Nahost
Widerstandsfähigkeit auf dem Prüfstand: Indonesiens Reaktion auf den Iran-Krieg
US President Donald Trump (L) shakes hands with Indonesia's President Prabowo Subianto at the "Board of Peace" meeting
© Ministry of State Secretariat of the Republic of Indonesia, 20 February 2026Tausende von Kilometern entfernt tobt ein Krieg und die Auswirkungen sind an einem schwülen Morgen in Jakarta bereits zu spüren. Motorradtaxifahrer scrollen an ihren Handys, um herauszufinden, ob die Kraftstoffpreise weiter steigen. Auf traditionellen Märkten heben Händler stillschweigend ihre Preise an: Reis ist etwas teurer geworden, Speiseöl kostet etwas mehr als letzte Woche. Der Krieg, den Israel und die USA mit dem Iran führen, mag sich zwar im Nahen Osten abspielen, doch in Indonesien ist er im täglichen Geschäftsleben zu spüren. Für Jakarta ist dies ein Paradox der modernen Neutralität: Man kann sich aus dem Krieg heraushalten, doch der Krieg hält sich nicht aus der eigenen Wirtschaft heraus.
Indonesien hat so reagiert, wie es es am besten kann: indem es sich auf seine seit langem verfolgte Doktrin der „bebas aktif“ – also einer „freien und aktiven“ Außenpolitik – stützt, dem Leitmotiv seiner Bündnisfreiheit. Das Land hat zur Zurückhaltung aufgerufen, in multilateralen Foren zum Dialog gedrängt und es vermieden, Partei zu ergreifen. In offiziellen Erklärungen wird der Frieden betont. Diplomaten drängen auf Deeskalation. Es wird davon gesprochen, dass Indonesien eine mögliche Brücke zwischen den gegnerischen Blöcken sein könnte.
Hinter dieser neutralen Formulierung verbirgt sich jedoch eine härtere Wahrheit: Indonesien hat kaum Einfluss darauf, wie sich dieser Konflikt entwickelt, ist aber seinen Auswirkungen stark ausgesetzt. Indonesien importiert täglich etwa 700.000 bis 800.000 Barrel Öl, was etwa 20 Prozent der gesamten Rohölimporte des Landes ausmacht, wodurch es äußerst anfällig für globale Preisschocks ist. Trotz der Tatsache, dass das Land über reichhaltige Ölreserven verfügt, ist Indonesien nach wie vor stark von Ölimporten abhängig. Einer der Hauptgründe dafür ist die begrenzte Anzahl und Kapazität der Ölraffinerien, die der aktuellen Nachfrage nicht gerecht werden. Importe sind notwendig, um die Lücke im Kraftstoffverbrauch des Landes zu schließen. Nach der Blockade der Straße von Hormus, die für fast 20 % der weltweiten Ölversorgung verantwortlich ist, stiegen die Preise auf über 100 US-Dollar pro Barrel, was einem Preisanstieg von 7,42 % entsprach.
Für die indonesische Regierung bedeutet dieser Anstieg eine Belastung für den Staatshaushalt, auch wenn sie einen Teil der Kosten durch höhere Einnahmen aus Kohleexporten ausgleichen kann. Die weltweite Nachfrage nach anderen Energiequellen hat das Volumen der Kohleexporte in die Höhe getrieben. Doch auch dieser Puffer hat seine Grenzen und die Subventionkosten für Kraftstoffe, ohnehin schon ein politisch heikles Thema, steigen deutlich. Ein Anstieg der weltweiten Ölpreise um 10 Dollar kann das Staatsdefizit um Hunderte Millionen Dollar in die Höhe treiben. Die politischen Entscheidungsträger stehen vor einem altbekannten Dilemma: die Kosten zu Lasten der öffentlichen Finanzen oder sie an die Verbraucher weitergeben und soziale Unruhen riskieren. Derzeit bleibt die öffentliche Stimmung relativ verhalten, vor allem weil es der Regierung noch gelingt, die subventionierten Kraftstoffpreise stabil zu halten. Doch das eigentliche Risiko ist nicht ein plötzlicher Funke, sondern ein langsamer finanzieller Aderlass, der letztendlich eine Entscheidung erzwingt, die niemand treffen will.
Für die normale Bevölkerung Indonesiens sind die Auswirkungen unmittelbarer zu spüren. Zunächst steigen die Transportkosten. Dann folgen die Lebensmittelpreise, angetrieben durch teurere Logistik und Düngemittel. Nach ersten Schätzungen könnte der Inflationsdruck durch einen anhaltenden Krieg die jährliche Inflationsrate Indonesiens um 0,5 bis 1 Prozentpunkt steigen lassen.
Es ist noch keine Krise. Aber die Lage spitzt sich langsam zu. Die mit dem Nahen Osten verbundenen Schifffahrtsrouten sind unzuverlässig geworden, was die Frachtkosten stark in die Höhe treibt. Einigen Schätzungen zufolge haben sich die Containerfrachtraten auf wichtigen Routen seit Beginn der Eskalation verdoppelt oder verdreifacht.
Höhere Frachtkosten beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit von Waren wie Textilien, Elektronik und Palmöl. Gleichzeitig verteuern sich importierte Rohstoffe, was Hersteller, die ohnehin schon mit knappen Margen arbeiten, zusätzlich unter Druck setzt.
Kleine und mittlere Unternehmen, die das Rückgrat der indonesischen Wirtschaft bilden, sind besonders anfällig. Im Gegensatz zu großen Konzernen verfügen sie nicht über die nötigen Puffer, um plötzliche Kostensteigerungen abzufedern. In Industriegebieten von Westjava bis Batam sind die Auswirkungen zwar unterschiedlich stark, aber dennoch spürbar: verspätete Lieferungen, geringere Gewinnspannen, zurückhaltende Personalpolitik.
Der Krieg rückt näher als erwartet
Die Bündnisfreiheit Indonesiens hat das Land nicht vor den Folgen des Konflikts bewahrt. Im Südlibanon, wo Indonesien eine der größten Kontingente an Friedenstruppen für die UN-Mission UNIFIL stellt, sind die regionalen Auswirkungen des Krieges zunehmend gefährlicher geworden. Inmitten eskalierender Feindseligkeiten wurden drei indonesische Mitglieder der UN-Mission getötet. Eine eindringliche Mahnung, dass selbst neutrale Akteure nicht immun sind.
Indonesien ist seit langem stolz auf seinen Beitrag zur weltweiten Friedenssicherung; derzeit sind rund 2700 Soldaten in UN-Missionen weltweit im Einsatz. Doch der Vorfall hat eine Debatte ausgelöst: Wie weit sollte Indonesien bei der Einhaltung seiner internationalen Verpflichtungen gehen, wenn Konflikte immer unberechenbarer werden? Für die Familien der im Ausland stationierten Soldaten bietet Neutralität wenig Trost.
Auf diplomatischer Ebene bewegt sich Indonesien weiterhin auf einem schmalen Grat. Es verurteilt Eskalationen, ohne bestimmte Seiten allzu deutlich zu benennen. Es unterstützt humanitäre Bemühungen und vermeidet es zugleich, sich in militärische Koalitionen zu verstricken. Es spricht die Sprache des Völkerrechts, der Souveränität und des Dialogs. Diese Positionierung ermöglicht es Indonesien, Beziehungen in einer zersplitterten Weltordnung aufrechtzuerhalten – von westlichen Partnern bis hin zu Ländern im Nahen Osten.
In diesem Zusammenhang ist Neutralität jedoch weniger eine Position der Stärke als vielmehr eine der Notwendigkeit. Indonesien fehlt der Einfluss, um den Konflikt zu gestalten. Was es tun kann, ist, seine Anfälligkeit gegenüber wirtschaftlichen Schocks, geopolitischem Druck und den Risiken, denen seine Bürger im Ausland ausgesetzt sind, zu bewältigen.
Außenpolitik im Fokus
Der Konflikt stellt die Außenpolitik von Präsident Prabowo auf die Probe: ihre Kohärenz sowie ihre Fähigkeit, angemessen auf die sich wandelnden globalen Dynamiken zu reagieren.
Als demokratische Nation mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung hat sich Indonesien historisch als lautstarker Verfechter der palästinensischen Sache positioniert und oft eine starke pro-palästinensische Haltung zum Ausdruck gebracht, sowohl in seiner Rhetorik als auch seinen Handlungen. Diese Haltung war innenpolitischen eng mit der öffentlichen Meinung sowie mit der Identität Indonesiens innerhalb der muslimischen Welt verbunden.
Präsident Prabowo hat jedoch im Februar die Entscheidung getroffen, Trumps „Friedensrat“ beizutreten, einer US-amerikanischen Initiative, in der Palästinenser nicht repräsentiert sind. Dies deutet darauf hin, dass sich Indonesiens diplomatische Haltung möglicherweise verändert: hin zu einer eher transaktionalen Position, die der Pflege der bilateralen Beziehungen zu den USA Vorrang vor der Aufrechterhaltung der prinzipiellen Verpflichtungen einräumt, die die indonesische Außenpolitik lange geprägt haben und bei den Bürgern großen Anklang fanden. Während der Beitritt zum „Friedensrat“ bereits Debatten ausgelöst hatte, hat der Angriff der USA und Israels auf den Iran außenpolitische Entscheidungen in den Fokus gerückt und zu weiteren innenpolitischen Gegenreaktionen geführt, wie Umfragedaten zeigen. Eine landesweite Umfrage, die von einem Konsortium aus drei großen Meinungsforschungsinstituten durchgeführt wurde, ergab, dass 51 Prozent der Indonesier mit der Mitgliedschaft des Landes im „Friedensrat“ nicht einverstanden sind. Nur 27 Prozent unterstützen sie.
Der Krieg hat Präsident Prabowo in eine unangenehme Lage versetzt. Indonesien hat den Krieg öffentlich verurteilt und zu Friedensgesprächen aufgerufen, doch seine Wortwahl fiel dabei deutlich zurückhaltender aus. Diese vorsichtige Formulierung spiegelt Prabowos Dilemma wider: Er möchte Indonesiens Bekenntnis zum Völkerrecht wahren, will aber gleichzeitig die Beziehungen des Landes zu den USA nicht beeinträchtigen. Das Problem ist, dass Indonesien durch den Versuch, es allen recht zu machen, letztendlich niemandem gerecht wird.
Indonesien versucht, sich in eine sichere Lage zu bringen, indem es klare Parteinahmen vermeidet und auf einen diplomatischen Dialog drängt. Dennoch zahlt es einen Preis, unter anderem in Form höherer Lebenshaltungskosten, einem höherem Staatsdefizit und auch dem Leben seiner Friedenstruppen. Indonesien mag zwar in der Mitte stehen, doch steht es auf wackligem Boden.
*Khansadhia Afifah Wardana ist Programmbeauftragte im Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Jakarta, Indonesien.