Krieg in Europa
"Atomwaffen sind für Putin Machtmaximierer"

Atomwaffe

Eine Interkontinentalrakete des Typs Topol M bei einer Militärparade im Jahr 2009

© picture alliance / dpa | Vitaly Belousov

Atomwaffen, Abschreckung, Angriffskrieg: Diese Themen galten lange Zeit als überholt in Europa. Russlands Überfall auf die Ukraine bringt nun jedoch sogar die Gefahren eines Nuklearkriegs zurück ins öffentliche Bewusstsein. Moskau versetzte schon kurz nach Kriegsbeginn seine „Abschreckungswaffen“ in Alarmbereitschaft und spielt regelmäßig mit der Angst vor der Bombe. Welche Rolle spielen Atomwaffen für Russland? Wie hoch ist das Risiko einer nuklearen Eskalation in der Ukraine und darüber hinaus wirklich? Und worauf müssen sich Deutschland und der Westen mit Hinblick auf Russlands Atompolitik in Zukunft einstellen?

Eine kurze Einschätzung über diese Fragen gibt uns PD Dr. Gerlinde Groitl. SIe ist habilitierte Politikwissenschaftlerin und forscht und lehrt an der Professur für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen der Universität Regensburg.

FNF: Ein Teil der russischen Militärdoktrin ist die Zielbekämpfung mit taktischen nuklearen Waffen. Wie viele Atomwaffen hat Russland und welche Rolle spielen sie für Putins Machterhalt?

Dr. Gerlinde Groitl: Nach Schätzungen vom Februar 2022 besitzt Russland etwa 6.000 Atomsprengköpfe und damit knapp vor den USA das größte Atomwaffenarsenal der Welt: rund 2.000 taktische Atomwaffen, 2.500 strategische Atomwaffen und 1.500 nicht einsatzbereite Sprengköpfe. Als taktische Atomwaffen werden solche mit geringerer Sprengkraft bezeichnet, die als Gefechtsfeldwaffen eingesetzt werden können, während wir beim strategischen Arsenal von Atomwaffen sprechen, die über sehr lange Strecken (z.B. mit Interkontinentalraketen) an ihr Ziel gebracht werden und vernichtende Wirkung hätten. Ob strategisch oder taktisch - natürlich handelt es sich immer um Nuklearwaffen mit all ihren Nebenwirkungen, die ausschließlich der Abschreckung dienen sollten. Russland misst seinem nuklearen Arsenal große Bedeutung bei, um konventionelle Schwäche auszugleichen. Insofern behält sich Russland einen Nuklearwaffeneinsatz vor, etwa wenn das Überleben des Staates bedroht ist. Atomwaffen sind für Putin Machtmaximierer: Es ist die einzige Machtkategorie, in der Russland den USA ebenbürtig ist und im globalen Maßstab als Supermacht gelten kann.

Mit seinen nuklearen Drohgebärden möchte Moskau nicht nur westliche Regierungen davon abschrecken, die Ukraine zu unterstützen, sondern auch die Öffentlichkeit einschüchtern. Wie wahrscheinlich ist der Einsatz von Atomwaffen in diesem Krieg?

Ich halte das nicht für wahrscheinlich. Wir müssen zwei Szenarien unterscheiden: Sprechen wir über die Gefahr eines Einsatzes taktischer Atomwaffen in der Ukraine? Oder geht es um das Risiko, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO eskaliert, der dann wiederum womöglich die Schwelle zum Nuklearkrieg überschreiten könnte? Beides sind natürlich Schreckensszenarien, die es zu verhindern gilt. In der Öffentlichkeit wird primär über die Gefahr eines „nuklearen Weltkriegs“ diskutiert. Doch wie im Kalten Krieg gilt das Prinzip der nuklearen Abschreckung zwischen Russland und den USA: Einen solchen Nuklearkrieg kann man nicht gewinnen, das weiß Moskau. Auch der Einsatz taktischer Atomwaffen wäre ein Tabubruch mit fatalen Konsequenzen. Bislang gibt es keine Anzeichen für das eine oder das andere Horrorszenario. Die USA lassen sich auf Russlands Atomdrohungen übrigens nicht ein, während die NATO und alle ihre Mitglieder genau darauf achten, trotz Unterstützung der Ukraine nicht zur Kriegspartei zu werden. Das ist gut so.

Worauf müssen sich Deutschland und der Westen mit Hinblick auf Russlands Atompolitik in Zukunft einstellen und welche Folgen könnten für die internationale Ordnung entstehen?

Russland ist keine aufstrebende Macht, sondern wirtschaftlich schwach und offenkundig auch militärisch nicht so gut aufgestellt, wie die Welt dachte. Moskau nutzt die Angst vor der Bombe als Druckmittel, um seine Ziele zu verfolgen. Ich befürchte, dass wir dieses Verhalten auch weiterhin sehen werden. Ein Kernproblem ist die Erosion der Rüstungskontrolle, die entscheidend zur Stabilität im Kalten Krieg und danach beigetragen hatte. China war hier aber ohnehin außen vor und rüstet heute massiv nuklear auf. Es bräuchte also dringend eine Wiederbelebung der Rüstungskontrolle unter Einbezug Chinas. Die Chancen dafür stehen derzeit leider nicht gut. Deutschland und Europa müssen sich darauf einstellen, dass Nuklearwaffen und Abschreckung bleibende Themen sind. Wir müssen – etwa im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO – unseren Beitrag dazu leisten.

 

PD Dr. Gerlinde Groitl ist habilitierte Politikwissenschaftlerin und forscht und lehrt an der Professur für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen der Universität Regensburg. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die amerikanische, deutsche und europäische Außen- und Sicherheitspolitik, die transatlantischen Beziehungen sowie Großmachtkonkurrenz und Weltordnungsfragen.

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