30 Jahre Mauerfall
Die Stunde, in der Europa neu geboren wurde

30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs - 30 Jahre Freiheit in Mitteleuropa
Mauerfall Berlin 1989
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Der Fall des Eisernen Vorhangs jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal. Dieses Jubiläum erinnert uns daran, dass ein Leben in einem freien und demokratischen Land nicht selbstverständlich ist. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks wurden die Bürger vieler Freiheiten beraubt. Es waren eben diese Bürger, die im Jahr 1989 mit ihren Rufen nach „Freiheit, Freiheit, Freiheit“ maßgeblich zum Zusammenbruch der Regime in Mitteleuropa beitrugen. Für die deutsche und europäische Politik sei es gerade deshalb wichtig, an diese Zeit zu erinnern, mahnt Bundestagsabgeordnete Renata Alt.

Gebannt saß ich mit Freunden und Familie vor dem Fernseher in meinem früheren Heimatland der Tschechoslowakei, als ich im Sommer 1989 von der ersten Flucht einzelner DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich erfuhr. Nachts hörte ich heimlich leise „Die Stimme von Amerika“ und „Freies Europa“ – sie zu hören stand unter Strafe, war jedoch die einzige Möglichkeit zu erfahren, was in den anderen Ländern und Hauptstädten des Ostblocks vor sich ging. Von Tag zu Tag spürte ich, wie sich die Stimmung im Land veränderte. Die Ereignisse in den Nachbarländern hatten eine unglaubliche Dynamik angenommen. Freude war in den Gesichtern auf den Straßen zu sehen. Es war das Bedürfnis nach Freiheit, das ich in diesen ereignisvollen Tagen erlebte und mich später zu politischem Engagement motivierte.

„Das war die Stunde, in der Europa neu geboren wurde!“ So bezeichnete der Architekt der deutschen Wiedervereinigung, Bundesaußenminister a. D. Hans-Dietrich Genscher, den Fall des Eisernen Vorhangs. Umso wichtiger ist es, an die historischen Ereignisse in Mitteleuropa 1989 zu erinnern. Sie zeigen uns, dass wir Europäer einander brauchen. Gerade in einer Zeit, in der der europäische Zusammenhalt durch Brexit, populistische Bewegungen sowie die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten von innen und außen bedroht wird. Ein weiteres Auseinanderdriften von Europa müssen wir dringend verhindern. Das schaffen wir nur gemeinsam mit unseren mitteleuropäischen Nachbarn. Die deutsche Außenpolitik sollte deshalb die Beziehungen nicht nur nach West, sondern auch nach Ost intensiver pflegen. Die vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen mit den mitteleuropäischen Ländern zeugen davon, wie sehr wir von gegenseitigem Austausch profitieren. Noch intensiver als bisher sollten wir versuchen, gemeinsame Lösungen für gemeinsame Herausforderungen wie beispielsweise Migration zu finden.

Noch immer sind Ost- und Westeuropa einander fremd. 1989 waren die gemeinsamen Werte und der Respekt für Menschenrechte und Grundfreiheiten die Antriebskräfte für die politische Wende in Mitteleuropa. Heute steht Europa erneut vor entscheidenden Herausforderungen, die wir nur zusammen mit unseren mitteleuropäischen Partnern bewältigen können. Gemeinsam und vereint. Ohne Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft liegt in der Einheit aller europäischer Staaten. Ein konstruktiver Dialog mit den mitteleuropäischen Staaten ist auch bei schwierigen Fragen wie Rechtsstaatlichkeit, der Unabhängigkeit der Justiz, der Freiheit von Presse und Wissenschaft notwendig. Dazu verpflichten uns auch die Gedanken an die Freiheitsbewegungen im Jahr 1989.

 

Die Bundestagsabgeordnete Renata Alt ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, Berichterstatterin der FDP-Fraktion für Mittel- und Osteuropa sowie Vorsitzende der Parlamentariergruppe Tschechien-Slowakei-Ungarn. Die Äußerungen im Text spiegeln allein die persönliche Meinung der Verfasserin wider.