Stadt, Land, Endstation?

Stadt-Land-Gefälle in den USA wächst und spaltet die Nation

Analyse31.08.2017Iris Froeba
USA
Das Stadt-Land-Gefälle in den Vereinigten Staaten wächst zunehmend.iStock/ beklaus

Das Stadt-Land-Gefälle in den Vereinigten Staaten wächst zunehmend. Der ländliche Raum steht vor einer existenziellen Krise und fühlt sich von der Bundesregierung in Washington im Stich gelassen. Ihre Frustration brachten Amerikas Landbewohner bei der vergangenen Präsidentschaftswahl zum Ausdruck. Mehrheitlich stimmten sie in der Hoffnung, er würde ihre wirtschaftliche Situation verbessern, für den Politneuling Donald Trump. Stadt und Land driften jedoch nicht allein aufgrund wirtschaftlicher Ungleichheiten immer weiter auseinander. Auch unterschiedliche Wertvorstellungen tragen dazu bei, dass das gegenseitige Vertrauen schwindet. Der Vertrauensverlust wiederum hemmt den Willen vieler Landbewohner, ihre Heimat zu verlassen, um nach besseren beruflichen Chancen im städtischen Raum zu streben.

Donald Trump: Resultat der Frustrationen

Bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen gewann Donald Trump in ländlich geprägten Kleinstädten 62 Prozent der Stimmen, während Hillary Clinton bei dieser Wählergruppe mit 35 Prozentpunkten weit hinter ihrem Kontrahenten lag. Bei der städtischen Bevölkerung war es hingegen umgekehrt: Hier stimmten 59 Prozent der Wähler für Clinton und lediglich 35 Prozent für Trump. Die Mehrheit der Landbewohner schenkte Trump ihr Vertrauen aufgrund seiner Versprechen, den ländlichen Raum wiederzubeleben, Regulierungen abzubauen, internationale Handelsverträge und Immigration einzudämmen und die Industrie dazu anzuhalten, zuvorderst amerikanische Arbeitnehmer anzustellen. Seine protektionistische und einwanderfeindliche Rhetorik traf den Nerv genau dieser Wählerschaft.

Eine Studie des renommierten Pew Research Center veranschaulicht das Ausmaß der Frustration: so geben 69 Prozent der weißen Amerikaner in ländlichen Gebieten an, dass Arbeitsplätze in ihren Gemeinden schwer zu finden seien. 33 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass ihre Kinder einmal einen schlechteren Lebensstandard haben werden als sie selbst. Zudem glauben 65 Prozent aller weißen Landbewohner, dass Zuwanderung amerikanischen Arbeitnehmern schade. Sie fühlen sich von der Politik in Washington ignoriert, sehen ihre Werte bedroht und sind geplagt von Zukunftsängsten. Der Abstieg des ländlichen Raums zeigt sich auch an einer anderen Statistik: galten Amerikas Großstädte lange als Magnet für Drogen und Kriminalität, sind es heute die ländlichen Regionen, die mit steigenden Kriminalitätsraten und Drogenepidemien zu kämpfen haben.

Amerikas sozioökonomische Nachzügler

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen Amerikas Großstädte zu boomenden Zentren der Schwerindustrie. Preiswertes Land in den Vororten, Subventionen für Hypotheken sowie aufkommende Rassenunruhen in den Städten sorgten jedoch dafür, dass viele Stadtbewohner in den 1960er Jahren in die Vororte („Suburbia“) umsiedelten. Die Stadtflucht ging einher mit sinkenden Steuereinnahmen und resultierte in einem sozioökonomischen Zusammenbruch der Städte. Zu Beginn der 1980er Jahre kochte ein toxischer Eintopf aus Kriminalität, Drogen und Armut in Amerikas Großstädten vor sich hin. Neben der Kriminalitätsrate und der Zahl der Drogentoten schossen auch die Scheidungsrate, die Anzahl der Teenagerschwangerschaften und die Rate von Todesfällen aufgrund von Herzerkrankungen und Krebs in die Höhe. Im Gegensatz zu den Städten schien das ländliche Amerika damals stabil, ja sogar florierend. Bis Mitte der 1990er Jahren waren die dünn besiedelten „Counties“ Anlaufpunkt für ein Drittel aller neuen Geschäftsniederlassungen. So erhielten viele Landbewohner nicht nur neue Arbeitsplätze, sondern auch arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherungen. Neue Gesundheitszentren schossen aus dem Boden und erleichterten der Landbevölkerung Zugang zu einer zuverlässigen und regelmäßigen Gesundheitsvorsorge.

Gegen Ende der 1990er Jahre sorgte der Wandel hin zu einer stärker wissensbasierten Wirtschaft dafür, dass sich Städte erneut zu Anziehungspunkten für hoch bezahlte Jobs aufschwangen. Damit einhergehend stellten sich Städteplaner auf ein neues Publikum ein: die obere Mittelschicht. Mietpreise stiegen, Kriminalitätsraten gingen zurück, und Geringverdiener wurden an den Stadtrand gedrängt. Krankenhäuser investierten in modernste Geräte zur Behandlung von Schlaganfällen und Herzinfarkten, Kampagnen zur Bekämpfung von Teenagerschwangerschaften zeigten ihre Wirkung. Während sich die Lebensqualität in den Städten verbesserte, hatte das Land Probleme damit, Schritt zu halten und sich den Wandel der Wirtschaft zu Nutzen zu machen. Zwar eröffneten einige Unternehmen – wie etwa Amazon – noch in den späten 1990er Jahren Lieferzentren in dünn besiedelten Bundesstaaten. Doch mit zunehmender Beliebtheit des Expressversandes wurden auch diese Arbeitsplätze in die Nähe von Städten verlagert.

Von der 2007 hereinbrechenden Weltfinanzkrise konnte sich das ländliche Amerika nur schleppend erholen. Mit der Schließung von Unternehmen und Fertigungsproduktionen ging auch die Schließung von Krankenhäusern einher, da die Patienten ausblieben. Ohne eine arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherung konnten sich Landbewohner den Arztbesuch nicht mehr leisten. Unregelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und lange Fahrten bis zum nächsten Krankenhaus sorgten dafür, dass sich der Gesundheitszustand der Landbewohner verschlechterte.

Die seit 2010 um sich greifende Opioid-Krise hat die Situation nochmals verschlimmert und die Kriminalitätsrate auf dem Land in die Höhe schießen lassen. Während in den 1980er Jahren vor allem arme Stadtbewohner den Drogen verfielen, greift die Drogenschwemme heute vor allem auf dem Land um sich. Der Epidemie, wegen der Präsident Trump symbolisch den „nationalen Notstand" ausgerufen hat, fallen vorwiegend weiße Menschen aus der ländlichen Mittelschicht zum Opfer.

All dies führte dazu, dass heute nicht mehr die Städte als sozioökonomische Nachzügler des Landes gelten, sondern die ländlichen Regionen Amerikas. Die ländliche Bevölkerung schrumpft, wird älter, kränker und ist schlechter ausgebildet als die Stadtbevölkerung. Die Arbeitsplätze im Fertigungsbereich und in der Landwirtschaft werden knapper und das Lohngefälle wächst.

Amerikas Glücksritter: Vom Mut verlassen?

Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness“ – so lauten die unveräußerlichen Rechte, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankert sind. Das Streben nach Glück und einem besseren Leben liegt in der amerikanischen DNA. Hat man die Grenze seiner Möglichkeiten an einem Ort erreicht, sorgt der amerikanische Instinkt dafür, dass man weiterzieht, um woanders neues Potenzial auszuschöpfen. War es Mitte des 19. Jahrhunderts der Goldrausch, der die größte Völkerwanderung in den USA auslöste, so waren es in den 1930er Jahren amerikanische Bauern, die den Dust Bowl verließen, um in Kalifornien neues, fruchtbares Land zu finden. Während der „Great Migration“ verließen zwischen 1910 und 1970 rund sechs Millionen ländlich geprägte Afroamerikaner die Südstaaten, um in den Städten im Norden Arbeit zu finden. Inzwischen ist die Mobilität der Amerikaner jedoch auf dem niedrigsten Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges angelangt. Gerade die amerikanischen Landbewohner scheint der Optimismus verlassen zu haben. Zwar sieht die Mehrheit die Flucht in städtische Gebiete nach wie vor als die beste Möglichkeit an, ihr Leben zu verbessern. Doch viele von ihnen wagen diesen Schritt nicht mehr.

Für den Rückgang der Mobilität gibt es sowohl wirtschaftliche als auch kulturelle Gründe. Zu den größten wirtschaftlichen Hürden gehören die hohen Lebenshaltungskosten in den Städten. Im Zuge der Stadtentwicklung explodierten Miet- und Immobilienpreise in den städtischen Gebieten derartig, dass sich teilweise selbst gut ausgebildete Amerikaner den Umzug in die Stadt nicht mehr leisten können. Hinzu kommt, dass Landbewohner, die auf staatliche Förderprogramme wie Medicaid angewiesen sind, nicht riskieren wollen, bei einem Umzug in einen anderen Bundesstaat Einschnitte hinnehmen zu müssen, da die Förderhöhe von Staat zu Staat unterschiedlich ist. Ein weiteres Mobilitätshindernis sind Joblizenzen, die in den USA häufig auf der Ebene der Bundesstaaten verliehen werden. Eine Lizenz, die in einem Bundesstaat erworben wurde, kann nicht ohne weiteres in einem anderen Bundesstaat genutzt werden.

Neben praktischen Hindernissen, die den Umzug erschweren, gibt es aber auch solche, die weitaus schwieriger zu überwinden sind. In den USA spalten sich Stadt und Land nicht allein entlang wirtschaftlicher Ungleichheiten, sondern auch entlang unterschiedlicher Wertvorstellungen. Laut einer aktuellen Studie der Washington Post hegen Landbewohner im Gegensatz zu Stadtbewohnern nicht nur stärkere Vorbehalte gegenüber Zuwanderung und dem demografischen Wandel an sich, auch das Misstrauen gegenüber den Städtern selbst steigt. 68 Prozent der befragten Landbewohner glauben, dass sich ihre Wertvorstellungen von denen der Städter unterscheiden. Die liberale Haltung der Stadtbewohner gegenüber Einwanderern, gleichgeschlechtlichen Ehen und Säkularismus würde das Misstrauen der Kleinstädter und Landbewohner größer werden lassen, kommentiert Tom W. Smith von der University of Chicago.

Hinzu kommt, dass das Netzwerk aus Familie, Freunden und Kirchenmitgliedern für die Mehrheit der Landbewohner mehr wert ist, als ein höheres Einkommen. Auch in schwierigen Zeiten könnten sich viele auf dieses Sicherheitsnetzwerk verlassen, im Gegensatz zur betrieblichen Vorsorge potenzieller Arbeitgeber oder durch den Staat. Dennoch ist die Mehrheit der Landbewohner der Meinung, dass junge Amerikaner ihre Gemeinden verlassen sollten, um nach einem besseren Leben im städtischen Raum zu streben. Doch viele junge Amerikaner scheint der Mut verlassen zu haben. Zu groß sind die wirtschaftlichen und kulturellen Hürden zwischen Stadt und Land.

Iris Froeba ist Policy Analyst und Media Officer beim Transatlantischen Dialogprogramm der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Washington.

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