Korea
Korea: Desinteresse an der Wiedervereinigung?

Viele jüngere Südkoreaner haben andere Interessen
Im Süden Koreas verringert, gerade für die junge Generation, eine wachsende kosmopolitische Identität das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem abgeschotteten Norden.
Im Süden Koreas verringert, gerade für die junge Generation, eine wachsende kosmopolitische Identität das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem abgeschotteten Norden. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Won-Ki Min  

Am 3. Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, lässt leicht vergessen, dass im Deutschland der 1980er Jahre der Glaube an eine Wiedervereinigung zunehmend schwand und man sich mit der Realität zweier deutscher Staaten abfand. Doch wie ist es in Korea, in einem Land, das seit mehr als 70 Jahren geteilt ist? Nord- und Südkorea stehen sich im Waffenstillstand gegenüber - ohne Friedensvertrag und in der Regel ohne direkte Kontakte. Umfragen in Südkorea zeigen eine wachsende Apathie, insbesondere unter jungen Menschen.

2018 hatten sich viele noch vom aufkommenden Optimismus anstecken lassen. Nach Jahren der Provokationen, der Nuklear- und der Raketentests, sagte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in seiner Neujahrsansprache  überraschend, er sei offen für einen Dialog mit dem Süden. Kurz danach begann ein nie dagewesener diplomatischer Überschwang. Es folgten Gipfeltreffen, gemeinsame Ankündigungen und hehre Pläne für die Zukunft. Sogar ein Besuch von Kim in Seoul wurde in Aussicht gestellt. Doch so schnell wie sich der diplomatische Wirbelwind erhoben hatte, so schnell endete er auch wieder.

Zur Hauptzeit von Annäherungshoffnung und Gipfeldiplomatie 2018 gaben nur 35% der Südkoreaner eine Ablehnung gegenüber Nordkorea zu Protokoll. 21% hatten eine positive Sicht. Zwei Jahre nach dem „historischen“ Gipfeljahr prägen nun aber Enttäuschung, Ernüchterung und Desillusionierung die Stimmung einer großen Mehrheit. Jüngste Umfragen zeigen, dass das Vertrauen der Südkoreaner in Nordkorea auf einem Tiefpunkt angelangt ist. 75% aller Befragten geben nun in einer Umfrage an, dass sie eine Ablehnung oder starke Ablehnung gegen Nordkorea fühlen. Nur 4% sagen, dass sie eine positive oder sehr positive Sicht auf das Bruderland im Norden haben.

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© 2020 Survey of Citizen's Perception of Unification, KBS Public Media Research Institute

Umfrageergebnisse hängen zwar stark von der Fragestellung und vom politischen Kontext ab. Doch ein zwischenzeitlich positiveres Bild in dem Hoffnungsjahr 2018 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Sicht auf Nordkorea in der Langzeitperspektive über die Jahre hinweg massiv und womöglich nachhaltig verändert hat. „Es hat immer Höhen und Tiefen gegeben, auf Eiszeiten folgten Sonnenscheinperioden und umgekehrt. Geändert hat sich insgesamt nichts, warum soll ich mich also noch mit diesem Thema befassen?“, sagen viele. Die Bevölkerung wendet sich anderen Themen zu, die für sie im Alltag wichtiger sind. Vielmehr beschäftigen die Menschen zum Beispiel die Sorgen um explodierende Mieten, die angespannte Lage am Arbeitsmarkt und natürlich Corona. In Umfragen vor den Parlamentswahlen im April 2020 wurden die interkoreanischen Beziehungen weitabgeschlagen mit nur 3% als wichtiges Thema eingestuft

Kosmopolitismus und Kollektivismus

Südkorea macht weltweit Schlagzeilen: Erstes Land mit 5G Netz, Konsumgüter wie Samsung Galaxy Handys und Hyundai Autos werden weltweit wegen ihrer Qualität gelobt und erfolgreich verkauft. Aus Städten sind „Smart Cities“ geworden. Gesellschaft, Wirtschaft und Staat sind komplett digital durchdrungen. Südkorea ist G-20-Staat. Doch nicht nur als wirtschaftliches Powerhouse macht Südkorea auf sich aufmerksam: Die K-POP Sensation BTS und Bong Jun-hos preisgekrönter Film „Parasite“ sind nur die offensichtlichsten Beispiele wie Südkorea vollends seinen Platz in der globalen Popkultur gefunden hat.

Im Süden verringert, gerade für die junge Generation, eine wachsende kosmopolitische Identität das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem abgeschotteten Norden. Denn Nordkorea wirkt wie aus der Zeit gefallen. Im Norden verordnet eine denkbar starke Führung „Juche“, den „eigenen Weg“, der den Menschen Kollektivismus verordnet. „Was verbindet uns eigentlich mit dem Norden?“, lautet eine häufig gestellte Frage in Südkorea.  Vor acht Jahrzehnten waren sie noch ein Volk – nun leben die Menschen in zwei Ländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Hauptstädte Pjöngjang und Seoul liegen geographisch gerade einmal 195 Kilometer voneinander entfernt, doch liegen in mancherlei Beziehung ganze Galaxien zwischen ihnen.

Nationale Identität im Wandel: Verbindendes, Trennendes und Kostspieliges

Nationale Identität bedeutete in Südkorea lange Zeit, dass man sich als homogenes Volk mit einer gemeinsamen Abstammung sah. Das schloss natürlich auch die Brüder und Schwestern im Norden mit ein. Doch diese Sicht löst sich immer mehr auf: Wachsende Einwanderung, Globalisierung und Individualismus in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft verändern die Sicht im Süden auf die koreanische Nation. In jüngeren Umfragen geben immer mehr Menschen an, dass man sich auch ohne koreanische Abstammung als vollwertiges Mitglied in die koreanische Gesellschaft integrieren kann. Wie auch in anderen Ländern sorgen sich viele Menschen um die Herausforderung von Migration und Integration, aber in den vergangenen Jahren hat sich die Akzeptanz einer multikulturelleren Gesellschaft rapide verstärkt und die vormals herrschende ethno-nationalistisch geprägte Identität hat deutlich an Bedeutung verloren.

Eine Konsequenz daraus ist aber auch, dass man sich nicht mehr automatisch mit dem Blutsbruder im Norden identifiziert. Seit der Hungerskatastrophe in den neunziger Jahren in Nordkorea haben Menschen aus dem Norden vermehrt ihr Land, oftmals auf gefährlichen Wegen, verlassen. Inzwischen befinden sich ca. 33.500 in Südkorea. Trotz zahlreicher erfolgreicher Biographien hat sich hier auch gezeigt, wie schwierig und herausfordernd ihre Integration ist, obwohl man doch eigentlich dem gleichen Volk angehört. Soziale und kulturelle Unterschiede zwischen den beiden Staaten sind nach Dekaden der strikten Teilung immens. Während 2007 noch knapp 51% angaben, eine Wiedervereinigung sei notwendig, weil man ein Volk sei, gaben 2019 nur 35% diese Antwort.

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© Quelle: Unifcation Perception Survey 2019, IPUS Seoul National University

Der Wille zur Vereinigung aus ethnisch-nationalistischen Beweggründen nimmt also zusehends ab und andere Faktoren spielen eine größere Rolle. Befürworter einer Wiedervereinigung geben immer häufiger an, dass diese eine wirtschaftliche Chance sein kann. Der Ressourcenreichtum des Nordens sowie seine desolate Infrastruktur könnten einen Wirtschaftsboom für südkoreanische Firmen bedeuten. Auch würden die Militärausgaben Südkoreas sinken. Und es entfiele die Notwendigkeit, dass junge Männer knapp zwei Jahre lang im Militär dienen müssen. Dennoch überwiegen Skepsis und Sorge in der Bevölkerung, dass die Gesamtkosten einer Wiedervereinigung nicht zu stemmen seien.

Dazu passt auch, dass immer mehr Menschen eine lose Konföderation befürworten und eine vollständige Wiedervereinigung, wenn überhaupt, erst nach einer langen Übergangsphase anstreben. Eine schnelle Wiedervereinigung ist aus ihrer Sicht weder finanziell noch kulturell problemlos möglich.

Generationenwechsel: Die alten Hoffnungen und Träume sind in die Jahre gekommen

75 Jahre Teilung – quasi ein ganzes Menschenleben. Jedes Jahr sinkt die Zahl derer, die ein gemeinsames Korea erlebt haben. Die meisten von ihnen sind schon verstorben und viele von ihnen hätten für ihr Leben gerne noch einmal ihre Heimat im anderen Korea besucht. Es ist vor allem auch diese lange Zeit der Trennung, in der es so gut wie keinen Kontakt zwischen den beiden Ländern und ihren Menschen gab, die das Bewusstsein der Menschen prägt. Und es ist noch immer nur ein Waffenstillstands- und kein Friedensvertrag, der das Verhältnis politisch definiert.

In dem sich stetig in atemberaubendem Tempo wandelnden Südkorea zeigen sich vor allem Trennlinien zwischen den Generationen. In den vergangenen 80 Jahren hat Südkorea mehr erlebt als viele andere Länder: Japanische Kolonialzeit, erbitterter Bruderkrieg, politisches Chaos, autoritäre antikommunistische Militärdiktatur, Demokratieaufstände und schlussendlich eine erfolgreiche Entwicklung zu einer liberalen Demokratie. Ältere Generationen haben noch selbst Erinnerungen an ein gemeinsames Korea. Oder sie sind geprägt durch die Zeit der südkoreanischen Militärdiktaturen, die eine Vereinigung als nationalistische Heilsaufgabe propagierten. Nordkorea wurde verteufelt und Schüler und Bevölkerung mussten regelmäßig den Ernstfall einer Invasion üben. Nordkorea war dadurch wesentlich präsenter im Alltag. Jüngere Generationen, aufgewachsen in Demokratie und Wohlstand, sind jedoch wesentlich weniger von anti-nordkoreanischen Propaganda und Invasionsängsten geprägt.

Menschen die nach 1980 geboren wurden geben zu mehr als 70% an, dass sie sich nicht oder nicht besonders für Nordkorea interessieren. Bei früher geborenen Generationen liegt dieser Wert um die 55%.

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© Quelle: Unification Survey 2020, Korea Institute for National Unification

Während ältere Generationen die Teilung als „abnormal“ sahen und sehen, ist der Zustand der Teilung für jüngere Generationen der Normalzustand. Sie kennen es nicht anders. Man hat wenig Bezug zu Nordkorea und sieht weniger Gründe, den Status Quo ändern zu müssen. Die Umfrage zeigt aber deutlich, dass sich die Sicht auch unter älteren Generationen wandelt. Nordkoreas provokantes Verhalten und das Ausbleiben konkreter Fortschritte lassen frühere Hoffnungen und Sehnsüchte schließlich in Apathie münden.

Szenarien, keine Prognosen

Mit jedem Jahr, das vergeht, zementiert sich die Teilung. Die Generationskohorten, die Nordkorea und einer Wiedervereinigung kritisch gegenüberstehen, wachsen. Trotz des kurzen Hoffnungsanfluges 2018 sehen zahlreiche Experten zurzeit einen vollständigen Stillstand der interkoreanischen Beziehungen. Selbst Optimisten gehen nicht von einer kurzfristigen Verbesserung aus.

Wie eine Wiedervereinigung im Lichte dieser Entwicklung aussehen könnte, ist schwer vorherzusagen. Sicher ist, dass die südkoreanische Regierung in ihren Konzepten zur Wiedervereinigung dem Meinungswandel der Bevölkerung Rechnung tragen muss. Schon in den vergangenen Jahren versuchten sowohl konservative als auch linke Regierungen, die Wiedervereinigung als wirtschaftliche Chance darzustellen. Sie setzten auf eine möglichst graduelle, schrittweise Wiedervereinigung.

Das Vereinigungsministerium in Südkorea ist groß. Die Zahl der Konferenzen und Forschungsbemühungen unter dem Oberthema „Frieden und Wohlstand auf der Koreanischen Halbinsel“ ist fast unüberschaubar. Es gibt viele Überlegungen zu möglichen Szenarien bei einem grundlegenden Wandel der politischen Konstellationen - ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre.

Damals rechnete in Deutschland kaum jemand mit einer Wiedervereinigung in absehbarer Zeit. Wer in der BRD keine Verwandtschaft „drüben“ hatte, interessierte sich auch kaum für die Bürger der DDR. Reden zum Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni wirkten mit den Jahren immer inhaltsleerer, kraftloser und überhaupt nicht mehr visionär. Als dann im November 1989 die Mauer fiel und Deutschland knapp elf Monate später wiedervereinigt wurde, gelang dies ohne große Widerstände und unter hoher Zustimmung der Bevölkerung in West und Ost. Die politischen Rahmenbedingungen in Korea unterscheiden sich grundlegend von Deutschland. Im Rückblick auf die Jahre 1989 und 1990 wissen wir jedoch, wie schnell sich die Lage ändern kann. Unvorhersehbar kann sich eine Dynamik entwickeln, die in einen Wandel mündet, der nicht mehr aufzuhalten ist.

 

Dr. Christian Taaks ist Leiter des Koreabüros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Seoul.

Tim Brose ist Programmmanager Nordkorea der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Seoul.

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Johann Ahlers
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