Kühe in den Köpfen

In Indien eskaliert der Konflikt über Fleischverbote

Analyse19.04.2017Ronald Meinardus
Heilige Kühe
Heilige KüheFriedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Es sind die Taten Einzelner. Doch sie entfalten gewaltige gesellschaftspolitische Sprengkraft. Anfang April lynchte ein aufgebrachter Mob im westindischen Rajasthan den Milchbauern Pehlu Khan. Die virale Verbreitung in den sozialen Netzwerken verschaffte dem brutalen Akt nationale Prominenz. Übergriffe so genannter „Kuhbeschützer“ gegen all jene, die in welcher Form auch immer kommerziell mit Rindvieh zu tun haben, gehören zum traurigen Alltag in Indien.

Die tödliche Gewalt gegen den Muslim Pehlu Khan symbolisiert einen weiteren Tiefpunkt in einem eskalierenden Kulturkampf. Häufig ist es für die Betroffenen ein Kampf um Leben und Tod, wenn radikale Hindu-Nationalisten durchaus mit klammheimlicher Duldung örtlicher Behörden auf Treibjagd gehen: Die Opfer sind in der Regel Angehörige der kopfstarken muslimischen Minderheit oder Dalits, jener Menschen ohne Kastenzugehörigkeit, die lange als „Unberührbare“ diffamiert wurden. Anders als für Angehörige der Mehrheitsreligion ist für diese Inder die Kuh kein heiliges, sondern ein ganz normales Tier, und Rindfleisch ein vergleichsweise günstiger Lieferant von Eiweiß.

Polarisierte Gesellschaft

Muslime und Dalits spielen in Indiens boomender Fleischindustrie – das Land gilt als der größte Fleischexporteur der Welt – eine herausragende Rolle: Nicht nur beim Schlachten und Häuten der Tiere sind sie unentbehrlich, wichtig ist ihr Einsatz auch beim Transport des Viehs von einem Landesteil in den anderen: Auf den Landstraßen sind sie leichte Beute für gewaltbereite Kuh-Bürgerwehren (cow vigilantes), wie die Eiferer genannt werden.

Der Lynchmord an Pehlu Khan ist ein Symptom einer stark polarisierten Gesellschaft: Indien ist politisch und gesellschaftlich geteilt, auf der einen Seite stehen die Anhänger einer säkularen Ordnung, für die Religion zweitrangig ist und die dazugehörigen Essgewohnheiten ebenso. Immer mächtiger werden andererseits die Hindu-Nationalisten, für die der Hinduismus das Maß aller Dinge ist.

Fleischverkauf
Boomende Fleischindustrie: Indien gilt als der größte Fleischexporteur der Welt.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Politischen Ausdruck findet diese Volksbewegung in der Bharatiya Janata Partei oder BJP von Ministerpräsident Narendra Modi. Mit ihm als Galionsfigur will die Partei ihre Macht in der größten Demokratie der Welt auf Dauer sichern. Wiederholte Wahlerfolge in regionalen und lokalen Wahlen weisen darauf hin, dass der Plan durchaus eine Basis hat. Die Zielrichtung ist primär politisch, der Einsatz für die Kuh zeigt aber auch, dass Kultur und Religion wichtige Elemente in der Langzeitstrategie sind.

Die vielen Kritiker Modis, die in der liberalen englischsprachigen Presse mit ihren Kommentaren eine weltoffene intellektuelle Minderheit bedienen, sprechen von „majoritarianism“. Sie verurteilen ein System, in dem die Mehrheit die verbrieften Rechte der Minderheit übergeht: Fleischverbote sind nur ein – womöglich das symbolträchtigste – Exempel der Majorisierung.

In vielen Gesellschaften bestimmen kulturelle und religiöse Traditionen, was auf den Esstisch kommt und was dort nichts zu suchen hat. Vermutlich in keinem anderen Land der Welt ist die Speiseordnung derart politisiert wie in Indien.

Politiker in Priesterrobe

Der Mord Pehlu Khans passierte wenige Tage nachdem ein politisches Erdbeben Indien erschüttert hatte: Bei den Landtagswahlen im bevölkerungsreichen Bundesstaat Uttar Pradesh errang die Modi-Partei einen Erdrutschsieg und beeilte sich alsdann, einem radikalen Hindu-Priester die Regierungsverantwortung zu übertragen. Yogi Adityanath hatte zuvor mit anti-muslimischen Ausfällen nationale Prominenz erreicht. Für viele liberal gesinnte Inder, vor allem Angehörige religiöser Minderheiten, war seine Beförderung in das Amt des Landeschefs eine schwer erträgliche Provokation. Der Politiker im Priestergewand zögerte nicht lange, seine umstrittene Programmatik in die Tat umzusetzen. Erstes Angriffsziel des Yogis bot die Fleischindustrie. Medien berichten, dass 17 von 41 fleischverarbeitenden Betrieben in Folge amtlicher Eingriffe die Tore schließen mussten; 30.000 Mitarbeiter verloren den Job.

Uttar Pradesh ist mit seinem Kreuzzug für die Kuh kein Einzelfall. Im Aktionismus gegen Fleischverzehr und die damit verbundene Industrie erlebe Indien einen „kompetitiven Fundamentalismus“, lamentieren The Times of India in einem Leitartikel. Raman Singh, der Ministerpräsident von Chattisgarh, drohte jedem, der eine Kuh tötet mit dem Tod durch den Strang. Im Bundesland Gujarat, in dem Ministerpräsident Modi lange regierte und wo in diesem Jahr Landtagswahlen geplant sind, blieb es nicht bei verbalen Warnungen. Wer eine Kuh tötet, muss fortan mit lebenslanger Haftstrafe rechnen, so das Gesetz. Die Begründung für die drakonische Strafe lieferte Vijay Rupani, der Ministerpräsident des Teilstaates, gleich mit: „Der Schutz der Kuh ist das wichtigste Prinzip, um die ganze Welt vor moralischem und spirituellem Niedergang zu retten.“

Dr. Ronald Meinardus leitet das Regionalbüro Südasien der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Neu Delhi.