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Krieg im Nahen Osten
Zapfsäule, Dünger, Dilemma

Was die Hormus-Sperre für Südafrika bedeutet
Iran ZA

Die Flaggen des Iran und Südafrikas

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Die wirtschaftlichen Folgen der Hormus-Krise sind global – aber asymmetrisch. Energieimporteure trifft es härter als Exporteure, ärmere Volkswirtschaften stärker als reiche, Länder mit geringen Reserven schwerer als solche mit stabilen Puffern. Südafrika gehört zu den strukturell verwundbarsten Volkswirtschaften im südlichen Afrika: Mehr als 90 Prozent des Kraftstoffs werden importiert, strategische Reserven sind begrenzt, die inländische Raffineriekapazität ist gering. Was trifft dieses Land konkret – und was droht noch?

Kraftstoff: Preisdruck mit direkter Konsumwirkung

Südafrika importiert über 90 Prozent seines Kraftstoffs. Ein großer Anteil der Diesel-, Benzin- und Kerosinversorgung kommt aus Golfstaaten – insbesondere aus Oman, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Mit dem faktischen Erliegen des Schiffsverkehrs durch die Straβe von Hormus wurde das Land abrupt von seinen wichtigsten Bezugsquellen abgeschnitten. Der südafrikanische Kraftstoffpreismechanismus orientiert sich am Weltmarkt, als ob jeder Liter frisch importiert würde – sodass steigende Rohölpreise, Versicherungs- und Frachtkosten sich ohne Puffer direkt an der Zapfsäule niederschlagen.

Aktuelle Vorhersagen des staatlichen Central Energy Fund (CEF), der die Kraftstoffpreise in Südafrika monatlich berechnet und empfiehlt, deuten für Mai 2026 auf Benzinpreissteigerungen von bis zu 2,63 Rand pro Liter hin. Für Diesel werden Aufschläge zwischen 2,00 und 4,00 Rand pro Liter prognostiziert. Der Rand-Dollar-Wechselkurs (derzeit ca. 16,47 Rand pro Dollar) verstärkt den Preisdruck zusätzlich. Die Regierung hat die Kraftstoffsteuer vorübergehend um 3,00 Rand pro Liter gesenkt. Ökonomen wie Gina Schoeman von der Citigroup halten eine Verlängerung dieser Maßnahme um ein bis zwei Monate für fiskalisch tragbar – zu Kosten von 10 bis 12 Milliarden Rand. Eine strukturelle Lösung ist damit jedoch nicht verbunden.

Die Regierung hat schneller als erwartet auf die Versorgung reagiert: Die Branche hat ihre Bezugsquellen nach Mexiko, Brasilien und verstärkt in die USA diversifiziert. Laut Analysten sind die Lagerbestände aktuell stabil. Diesel ist knapper als Benzin, aber verfügbar. Die Wettbewerbskommission untersucht derzeit Fälle von Preistreiberei.

Düngemittel und Ernährungssicherheit

Rund ein Drittel der globalen Urea-Produktion, der wichtigste Stickstoffdünger, wird aus den Golfstaaten exportiert und passiert normalerweise die Straße von Hormus. Eine Unterbrechung in diesem Bereich würde die südafrikanische Landwirtschaft in einer kritischen Phase treffen. Steigende Düngemittelpreise erhöhen die Produktionskosten für Mais, Weizen und Soja. Das sind Grundnahrungsmittel, bei denen Südafrika trotz lokaler Produktion auf stabile Inputpreise angewiesen ist. Für einkommensschwache Haushalte, die einen überproportional hohen Anteil ihres Budgets für Nahrungsmittel aufwenden müssen, drohen spürbare Teuerungen. Der Internationale Währungsfonds warnt explizit davor, dass steigende Düngemittelpreise in Entwicklungsländern nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein soziales und politisches Problem darstellen.

LNG und Energieinfrastruktur

Die globale Verfügbarkeit von LNG ist drastisch zurückgegangen, nachdem die Ras-Laffan-Anlage in Katar – die weltweit größte Anlage zur Verflüssigung von LNG – durch iranische Raketen beschädigt wurde. Die Reparaturarbeiten könnten Jahre dauern. Für Südafrika, das seinen Energiemix unter anderem durch Gasimporte diversifizieren möchte, verschlechtert sich dadurch die mittelfristige Planungsgrundlage, denn ein global verknapptes und verteuertes LNG-Angebot macht den Aufbau einer verlässlichen Gasversorgung für Südafrika sowohl kostspieliger als auch unsicherer.

Südafrikas außenpolitischer Balanceakt

Der Ausbruch des Iran-Krieges trifft Südafrika in einem Moment erheblicher außenpolitischer Zerrissenheit. Pretoria befindet sich in einem unangenehmen Spannungsfeld. Einerseits gibt es die historische Verbundenheit mit dem Iran und die BRICS-Mitgliedschaft, andererseits besteht die dringende Notwendigkeit, die stark belasteten Wirtschaftsbeziehungen mit den USA zu stabilisieren – zumal Washington einen Einfuhrzoll von 30 Prozent auf südafrikanische Waren verhängt hat.

Präsident Cyril Ramaphosa positionierte sich offiziell als Vermittler. Er verurteilte den Angriff der USA und Israels implizit als unvereinbar mit dem Völkerrecht („Antizipatorische Selbstverteidigung ist nach internationalem Recht nicht gestattet”) – ohne die USA namentlich zu nennen – und bot die Dienste Südafrikas zur Konfliktlösung an. Ramaphosa versucht einen fast unmöglichen Spagat: weder soll Washington verärgert noch der Iran brüskiert werden.

Brisanz erhält diese Haltung aber durch die BRICS-Marineübung „Will for Peace“ vom Januar 2026. Trotz ausdrücklicher Anweisung Ramaphosas nahm die iranische Marine an dem gemeinsamen Marinemanöver vor Simons Town teil. Der Präsident ordnete eine Untersuchung an, doch der Schaden für Südafrikas Glaubwürdigkeit in Washington war zu diesem Zeitpunkt bereits eingetreten. Die US-Botschaft kommentierte dies scharf: Südafrika könne „die Welt nicht über Gerechtigkeit belehren, während es sich an den Iran anbiedert”.

Aus liberaler Sicht ergibt sich hier ein fundamentales Problem: Eine südafrikanische Außenpolitik, die auf wertebasierter Neutralität beruhen sollte, gerät durch die enge Verbundenheit mit autoritären BRICS-Mitgliedern unter Druck. Der Versuch, zwischen demokratischen Partnern und Autokratien zu jonglieren, ist langfristig weder glaubwürdig noch im Interesse der südafrikanischen Bevölkerung, deren Wohlstand von offenen Märkten, regelbasiertem Handel und stabiler Energieversorgung abhängt. Im Iran-Konflikt hat BRICS keinerlei kollektive Position formuliert. Das Bündnis bleibt uneins: Während Russland, China und Brasilien die US-israelischen Angriffe verurteilten, verweigerte Indien eine klare Stellungnahme. Südafrika schwieg ebenfalls. Das unterstreicht, was Analysten schon länger betonen. BRICS ist keine geopolitische Allianz und kann Südafrika in Krisenzeiten kaum verlässliche Rückendeckung bieten.

Verwundbarkeit als politischer Auftrag

Die Hormus-Krise legt strukturelle Schwächen Südafrikas offen, die weit über den aktuellen Konflikt hinausweisen. Dazu zählen eine zu hohe Abhängigkeit von Importen fossiler Energie, das Fehlen umfangreicher strategischer Rohstoffreserven, eine mangelnde Raffinierungskapazität im Inland sowie eine außenpolitische Orientierung, die teilweise wirtschaftlichen Interessen nachgeordnet ist. Die unmittelbare Reaktion der Regierung – Diversifizierung der Energiebezugsquellen und vorübergehende Steuererleichterungen – zeigt zwar Handlungsfähigkeit, doch strukturell bleibt Südafrika exponiert.

Ein konsequent liberaler außenpolitischer Kurs würde Folgendes bedeuten: Vorrang für regelbasierte multilaterale Strukturen, klare Distanz zu autoritären Partnern und entschlossene Investitionen in die Energiesouveränität. Südafrika hat das Potenzial, regionale Führungsverantwortung zu übernehmen – aber nur, wenn sich seine Außenpolitik nicht länger zwischen dem Erbe antiwestlicher Solidarität und den realen Interessen seiner Bürgerinnen und Bürger bewegt – eine Haltung, die die Stiftungspartnerin Democratic Alliance, Koalitionspartner in der GNU, konsequent vertritt.