davon zu profitieren, dass sich der Westen zunehmend mit den Angelegenheiten am Persischen Golf beschäftigt. Russlands Hoffnungen auf die Schwächung des ukrainischen Widerstandes in Folge des Krieges im Nahen Osten sind zudem als unrealistisch zu bezeichnen. Die ukrainische Armee hat sich zu einem professionellen und gefährlichen Gegner entwickelt, und diese Entwicklung setzt sich mit europäischer Hilfe fort. Die Ukrainer sind selbst in der Lage, durch weiteren Ausbau eigener militärischer Fähigkeiten Putins Rüstungsindustrie tief im russischen Hinterland anzugreifen. Auch die ukrainischen Abfangdrohnen werden in Expertenkreisen hochgeschätzt und aktuell von den USA für die Golfregion angefragt. Insgeheim hofft Putin bezüglich der Verhandlungen für einen Waffenstillstand mit der Ukraine immer noch auf Trumps Wohlwollen, weswegen er den Angriff auf den Iran nicht zu lautstark kritisiert.

Ein kompletter Sturz des Teheraner-Regimes würde zum Verlust einer von drei Säulen führen, die das strategische Dreieck von Moskaus Allianzen definierten: Belarus im Westen, Nordkorea im Osten und Iran im Süden. Ein möglicher Regime-Wechsel auf Kuba wäre danach aus der internen Kreml-Perspektive schwer zu verkraften. All dies führt dazu, dass die Abhängigkeit des Kremls von China ins Unermessliche wächst.

Khameneis Tod bezeugt gegenüber der Weltöffentlichkeit unmissverständlich, dass jede russische Lebensversicherung gegenüber verbündeten Despoten wertlos ist – Putins Verzweiflung wird deutlich, wenn er wegen Irans getöteten, blutrünstigen Gewaltherrschers und Holocaustleugners Ali Khamenei auf einmal das nie von ihm selbst respektierte Völkerrecht beansprucht. Die Furcht vor Amerikas Unberechenbarkeit dürfte im Kreml stark zugenommen haben.