Estcoin: Der neue Star unter den Kryptowährungen?

Estland plant die Einführung einer eigenen digitalen Währung

Analyse31.01.2018Adéla Klečková
Estcoin
„Krypto“ ist das neue sexyCC0 Pixabay.com/ MichaelWuensch (bearbeitet)

Estland könnte das erste Land der Welt mit virtueller Währung, dem Estcoin, werden. Das Problem ist, dass die offizielle Währung des Landes der Euro ist und die Mitgliedschaft in der Eurozone keine andere parallele (Krypto-) Währung zulässt. Was kann Tallinn aus dieser Klemme bringen? Und ergibt es angesichts des aktuellen Wertrückgangs von Kryptowährungen immer noch Sinn, eine neue Währung zu schaffen?

 „Krypto“ ist das neue sexy. Der Boom des Marktes mit Kryptowährungen brachte Regierungen auf der ganzen Welt auf die Idee, eine eigene zu schaffen. Und während große Länder wie Russland, China oder Japan Tag und Nacht an der Digitalisierung ihrer lokalen Währungen arbeiten, ist es am Ende vielleicht doch ein kleines europäisches Land, das dieses Rennen gewinnen könnte.

Estland war das erste Land auf der ganzen Welt, das 2007 Opfer eines massiven Hackerangriffs wurde, der das Land völlig lähmte. Anstatt zu lamentieren und den Kreml zu beschuldigen, hat die estnische Regierung, inspiriert von der Regel „was mich nicht umbringt, härtet mich ab“, beschlossen, diesen Angriff in einen Vorteil zu verwandeln.

Estland wurde zum gelobten Land der Digitalisierung. Das öffentliche Wi-Fi ist leistungsstark und überall verfügbar, Kreditkarten werden überall akzeptiert und dank des digitalen Systems ist die Staatsverwaltung so transparent und  effizient wie nirgends sonst. Der Erfolg war so überwältigend, dass die estnische Regierung beschlossen hat, die Vorteile der Digitalisierung mit anderen zu teilen.

So hat die estnische Regierung das Konzept der sogenannten e-Residency geschaffen, das es grundsätzlich jedem ermöglicht, in Estland wohnhaft zu sein. Zu Beginn dieses Projekts im Jahr 2014 scherzte man, dass Estland in Zukunft jährlich mehr neue Bürger über e-Residency dazugewinnen würde als durch Geburt. Dieser Witz wurde schon bald von der Realität übertroffen: Über 24 000 Menschen auf der ganzen Welt wurden bereits zu e-Esten und mehr als 4 200 neue Firmengründungen gab es auf diese Weise.

Drei Vorgehensweisen

Diese digitale Idylle ändert jedoch nichts daran, dass Tallinn als Mitglied der Eurozone keine parallelen Währungen schaffen darf. Der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi positionierte sich klar und deutlich.

Aber Kaspar Korjus, Gründer und Managing Director der staatlichen e-Residency-Agentur und geistiger Vater von Estcoin, hat möglicherweise bereits einen Weg aus der Klemme gefunden.

 

	ITU Pictures from Geneva, Switzerland

"Wir haben den Euro nie in Frage gestellt. Krypto-Coupons stellen virtuell einen Vermögenswert dar, der gehandelt werden kann, aber nur innerhalb des entsprechenden Systemumfelds, das einen solchen Coupon akzeptiert."

Kaspar Korjus in seinem Interview für das tschechische Wirtschaftsblatt Hospodářské noviny

Es gebe drei Möglichkeiten, wie die estnische Kryptowährung Estcoin trotz der Skepsis seitens der EZB funktionieren könne. Im ersten Szenario könnte Estcoin in einer wachsenden estnischen e-Bürgerschaft als Belohnung derjenigen dienen, die an der Entwicklung des Programms arbeiten.

Die zweite Option wäre so etwas wie ein Estcoin-Konto, das mit dem Recht, estnischer Bürger zu sein, verknüpft wäre – sozusagen als Teil der estnischen Identität. Die Coupons wären nicht mehr handelbar, stellten aber so etwas wie ein Punktekonto dar. Wie bei der deutschen Verkehrssünderkartei in Flensburg würden Estcoin-Punkte vom Konto abgezogen, wenn ein Fehlverhalten (gerichtliche Verurteilung etc.) vorliegt. Gemeinnützige Tätigkeiten würden wiederum belohnt. Bei der Bewertung von Bewerbern für Arbeitsplätze oder Ähnlichem könnte der Punktestand zum Tragen kommen. Ob es sich bei solch einem System nicht-handelbarer Coupons noch um eine Währung im eigentlichen Sinne handeln würde, kann man bezweifeln. Es ähnelt eher einem Überwachungssystem und erinnert an das „Soziale-Punkte-System“, das die chinesische Regierung gerade seinen Bürgern aufzwingt. An der Vereinbarkeit mit europäischen Bestimmungen zum Schutz der Privatsphäre kann man zweifeln.

Die dritte – und wesentlich sinnvollere - Option, über die man in Estland nachdenkt, ist eine alternative Währung zu schaffen, sie fest an den Euro zu binden und mit dieser dann im virtuellen Raum zu handeln. Dies würde jedoch von der estnischen Regierung erfordern, dass sie jeden einzelnen Estcoin durch Euros real deckt. Hier könnte der Estcoin tatsächlich zukunftsweisend für Europa werden, denn ein Zahlungsmittel, das den internationalen Handel vereinfacht, bietet große Chancen, was die globale Wettbewerbsfähigkeit angeht. Dem Argument sollte sich die EU daher nicht verschließen.

Laut Korjus könnte eine digitale Währung in Europa als modernes Werkzeug für den globalen Handel fungieren, das mit der rasanten technologischen Entwicklung auf globaler Ebene mithält.

Gieriges Asien

Auch größere Player wie Russland, China oder Japan arbeiten intensiv an der Digitalisierung ihrer eigenen Währungen. China dominiert bereits den Bitcoin-Markt. Peking hat bereits im Jahr 2014 ein Expertenteam für die Erforschung von Kryptowährungen aufgestellt. Die chinesische Zentralbank kündigte 2016 an, dass sie bald eine eigene Kryptowährung einführen wird. Eine Krypto-Währung würde für die regierenden Kommunisten ein weiteres Mittel zur Kontrolle ihrer Bürger darstellen.

Eine japanischen Bankengruppe, geführt von Mizuho Finanzgruppe,  ist auf dem Weg, ihre eigene Kryptowährung „J Coin“ zu schaffen, die im Verhältnis zum Euro 1:1 stehen würde. Tokio möchte ihren J Coin vor den Olympischen Spielen in Tokio im Jahr 2020 starten.

Trotz seiner Popularität hat der Markt mit Kryptowährungen einen bedeutenden Schwund erfahren. Der Wert von Bitcoin betrug vor Weihnachten noch 20 Tausend Dollar; jetzt ist es weniger als die Hälfte. Letzte Woche fiel Bitcoin um mehr als 30 Prozent seines Wertes.

Die 1-Million-Estcoin-Frage lautet also: Lohnt sich die Schaffung einer neuen Währung?

"Es ist klar, dass der Preis von Bitcoin überwältigend aufgebläht ist, aber wir sollten nicht die ganze Idee aufgeben. Die Blase um den Bitcoin spiegelt nicht das Potenzial der Kryptowirtschaft wider", sagt Kaspar Korjus."Wir wollen das Estcoin-Projekt als Werkzeug nutzen, um eine neue Welt zu erschaffen, nicht als ein weiteres Instrument der Spekulation oder eine zusätzliche Ware."

Adéla Klečková ist Programmmanagerin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit für Mitteleuropa und die Baltischen Staaten.

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Dr. Detmar Doering
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Tschechien
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