Karl-Hermann Flach
Reformer mit Augenmaß und Verstand

Zum 90. Geburtstag von Karl-Hermann Flach
Karl-Hermann Flach
Karl-Hermann Flach beim Dreikönigstreffen der FDP Baden-Württemberg am 6. Januar 1972 in Stuttgart © dpa - Bildarchiv

Karl-Hermann Flach, der heute vor 90 Jahren geboren wurde, war es nur begrenzt vergönnt, sich für die Sache der Freiheit zu engagieren: Sein Leben, das schon im Alter von 43 Jahren endete, wurde geprägt von Vertreibungen und langwierigen Erkrankungen, die sein politisches und journalistisches Wirken immer wieder unterbrachen. Dennoch hat er als Journalist und Politiker ungemein viel für den Liberalismus bewirkt und verkörperte geradezu – wie Walter Scheel in seiner Traueransprache feststellte – „die Erneuerung des Liberalismus in unserem Volke“. 

Dieses kurze, aber ungemein produktive Leben begann im ostpreußischen Königsberg, führte nach einer ersten Vertreibung nach Mecklenburg, wo sich der junge Karl-Hermann Flach der LDP und dem Kreis um Arno Esch anschloss. Das brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mit Sowjets und SED, gerade noch rechtzeitig floh der Jungredakteur einer LDP-Zeitung nach West-Berlin. An der renommierten, liberal-affinen Deutschen Hochschule für Politik absolvierte er ein Politik-Studium und war Sprecher der Liberalen Hochschulgruppe im Studentenparlament. 

Gerade als er journalistisch Fuß fasste, holte ihn die FDP 1956 als Pressereferenten in ihre Bundesgeschäftsstelle. 1957 assistierte er Wolfgang Döring, einen schwierigen Bundestagswahlkampf zu managen; 1959 wurde Flach selbst Bundesgeschäftsführer. In dieser Funktion organisierte er im Jahr 1961 den größten Wahlerfolg, den die FDP bis 2009 erzielen konnte. Doch Flach zog den Journalismus der Berufspolitik vor und arbeitete anschließend in leitender Funktion für ein Jahrzehnt bei der „Frankfurter Rundschau“, dabei niemals seine liberalen Überzeugungen verbergend. Aus dieser „Reserve“ trat er 1971 – wiederum in einer schwierigen Situation – erneut in den Parteidienst ein und wurde erster FDP-Generalsekretär. Mit dem Wahlerfolg vom November 1972 bestätigte Flach die in ihn gesetzten Erwartungen, zum zweiten Mal feierte die FDP unter seiner organisatorischen Regie eine erstaunliche Renaissance.

Die Zukunft der Freiheit im Blick

Dennoch war es weniger der „Organisator“ Flach, der die Mitmenschen faszinierte. Mehr noch strahlte er mit seinen Reden und Schriften als Vordenker aus, der sich ausdrücklich auf Naumann berief. Unter seinen vielen Schriften war es vor allem ein Büchlein mit dem etwas missverständlichen Titel „Noch eine Chance für die Liberalen“, das diesen Ruhm über die Parteigrenzen hinaus begründete. Der häufig übersehene Untertitel „Die Zukunft der Freiheit“ gibt wieder, worauf Flach eigentlich abzielte: Die Profilierung der FDP zwischen erstarrtem Konservativismus und demokratisch-utopischen Sozialismus. Dies beinhaltete für ihn vor allem ein Überdenken der liberalen Prämissen, gerade in Bezug auf die uneingeschränkte Unterstützung von Privateigentum und Kapitalismus: „Der Kapitalismus wird nur dann überleben, wenn er die Entwicklung zur ständig zunehmenden Ungleichheit stoppt und allmählich umkehrt.“ Es waren solche Sätze, die Flachs Buch zur Bibel der Sozialliberalen und Sozialreformer werden ließen.

Allerdings stellte Flach keineswegs die Prinzipien des Kapitalismus infrage, bekannte sich als Generalsekretär vielmehr explizit dazu: „Gewinnmaximierung unter Wettbewerbsbedingungen dienen nicht nur den Kapitaleignern und den Arbeitnehmern des eigenen Unternehmens, Gewinnmaximierung dient auch den Verbrauchern und der gesamten Gesellschaft.“ Jedoch wollte er in gut liberaler Manier nicht jegliche Kritik daran von vornherein verwerfen, sondern auf ihre Schlüssigkeit prüfen.

Grundthese einer vernünftigen Entwicklung

Die liberalen Grundprämissen in Erinnerung zu rufen, ist ein weiterer Schwerpunkt für die „Zukunft der Freiheit“. Flach zog umfassend gegen alle Heilslehren der Zeit zu Felde, seien sie orthodox-marxistischer oder neo-marxistischer oder auch sozialistisch-utopischer Herkunft: „Wer glaubt, alles besser zu wissen, wer sich im Besitz letzter Wahrheiten wähnt, und für alle aufkommenden Fragen bereits Antwortklischees bereithält, schrumpft auf die Bedeutung einer politischen Sekte zusammen.“ Dem setzte er die liberale Grundthese von einer vernünftigen Entwicklung gegenüber: „Man darf doch wohl davon ausgehen, dass sich doch nur die Gesellschaft erreichbaren optimalen Zuständen nähert, in der sich Freiheit, Gleichheit und Wachstum in einem ausgeglichenen Verhältnis gegenüberstehen.“

Solche Passagen beweisen, wie wenig Flach nur zeitgebunden argumentierte, sondern in einer gut verständlichen Sprache liberale Prämissen mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit reformulierte. Wenn er sich gegen die Rhetorik und den Aktionismus der Studentenbewegung wandte, die er mit Bücher verbrennenden Burschenschaftlern verglich, hat das durchaus sehr aktuelle Bezüge: „Wie damals bewegt sich das Denken der jungen Protestler fast nur im Bereich von Gesinnung und Moral. Das ist natürlich ehrenwert, aber doch gefährlich, wenn solches Engagement nicht durch nüchternen Pragmatismus abgesichert wird. … Diese ideelle Maßlosigkeit … hat dazu beigetragen, den Kompromiss zu verteufeln, die liberalen Grundwerte verächtlich zu machen, die Toleranz zu verhöhnen und die Fairness zu verspotten.“

Flachs frühzeitiger Tod im August 1973 war zweifellos ein großer Verlust für alle Liberalen in Deutschland, aber nicht nur seine bekannteste Publikation ist für Liberalgesinnte und auch ihre Gegner noch 50 Jahren nach dem Erscheinen interessant.

 

Den Jahrestag des 90. Geburtstag nimmt die Stiftung zum Anlass im Rahmen des traditionsreichen Disputs über das Leben und Wirken Karl-Hermann Flachs zu sprechen, und über seine politischen Ideen und Vorstellungen zu diskutieren, die heute in keinster Weise an Aktualität verloren haben:

 

 

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