Macht und Missbrauch

#Metoo: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu Machtgefällen zwischen Männern und Frauen

Meinung15.12.2017Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Kevin Spaceys Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood.
Kevin Spaceys Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood.Mark Crawley from Southampton, UK, Spacey Star, CC BY 2.0

Dieser Artikel erschien erstmals in der Printausgabe des Handelsblatt am 14.Dezember 2017. Autorin: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. © Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

"Mit dem Hashtag #MeToo ist eine wichtige Debatte über Sexismus und sexuelle Gewalt angestoßen worden. Tatsache ist: Es ist kein neues Phänomen. Obwohl die #MeToo-Debatte ein offenbar tief verwurzeltes, gesellschaftliches Problem aufdeckt, gibt es keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens darüber, wie eine nachhaltige Lösung aussehen kann. Wie definiert man „Sexismus“? Wo und wann fängt sexistisches Denken und Handeln an?

Dass nun gerade Hollywood ein Sündenbabel ist, dass es dort lockerer und freizügiger im Zwischenmenschlichen zugeht als in Castrop-Rauxel, dass eine Zusammenballung schöner Männer und Frauen schon an sich eine permanente Versuchung darstellt, dass Sex nicht nur in Filmen gelebt wird – das ist nicht nur den Lesern der Boulevardmagazine auch hier in Deutschland bekannt. Das interessiert Millionen Leserinnen und Leser.

Auch von Besetzungscouchs wurde schon immer geredet, wenn auch nicht über alles, was darauf passiert. Also: Was ist da sichtbar geworden mit dem Sexskandal um Weinstein? Geht es wirklich mal wieder nur um Sexismus, um Vergewaltigung, um strafrechtlich relevantes sexuelles Verhalten und Missbrauch? Eine Neuauflage früherer Debatten quasi?

Nein, das ist es nicht. Es wird nun die Dimension sichtbar. Von der Welle der Solidarität getragen, finden viele Betroffene den Mut, ihre eigenen konkreten Erfahrungen öffentlich zu teilen.

Aber im Kern geht es bei der #MeToo-Debatte um Macht. Um Machtmissbrauch, um Machtstrukturen und um Machtgefälle, die schamlos und würdelos ausgenutzt werden. Nicht um Augenhöhe, um gegenseitigen Respekt, um Anerkennung der jeweiligen Leistungen, sondern um das Ausnutzen des Am-längeren-Hebel-Sitzens, des Ohne-mich-läuft-das-Business-nicht-Gehabe.

SLS
Tobias Koch

„Gut gemacht, Schätzchen!“

Warum gelang und gelingt ein solches Unter-Druck-Setzen bis heute? Wer das fragt, verkennt oder unterschätzt, wie überlegen und unangreifbar viele Mächtige tatsächlich bis heute sind. Die aktuelle Debatte hilft, allgegenwärtige Mechanismen aufzudecken, die es (zumeist) Frauen erschweren, einen „mächtigeren“ Mann wegen sexueller Belästigung anzuklagen – unabhängig vom Beruf. Einschüchterung, Verlustängste um den Arbeitsplatz, Schamgefühl, Mangel an Zeugen, Angst vor Zurückweisung oder die Sorge über eine noch weitere Verschlechterung der persönlichen Situation – es gibt viele Barrieren. Die Gesellschaft verkennt und unterschätzt noch immer, wie groß das Machtgefälle in bestimmten Konstellationen tatsächlich ist. Und das kommt mit Sicherheit genauso in schlechter bezahlten Jobs vor wie in der gut dotierten Unterhaltungsbranche.

Auf der einen Seite stehen Vorwürfe des strafrechtlich erfassten und damit ausdrücklich gesellschaftlich verbotenen Verhaltens, das immer weiter ausgedehnt wurde. Aber die Beweisführung verbleibt zumeist noch immer bei den Betroffenen. Und damit bleiben auch die Fragen: Wer findet den Mut, sich mit den Vorgesetzten beziehungsweise den Mächtigen seiner Branche anzulegen? Wem wird im Falle des Falls eher geglaubt? Insgesamt galt bislang meistens der „code of silence“, wie beispielsweise die „New York Times“ schrieb. Und damit das Recht des Stärkeren. Die #MeToo-Debatte scheint dieses Prinzip nun aufgebrochen zu haben. Und das ist positiv.

Auf der anderen Seite steht – allgemein formuliert – „unangemessenes“ Verhalten. Hier geht es um verbale Degradierung, um schmierige Komplimente, um anbiedernde Anmache am Arbeitsplatz. In einer beispielhaften Situation kommt der Chef nach der Präsentation zu dir, legt den Arm um dich und sagt: „Gut gemacht, Schätzchen.“ Dieses „Schätzchen“ ist eklig, denn was soll es ausdrücken? Die Abhängigkeit, den Rangunterschied? Jedenfalls nichts Anerkennendes.

Solche Situationen gibt es zigmal täglich in unterschiedlichster Form. Dieses Macht- und Hierarchiedenken in der Gesellschaft ist genau das Problem. Versteckte Demütigungen funktionieren eben von oben nach unten. Dabei kann ein echtes Kompliment auch in hierarchischen Verhältnissen gemacht werden.

Was hat die aktuelle Debatte bisher erreicht? Die #MeToo-Diskussion hat gezeigt: Jeder kann von Sexismus und/oder sexueller Belästigung betroffen sein, auch Männer. Die Hintergründe werden endlich als gesamtgesellschaftliches Problem erkannt und im Diskurs auch so aufgenommen. Es handelt sich eben nicht um „Kavaliersdelikte“, und es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, der Bagatellisierung entschiedener als bisher entgegenzutreten. Dabei muss auch das Schweigen von Mitwissenden beziehungsweise die allgemeine Passivität als Teil des Gesamtproblems erkannt und angegangen werden.

Es geht um ein reales Problem

#MeToo sollte mehr sein als eine Eintagsfliege. #MeToo sollte mehr sein als ein Hashtag. Es geht um ein reales Problem. Darauf hinweisen und darüber sprechen kann nur der erste Schritt sein – Taten und ein sozialer Wandel müssen folgen. Die Debatte sollte dazu führen, dass Frauen selbstbewusster werden und wissen, dass sie sich nicht alles bieten lassen müssen. Die Debatte sollte dazu führen, dass Frauen ihre Schlagfertigkeit verbessern und Grenzen aufzeigen können. Zwischen einem Flirt und einem Übergriff zu unterscheiden erscheint insgesamt einfach. Man weiß, dass es Grenzen des Erlaubten gibt.

Dies ist also nicht die Debatte über verunsicherte Männer, die sich nicht mehr trauen, mit einer Frau allein in einem Fahrstuhl zu fahren. Es geht um Männer, die die Selbstbestimmung einer Frau akzeptieren und ihr kein Verhalten aufzwingen, sie in keine peinliche, ungewollte Lage bringen.

Ein „Like“ auf Facebook reicht eben nicht – die Gesellschaft muss aktiv mit einbezogen werden. Betroffene müssen sich schützen und wehren können, ohne in der Rolle des Opfers gefangen zu bleiben.

Erste Ergebnisse, wie beispielsweise die Erkenntnis, dass im Europäischen Parlament eine unabhängige Beschwerdeinstanz für Betroffene offenbar fehlt, inklusive der Ankündigung, Abhilfe zu schaffen, sind ermutigend. Dazu gehört auch die überwältigende Solidarität in der Netzgemeinde. Die Gesellschaft ist sensibler geworden, und das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Veränderung ist präsent wie nie zuvor. Dennoch: Es bleibt ein langer Weg.