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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Kolumne
Zeitenwende zur Zukunftstechnologie

Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat gut vorgelegt. Jetzt muss die Politik die Technologieoffenheit auch praktizieren.
Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit © Thomas Imo/photothek.net

Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

© Thomas Imo/photothek.net

Zugegeben, Papier ist geduldig. Und das gilt natürlich auch für die 62-seitige Ausarbeitung ihres Ministeriums zu einer neuen Zukunftsstrategie, die Bettina Stark-Watzinger am Mittwoch ins Kabinett einbrachte und die von diesem beschlossen wurde. Vom politischen Bekenntnis zur praktischen Umsetzung ist es bekanntermaßen ein langer steiniger Weg. Aber irgendwann muss man ja anfangen, wenn man Großes vorhat – und das ist hier der Fall.

Machen wir uns die Ausgangslage nochmals klar. Deutschland ist eine wohlhabende, wirtschaftlich hochentwickelte Nation. Seit Jahrzehnten steht das Land mit seiner mittelständisch geprägten Industrie in der Spitzengruppe der Welt, auch und besonders, was die technische Innovationskraft betrifft – und nichts zählt mehr, wenn es um den Erhalt des Lebensstandards geht. Aber seit spätestens zwei Jahrzehnten lahmt der Enthusiasmus, was neue Technologien betrifft. Im Energiebereich wurde die Kernkraft – fast – aufgegeben, an der Forschungsfront der Digitalisierung sind wir eher schwach, ebenso in der Avantgarde der Informationstechnologie vor allem was die Entwicklung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) betrifft.

Besonders dramatisch war Deutschlands grün inspirierte Abkehr von großen Teilen der Gentechnik, die im Bereich der Pflanzenzucht systematisch aus unserem Land vertrieben und eine Art Exil der Forschung und Entwicklung sowie Produktion in der Schweiz und im anglo-amerikanischen Raum fand. Der Fall der grünen Gentechnik ist paradigmatisch, ist es doch ausgerechnet ein Gebiet, auf dem unser Pionierland der Chemie immer alle Voraussetzungen mitbrachte, um die Position an der Weltspitze mühelos zu verteidigen – dank exzellenter akademischer Ausbildung, langer und bewährter Ingenieurstradition sowie viel gerühmter beruflicher Qualifikation, was alles bis tief in das 19. Jahrhundert zurückreicht, als Deutschland mit den USA zusammen Großbritannien an technischer Innovationskraft überholte.

Damit war es vorbei, seit die Grünen politisch in den letzten Jahrzehnten an Einfluss gewannen. Völlig überzogene Ängste vor den Technikfolgen überwogen; die Chancen der neuen innovativen Wege wurden systematisch kleingeredet. Jetzt zeigt sich durch die Sequenz der großen Krisen unserer Gesellschaft, wie wichtig die Offenheit für Technologien ist und bleibt. Die erfolgreiche Suche nach Impfstoffen gegen Corona machte klar, dass nur mit Biotechnologie der Immunisierungskampf gegen die Pandemie zu gewinnen war. Das Energie-Fiasko mit russischem Gas und Öl verdeutlichte, dass Energiesicherheit und Klimaschutz global wohl nur zügig zu erreichen sind, wenn man neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien auch die Option der Kernkraft offenlässt und fördert. Dies brachte wohl auch viele Grüne ins Nachdenken. Der technologieoffenen Strategie der liberalen Bundesforschungsministerin stimmte der grüne Koalitionspartner jedenfalls zu.

Die Erwartungen sind zu Recht hochgesteckt

Der Lackmus-Test für den politischen Wandel ist dabei sicherlich jenes politisch verminte Terrain, in dem die Grünen weiterhin ihre größten tradierten Bedenken haben: eben bei der Gentechnik und der Kernkraft. Hier – und anderswo – wird es alsbald wichtiger Grundsatzentscheidungen bedürfen, ob den Worten Taten folgen. Diese betreffen zum einen die Grundlagenforschung: Wer Offenheit für Technologien will, der muss auch die Universitäten und ihre An-Institute mit der nötigen Breite von Lehrstühlen, Studiengängen und Forschungsschwerpunkten ausstatten, die diese Offenheit befördern. Das Gleiche gilt für die Förderung der Forschung durch Steuernachlässe und Subventionen sowie die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Da darf es eben keine Kategorisierung zwischen moralisch „guter“ und „böser“ Förderung und Forschung geben. Natürlich sind gewisse Schwerpunktsetzungen erlaubt, je nach prioritären gesellschaftlichen Zielen. Insofern kann es durchaus politisch-pragmatisch zugehen. Aber es darf nicht dazu kommen, dass – wie bisher – weite Bereiche der technologischen Zukunft ideologisch ausgegrenzt werden.

In dieser Hinsicht sind die Erwartungen jetzt zu Recht hochgesteckt, gerade auch im beispielhaften Problembereich, der grünen Gentechnik. So hat zum Beispiel das weit verbreitete Agrarfachmagazin „agrarheute“ in seiner digitalen Ausgabe gleich nach dem Kabinettsbeschluss mit einem Seufzer der Erleichterung reagiert. Die Botschaft: Endlich kehrt Vernunft ein, was die Zukunftstechnologien betrifft – mit besonderem Verweis auf die extrem wichtige CRISPR/Cas-Technologie. Ganz offenbar deutet „agrarheute“ die Kurskorrektur der Politik als ein Signal der Zeitenwende zur Zukunftstechnologie. Genau dies muss sie auch sein, im Interesse von Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und Wachstum, und zwar gerade auch mit Blick auf den Klimaschutz.