Bapus Vermächtnis

Siebzig Jahre nach Gandhis Tod ist Indien ein gespaltenes Land

Meinung30.01.2018Dr. Ronald Meinardus
Bapus Vermächtnis
Gandhi on Salt March, 1930Licensed as Public Domain due to expiry of Copyright Protection (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marche_sel.jpg)

Es ist ein eher ambivalentes Bild: Für die einen – und sie bleiben die große Mehrheit - ist Mahatma Gandhi ein Visionär und Heilsbringer. Für seine Gegner ist er ein Verräter. Die Ambivalenz im Urteil über den weltbekannten Inder ist ein Spiegelbild der politischen Bruchlinien, die Indien entzweien. Das uneinheitliche Bild über einen der ganz Großen der Weltgeschichte reflektiert die Polarisierung Indiens in ein säkulares Lager und eines des religiösen Fundamentalismus.

Ungeachtet dieser Differenzen bleibt der „Vater der Nation“ oder „Bapu“, wie sie ihn liebevoll nennen, siebzig Jahre nach seinem gewaltsamen Tod für das offizielle Indien eine zentrale Symbolfigur. Wenn es thematisch passt, zitieren Regierungsmitglieder jeder parteilpoiltischen Couleur aus dem reichen Schatz der Lebensweisheiten Gandhis.

Gandhis Vermächtnis ist keinesfalls auf sein Heimatland Indien beschränkt. Kein anderer Inder hat seinen Bekanntheitsgrad. In vielen Teilen der Welt studieren und feiern die Menschen Gandhi als Freiheitskämpfer und Stratege der Gewaltlosigkeit, als Kämpfer für die Menschenrechte, für Toleranz und soziale Gerechtigkeit. Gandhis emanzipatorisches Programm inspirierte Kämpfer und Kampagnen; viel zitiert, kopiert und adaptiert ist seine pazifistische Strategie: In einer Welt, in der Krieg und Gewalt zur Tagesordnung gehören, bleiben Gandhis Lehren und seine Praxis des gewaltfreien, passiven Widerstands eine wichtige – humanitäre – Alternative.

Martin Luther King, der Dalai Lama, Nelson Mandela – sie alle haben von dem Inder gelernt. Im Unterschied zu anderen hat Gandhi nicht nach einem politischen Amt gestrebt. Seine Macht und Einfluss beruhten auf seiner persönlichen Autorität, bereits zu Lebzeiten trug sein Bild messianische Züge.   

Gegen die Teilung

Die Grenzen seines Einflusses auf die Geschicke Indiens musste Gandhi am Ende seines Lebens erkennen. Zwar errang das südasiatische Riesenland 1947 die Unabhängigkeit, doch die Umstände der Befreiung vom britischen Kolonialismus waren indes alles andere als im Sinne Gandhis. „Mein Großvater sah dem 15. August, dem indischen Unabhängigkeitstag, ohne jede Freude entgegen“, erinnert sich Enkel Arun Gandhi. „Er war todunglücklich. Die Teilung führte zur größten Migrationswelle der Weltgeschichte. Zehn Millionen Menschen waren auf der Flucht vor der Gewalt Andersgläubiger.“

Gandhi hatte – vergeblich – versucht, die Teilung des Subkontinents in ein mehrheitlich von Hindus bewohntes Indien und ein muslimisches Pakistan zu verhindern. Seine Kritiker werfen ihm vor, er habe die Dynamik des religiösen Antagonismus unterschätzt. Bis heute dauern die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen an. In Indien leben rund 180 Millionen Muslime, das interkommunale Verhältnis bleibt eine zentrale Bruchlinie. Wie in anderen Teilen der Welt nimmt die Polarisierung zu – oft angefacht und ausgenutzt von politischen Scharfmachern.

Was würde der Mahatma denken, wenn er siebzig Jahre nach seinem Tod zurückkehren würde, fragen sich viele Inder heute. Ins Blickfeld kämen  – so hört man als Antwort  – die religiösen Spannungen. Zwar ist der Säkularismus ein Verfassungsprinzip,  die Fälle religiös inspirierter Intoleranz und Gewalt nehmen indes zu, klagen Kritiker.

Der „Vater der Nation“ hatte auch konkrete Visionen in Bezug auf die Wirtschaft und Sozialordnung des Landes. Wer kennt nicht die Bilder des Asketen, der nur mit Lendenschutz und einem Schultertuch aus Baumwolle bekleidet die Runde macht? Gandhi war ein zutiefst spiritueller Mensch, der viele Jahre im Aschram lebte, fernab des Trubels der Großstadt. Die Befreiung der Gesellschaft setze die Befreiung des Einzelnen voraus, lautet eine wichtige Botschaft. Materialismus war dem Vegetarier (heute würden wir ergänzen: Ökologen) ein Dorn im Auge. Würde Gandhi jetzt in Indiens urbane Metropolen kommen, fände er vermutlich wenig Gefallen an den Ausschweifungen und der Verschwendung der reichen Eliten.

Tiefe Gräben

Zu Gandhis Geboten zählte der Egalitarismus. Er verurteilte Ungleichheit und Diskriminierung und bekämpfte sie in seinem persönlichen Umfeld und darüber hinaus. In wenigen Gesellschaften ist die soziale Ungleichheit, die kulturell verwurzelt ist, derart ausgeprägt wie hier: Tief sind die Gräben im Verhältnis der Geschlechter und der Kasten.

Wie andere Schwellenländer hat Indien gewaltige Wachstumssprünge gemacht. Im Zuge der Liberalisierung der Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre gelingt es immer mehr Menschen der Massenarmut zu entkommen. Doch die Klagen, die industrielle Revolution schaffe nicht genügend Arbeitsplätze, ist nicht unbegründet. Derweil flammen immer neue Verteilungskämpfe zwischen den Kasten auf, deren Partikularinteressen die Politik in der größten Demokratie der Welt bestimmen.

Als „Vater der Nation“ galt Mahatma Gandhi lange als die weitgehend unumstrittene Leitfigur. In jüngster Zeit verliert seine Strahlkraft an Stärke. Dieser Prozess geht einher mit einem politischen Wertewandel im Zuge des Aufstiegs der  Bharatiya Janata Party, der Partei des amtierenden Premierministers Narendra Modi, zur dominanten Partei. Der Attentäter, der Gandhi am 30. Juni 1948 auf dem Weg zu einem interkonfessionellen Gebetstreffen niederstreckte, stammt aus dem selben politischen Milieu, zu dem die Regierungspartei gehört.

Kritiker beklagen, die schleichende Marginalisierung Gandhis gehe Hand in Hand mit der voranschreitenden „Hinduisierung“ des öffentlichen Lebens. Die Ministerpräsidentin des Bundesstaates Westbengalen Mamata Banerjee kritisierte kürzlich Bemühungen, die Geschichte des Landes umzudeuten: „Politische Parteien haben sich ans Werk gemacht, die Geschichte neuzuschreiben.“ Als Beispiel verwies sie auf Darstellungen, in denen der Gandhi-Attentäter als „größerer Patriot“ gefeiert werde als Gandhi selber.

Derweilen rückt die Person Narendra Modis immer stärker in den Mittelpunkt. „Wir sind froh, dass wir in Gestalt des Ministerpräsidenten einen weiteren Gandhi haben“, sagt Sportminister Mahesh Sharma. „Es sei sein Traum, die Träume Gandhis mit Leben zu füllen.“

Wir kennen die Träume der beiden Männer nicht. Doch soviel steht fest: Die gesellschaftspolitischen Realitäten in Modis Indien haben mit Gandhis Visionen wenig gemeinsam. 

 

Dr. Ronald Meinardus leitet das Regionalbüro Südasien der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit mit Sitz in Neu Delhi.

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Dr. Ronald Meinardus
Friedrich Naumann Foundation for Freedom - India