Intelligente Stromnetze für Thailand

Nachhaltigkeit durch verantwortungsvolle Digitalisierung

Nachricht18.12.2017Esther Rümelin
Elektriker
Elektriker auf einer Bambusleiter iStock/ Holger Mette

Mit „Thailand 4.0“, einer großangelegten Regierungskampagne zur Digitalisierung, eifert das Königreich dem Konzept „Deutschland 4.0“ nach. Die Ausgangsbedingungen unterscheiden sich aber sehr. Doch in einer Bangkoker Partneruniversität der Stiftung für die Freiheit wird ein „intelligentes Stromnetz“ getestet. Das kann Teil einer „Smart City“ Bangkok werden, die mit verantwortungsvoller Digitalisierung mehr Nachhaltigkeit in der Lösung städtischer Probleme bringen soll.

Thailands Stromleitungen hängen in Bäumen und baumeln von Strommasten. Gelegentlich sieht man, wie eine Gruppe Elektriker eine Bambusleiter an den Strommast lehnt und im Kabelwirrwarr dafür sorgt, dass der Strom zuverlässig aus den Steckdosen kommt. Der Stromverbrauch ist in Thailand halb so hoch wie in Deutschland. Theoretisch sind zwar 100 Prozent der Bevölkerung mit Strom versorgt, in der Praxis aber kann es eine Herausforderung sein, abgelegene Leitungen vor fallenden Bäumen, Bränden und anderen Beschädigungen zu schützen. Daher sind beispielsweise abgelegene Inseln häufig auf Diesel-Generatoren zur teuren und abgasreichen Stromerzeugung angewiesen. Solar-und Windenergie beginnen erst langsam eine Rolle zu spielen.

Traum vom „Smart Grid“

Doch eine günstige, zuverlässige und effiziente Energieversorgung ist eine wichtige Vorraussetzung für den Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt eines Landes. Daher träumt Thailand nun von einem “Smart Grid”, einem intelligenten Stromnetz. Mit diesem kann der Energieverbrauch der Konsumenten gezielt überwacht und durch Gebühren gesenkt werden. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll es in den Städten Thailands ausgebaut werden.

In der Chulalongkorn Universität in Bangkok gibt es schon heute eine Miniaturversion so eines intelligenten Stromnetzes. Gerade in öffentlichen Gebäuden wird häufig viel zu wenig auf Stromsparen geachtet, denn der Einzelne muss sich weder für seinen Stromverbrauch rechtfertigen, noch dafür bezahlen. Dabei kann es rätselhaft bleiben, was Quellen möglicher Stromverschwendung sind oder an welcher Stelle schon erfolgreich gespart wurde. Daher hat die Chulalongkorn Univeristät unter studentischer Mitarbeit ein sogenanntes “Smart Grid” für zwei ihrer Gebäude entwickelt. Der Stromverbrauch sämtlicher Räume und Geräte in den zwei betroffenen Gebäuden wird aufgezeichnet. Jeder Anwesende im Gebäude kann den Stromverbrauch einsehen und sein Verhalten anpassen. Administratoren können auf zu hohen Stromverbrauch hinweisen und auch von außerhalb über das Internet Geräte abschalten. Besonders der hohe Stromverbrauch versehentlich eingeschalteter Klimaanlagen kann hier gestoppt werden.

Zusätzlich wurden auf dem Universitätsdach Solarplatten angebracht und ein Windgenerator wurde installiert, um wenigstens einen Teil des Energieverbrauches aus erneuerbaren Quellen zu decken. Und tatsächlich, der Stromverbrauch hat sich seit Einführung des “Smart Grid”-Kontrollsystems minimiert.

Risiken des „Smart Grid“?

Was würde es bedeuten, wenn man Systeme wie das “Smart Grid” an der Chulalongkorn Universität landesweit nützte? Kritiker argumentieren, dass die Privatsphäre der Bürger sowie die Sicherheit der Infrastruktur gefährdet würden. Wer kann garantieren, dass die Daten über die Stromnutzung der Verbraucher nicht in falsche Hände geraten? Hiermit könnte weitaus mehr als Einbrüche während der offensichtlichen Abwesenheit der Bewohner geplant werden. Mehr noch, die Sicherheit der gesamten Stromversorgung könnte auf’s Spiel gesetzt werden, wenn Hacker drohen, das Stromnetz lahmzulegen.

Auf der anderen Seite können Bürger aktiv zur Sicherheit des Systems beitragen, wenn sie versuchen, das System zu hacken und im Anschluss auf Sicherheitslücken hinweisen, damit diese geschlossen werden können. Außerdem wäre der stromsparende Effekt eines landesweiten „Smart Grids“ erheblich. Der Klimawandel ist eine große Herausforderung für Thailand, und es ist unabdingbar, dass jetzt etwas unternommen wird. Digitale Innovationen wie beispielsweise “Smart Grids” können dabei eine große Rolle spielen.

Bis jetzt sind “Smart Grids” noch sehr begrenzt – so wie an der Chulalongkorn Universität. Das bietet den Vorteil, dass die Daten in den Händen der Universität vor Missbrauch geschützt bleiben und der geringe Umfang des Netzes möglichen Hackern wenig Angriffsfläche und Erpressungsmöglichkeiten bietet. Außerdem sind viele der verwendeten Sensoren von Studenten selbst gebaut und mit der Datenbank des Servers verbunden. Viele der Materialien stammen dabei aus open-source Quellen. Daher kann sich theoretisch jeder - der es sich leisten kann - so ein “Smarthome” selbst basteln und dessen Vorteile genießen, bis das große Smartgrid fertiggestellt ist.

Esther Rümelin ist Praktikantin im Thailand-Projekt der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und studiert momentan an der Chulalongkorn Universität.

Für Medienanfragen kontaktieren Sie unsere Thailand-Expertin:

Katrin Bannach
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Bangkok
Tel.: +662 365 0570