Bruch mit dem Mainstream

Zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an Verhaltensökonom Richard Thaler

Meinung11.10.2017Thomas Straubhaar
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"Der diesjähriger Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft hat es in sich, jedenfalls für Liberale. Ihn erhält der Verhaltensökonom Richard H. Thaler, der geistige Vater der Idee des „Nudging“, zu Deutsch „Anschubsen“. Gemeint ist damit die Veränderung des Rahmens einer Entscheidungssituation, und zwar mit dem Ziel, dass sich die Menschen eher für das entscheiden, was als gesellschaftlich wünschenswert gilt. In der Fachsprache nennt man dies „Framing“, und das am nächsten liegende Beispiel dafür ist der Supermarkt, der per Gesetz darauf verzichten muss, in der Nähe der Kasse die Süßigkeiten aufzutürmen, damit die Kinder der Kunden beim Schlangenstehen nicht herumquengeln, um die Eltern zu überzeugen, ihnen zuckerhaltige Bonbons oder Schokolade zu kaufen. Freiheitlich Denkende kommen da ins Grübeln: Ist das fragwürdiger Paternalismus oder legitime Lenkung?

In jedem Fall ist es wirksam, wie die Verhaltensökonomik empirisch längst belegt hat – und zwar nicht nur für Supermärkte. Mein Kollege Thomas Straubhaar, Professor der Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Mitglied im Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit, hat die Arbeit von Richard H. Thaler in der Tageszeitung DIE WELT gewürdigt. Sein Fazit: Thaler betreibt höchst innovative Wissenschaft, aber mit offenen politischen Folgen. In jedem Fall liefert er eine weitere intellektuelle Herausforderung für den modernen Liberalismus: Wie weit darf der Staat bei der Gestaltung von privaten Entscheidungen gehen, um öffentliche Ziele durchzusetzen? Bis hin zur dreisten Manipulation? Wo beginnt die? Und wer formuliert die Ziele? Wichtige Fragen für die Agenda der kommenden Jahre, auch für unsere Stiftung."

Karl-Heinz Paqué, stv. Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Eine Erstversion dieses Artikels von Thomas Straubhaar erschien am 10. Oktober 2017 in der Onlineausgabe der WELT.

"Dass mit Richard Thaler ein Verhaltensökonom den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat, ist zwar nichts Neues. Bereits Gary Becker (der Laureat des Jahres 1992) wurde „für seine Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens und menschlicher Zusammenarbeit“ geehrt, wie damals das Nobel-Komitee die Preisvergabe begründete. Aber Becker war noch ein „Chicago Boy“ der alten Schule, der den Homo Oeconomicus über alles stellte und mit zum ökonomischen Imperialismus der Wirtschaftswissenschaften über andere Disziplinen beitrug.

Thaler ist da ganz anders, selbst wenn auch er seit 1992 an der University of Chicago forscht und lehrt. Er ist „new school“. Das war zu Beginn seiner Karriere noch nicht erkennbar. Denn in seiner Doktorarbeit von 1974 ging es noch knallhart ökonomistisch zu. Thaler wollte nämlich den ökonomischen Wert eines geretteten Menschenlebens ermitteln. Der Tradition Adam Smith, dem Stammvater der Ökonomen, folgend, war er überzeugt, dass Menschen sich höhere berufliche Risiken in Form höherer Löhne bezahlen lassen, dass also beispielsweise wer die Fenster der New Yorker Wolkenkratzer von außen putzt besser bezahlt ist, als wer die Fenster drinnen reinigt. Da folgte Thaler noch dem nutzenmaximierenden Menschenbild des Mainstreams.

Der traditionellen Ökonomik folgend, ging es bei Thaler danach um die Frage, wie sich Geschwindigkeiten auf Autobahnen optimal begrenzen ließen, oder – weiter ganz im Geiste der Neoklassik und von Gary Becker (auf den er sich auch explizit bezieht) - darum, wie weit sich Nutzen maximierende Kriminelle durch härtere Strafen von ihren bösen Taten abhalten ließen.

Erst danach wandelte sich Thalers wissenschaftliches Interesse. Mehr und mehr wandte er sich dem menschlichen Verhalten jenseits des kühl rational handelnden Homo Oeconomicus zu. Deshalb steht Thaler in den Fußstapfen von Daniel Kahneman, der den Nobelpreis 2002 erhielt „für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit“, wie es damals in seiner Laudatio hieß. Kein Zufall (auch angesichts dessen, dass frühere Nobelpreisträger bei späteren Auswahlverfahren von der königlichen Wissenschaftsakademie in Stockholm mit einbezogen werden), dass Thaler mit Kahnemann vor dreißig Jahren eine Serie bereits zu jener Zeit herausragender Publikationen verfasste zu Themen wie „Fairness“, „sozialen Kosten“, „Psychologie des Nutzens“, „Kurzsichtigkeit des Verhaltens“ und zur „Psychologie des Sparens“.

MigrationsforscheThomas Straubhaar über die Strategielosigkeit in Sachen Flüchtlingspolitik
Thomas Straubhaar ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Der Migrationsforscher gehört dem Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit an.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit | liberal-Magazin

Besonders der von Richard Thaler, Daniel Kahneman und Jack Knetsch identifizierte Effekt, dass Menschen nicht gleichgültig ist, wem was gehört, und dass sie Dinge wertvoller finden, sobald sie sie besitzen, widersprach einer Erkenntnis, für die Ronald Coase 1991 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Bereits 1980 hatte Thaler festgestellt, dass Menschen für den Verkauf eines ihnen gehörenden Gegenstands einen viel höheren Preis verlangen als sie selber bereit wären für den Neuerwerb dafür zu bezahlen. Ein „Ausstattungseffekt“, der sehr gut ein scheinbar irrationales Verhalten von Anlegern erklärt, die Wertpapiere in ihrem Portfolio belassen, obwohl sie nicht bereit wären, zum Tageskurs weitere dazuzukaufen. Zieht man also „Verlustängste“ mit ein, löst sich die Irrationalität auf und es wird plausibel, wie Menschen an Dingen und Anlegern an Aktien festhalten, obwohl sie offenbar der Meinung sind, dass der aktuelle Wert höher als der „richtige“ Wert sei. Es ist diese Neigung, den bestehenden Status Quo zu positiv und mögliche Verlustängste zu negativ zu bewerten, die auch dazu führt, dass es an sich offensichtlich notwendige politische Reformen so schwer haben, in der Realität umgesetzt zu werden. Menschen halten lieber an Bekanntem und Gewohntem fest, selbst wenn völlig klar ist, dass sie ihr Verhalten ändern sollten.

Am Ende dieser Schaffensphase folgte dann das neue Bekenntnis des Richard Thalers im Jahr 1996: Auf die Frage, wie Ökonomen Ökonomie denken sollten, forderte er zu einer „Ökonomie ohne Homo Oeconomicus“ auf. Wenig später – im Jahr 2000 – ging er noch einen Schritt weiter und verlangte gar einen Wandel der Ökonomik „vom Homo Oeconomicus zum Homo Sapiens“. Seither ist nicht müde geworden, ohne viel Modellschreinerei, dafür mit Befragungen, Experimenten und Beobachtungen alltäglicher Verhaltensweisen zu beschreiben, was Menschen antreibt, gewisse Dinge zu tun und andere zu lassen und was kühl berechnende nutzenmaximierende „Econs“ von unvollkommenen „Humans“ aus Fleisch und Blut unterscheide. In einer Serie von insgesamt 20 Artikeln fasst er seine Anekdoten unter dem Stichworten „Anomalien“ – also Fehlverhalten wider die Rationalität einfach und verständlich zusammen und damit durchaus auch für andere Disziplinen jenseits der Ökonomik verständlich.

Seit jener Zeit der Abkehr von der Neoklassik und Hinwendung zur Verhaltensökonomik ist Thaler ein enger Kollege von Robert J. Shiller, der vor erst vier Jahren für seine Arbeiten zu irrationalen Übertreibungen, Manipulation und Täuschung den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Mit ihm zusammen leitet Richard Thaler als Ko-Direktor ein groß angelegtes Forschungsprojekt des National Bureau of Economic Research zur Verhaltensökonomik.

Seit der Jahrhundertwende entwickelte Thaler das Nudge-Konzept“ weiter aus. Dessen Botschaft lautet: „Es gibt Wege, Menschen glücklich zu machen!“. Man (also andere) müsste sie nur anstupsen und auf den Weg der Tugend bringen.

Der „Nudge“-Ansatz bricht so ziemlich mit allem, was der „Old School“ der Chicagoer Schule heilig war. Thaler widersprach der festen Überzeugung liberaler Ökonomen, dass Paternalismus – also, dass andere besser als die Betroffenen selber wüssten, was für sie gut oder schlecht sei – etwas Schlechtes ist, das strikt abzulehnen sei, da es den bevormundeten Menschen schade. Stattdessen plädiert Thaler für einen „Paternalismus ohne Zwang“, dass also Menschen ohne Verbote und auch ohne Gebote aus freien Stücken wählen können, ob sie sich freiwillig in die gutmeinenden Hände anderer begeben wollen.

Thaler liefert Argumente, dass es sinnvoll (also nutzenfördernd) sein könne, wenn Menschen mit mehr Wissen Menschen mit weniger Wissen die Entscheidungen abnehmen, oder zumindest zu „klugen“ Verhaltensweisen anstoßen. Also beispielsweise, wenn Obst als Nachspeise besser erreichbar platziert wird als Süßigkeiten und dadurch – was empirisch belegbar ist – sich mehr Kunden für einen Apfel und gegen einen Schokoriegel entscheiden. Ebenso können Programme für Sport mit kleinen freiwilligen Belohnungen ausgestaltet werden, um so gegen Bewegungsarmut vorzugehen. „Anstupsen“ kann aber auch zu Forderungen führen, mit einer rot-gelb-grün Ampel auf Lebensmittel den Zucker- oder Fettgehalt für alle gut sichtbar zu veranschaulichen, mit der Absicht verbunden, dass sich Kunden gegen gesundheitsgefährdende Produkte entscheiden. Oder wenn Schockbilder auf Zigarettenpackungen Raucher von ihrem Laster abhalten sollen, ist auch das im Sinne eines paternalistischen Liberalismus.

Im „Nudge“-Konzept ist natürlich eine Menge technokratischer Besserwisserei versteckt. Böse Kritiker würden vor der Manipulation des Unterbewusstseins warnen. Wie schmal der Grad zwischen wohlgemeintem Anstupsen und übergriffiger Bevormundung bis hin zur Schindluderei werden kann, zeigt sich bei der Frage, ob es so etwas wie ein Gemeinwohl gibt, das rechtfertigt, einzelne Menschen für ein bestimmtes Verhalten motivieren zu wollen. Wer bestimmt dieses Gemeinwohl eigentlich? Ist es nicht eine arrogante „Anmaßung des Wissens“ – um den Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1974 – Friedrich August von Hayek – zu zitieren, wenn Experten und Technokraten vorgeben, besser als andere zu wissen, was gut für die Gesellschaft und somit auch gut für Einzelne sei?

Auch der von Thaler propagierte „Paternalismus ohne Zwang“ bleibt eben eine – wenn vielleicht auch sanfte - Form des Paternalismus und damit der belehrenden Besserwisserei. Zur Freiheit muss eben auch die Freiheit gehören, Fehler zu machen, um daraus Lernen zu können. Und auch die Freiheit „unvernünftig“ zu sein, ist ein freiheitliches Grundrecht: für ein Rolling Stones-Konzert unverschämt viel Geld fürs Ticket auszugeben, scheint vielen nicht rational, aber es kann mehr Glück bringen als so vieles, was andere als vernünftiger bewerten würden!

Trotz aller Kritik waren Thaler und sein Ko-Autor – der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein – in der Politik enorm erfolgreich – was an sich nicht verwundert, denn sie gaben einer Vielzahl politischer Handlungen zugunsten des Gemeinwohls eine moralische Rechtfertigung. Selbst in Deutschland gab es Pläne, die Bevölkerung durch Nudging erziehen und auf den Pfad der Tugend bringen zu wollen.

Wenn jetzt also Richard Thaler mit dem Nobelpreis geehrt wird, ist das ein klares Zeichen, dass die Ökonomik alltagstauglich zu werden hat. Sie soll sich von einem zu engen Menschenbild verabschieden. Offensichtlich bedarf es zu einem besseren Verständnis ökonomischer Zusammenhänge einer psychologischen Erkenntnis, was Menschen zum Handeln oder Verharren, zum Gehen oder Bleiben, zum Flüchten oder Fighten oder zu vernünftigen oder unvernünftigen Entscheidungen bringt. Die Verhaltensökonomie, ergänzt um die Neuroeconomics, liefert dazu eine Menge neuer Einsichten. Aber auch sie kann und wird das Grundproblem der normativen Werturteile nicht lösen: wer bestimmt am Ende, was gut und schlecht, was richtig und falsch, was unvernünftig ist. Wieso soll dieses Werturteil nicht von Einzelnen, sondern von der Politik und ihren Beratern gefällt werden – auch gegen den Willen Andersdenkender?

Man muss nicht alle Kritik teilen, die an den Modellen und Methoden der Ökonomie geübt wird. Aber richtig ist, dass die Wirtschaftswissenschaften neue Impulse benötigen, um verlorenes Vertrauen von Politikern, Unternehmern, Medien und damit einer breiten Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Die Verleihung des Nobelpreises an Richard Thaler hat genau diese Chance erfreulicherweise genutzt. Die wiederholte Auszeichnung der Verhaltensökonomik sollte noch mehr Ökonom(inn)en auffordern, den Mainstream zu verlassen und interdisziplinär nach Erkenntnissen zu suchen, die wirklich für die Gesellschaft relevant sind."

HInweis: Aus der Vielzahl der Publikationen liefert – auch für interessierte Laien gut lesbar – die Serie "Anomalies" veröffentlicht im Journal of Economic Perspectives zwischen 1987 und 2006 einen besonders guter Einstieg in die verhaltensökonomische Denkweise von Richard Thaler.