Indonesien
Die Flucht vor der Flut

Indonesiens Regierung will 1400 km entfernt eine neue Hauptstadt entstehen lassen
Jakarta
© picture alliance/ZUMA Press

Nach langer Spekulation verkündete der indonesische Präsident Joko Widodo letzte Woche: die Hauptstadt Jakarta soll verlegt werden. Aus Angst vor Überschwemmung, Überbevölkerung und Verkehrsüberlastung soll der Regierungssitz auf die nordöstlich gelegene Insel Borneo umgesiedelt werden. 

Indonesiens Hauptstadt Jakarta, ein 30-Millionen-Moloch, sinkt. Der Norden ist auf Sumpf am Meer gebaut und regelmäßig überschwemmt. Durch andere Stadtgebiete fließen dreizehn Flüsse, die nach Regen auch gerne Hochwasser bringen. Ein im Rahmen der Klimaerwärmung steigender Meeresspiegel könnte dafür sorgen, dass Jakarta im Jahr 2050 untergegangen sein wird. Trotzdem wird weiter kräftig gebaut. Und unten, tief unter der Erde, pumpen viele Bewohnerinnen und Bewohner Wasser für Ihre Haushalte ab. Dies führt zu Landabsenkung. Überschwemmung ist womöglich das folgenreichste, aber nicht das einzige Problem, mit dem Jakarta zu kämpfen hat: Überbevölkerung, Verkehrsüberlastung und Luftverschmutzung mindern nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung der Einwohner [i]. Zudem leiden Wirtschaft und Handel unter der gegenwärtigen Situation: rund vier Milliarden Euro gehen der indonesischen Wirtschaft jährlich aufgrund von Staus in Jakarta verloren.

All dies überzeugte den Präsidenten Joko Widodo, unter Landsleuten als „Jokowi“ bekannt, den Regierungssitz auf die nordöstlich gelegene Insel Borneo zu verlegen, die die Indonesier Kalimantan nennen. Mit diesem Gedanken hatten schon Amtsvorgänger Jokowis gespielt, doch erst er legte dieses Jahr konkrete Pläne vor: Kommendes Jahr soll der Bau einer neuen Eineinhalb-Millionenstadt im Osten von Borneo anfangen. 2024, mit dem Ende von Widodos zweiter und letzter Amtszeit, soll dann der Umzug beginnen. Der Preis für all dies über zehn Jahre hinweg: 30 Milliarden Euro.

Der neue Regierungssitz soll Jakarta entlasten und die Regierung näher an abgelegene Landesteile bringen. Momentan leben fast 60% der indonesischen Bevölkerung auf der Insel Java, der kleinsten der fünf Hauptinseln. Entsprechend ist auch der Großteil der Wirtschaft dort angesiedelt. Durch die Verlegung der Regierung soll diesem Ungleichgewicht in kultureller Repräsentation, Einkommen und Zugang zu politischen Zentren entgegengewirkt werden. Zudem bleibt Borneo vor Wetterkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche vergleichsweise verschont, welche im Rest des Landes in den vergangenen Jahrzehnten häufiger und verheerender auftraten.

Eine Bewohnerin Jakartas ist von den Vorteilen des Umzugs überzeugt: „Auch unabhängig von umwelttechnischen Gründen ist es eine richtige Entscheidung. Die Insel Java dominiert zu sehr innerhalb Indonesiens – deswegen ist es im Interesse des Staates, die Dominanz Javas zu vermindern. Das führt zu mehr Informationen über andere Landesteile, insbesondere auch zu einem Medienfokus auf Kalimantan. Das wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung.“

Kritiker des Vorhabens bemängeln jedoch, dass das Geld besser in Jakarta investiert würde, um die Stadt vor dem Absinken zu bewahren oder zumindest die Konsequenzen abzuschwächen. Vor allem aber wird moniert, dass die Kosten für den Umzug primär von der Umwelt beglichen werden müssen: Kalimantan ist einer der letzten natürlichen Lebensräume von Orang-Utans; der dortige Regenwald wird bereits gegenwärtig rasant abgeholzt zugunsten von Palmölplantagen und der Papier- und Zellstoffindustrie. Umweltaktivisten befürchten, dass der Bau der neuen Hauptstadt gefährdete Arten noch weiter bedrohen könnte.

Wie erfolgreich selbst ein planmäßiger und problemfreier Umzug für die Bekämpfung von Jakartas Problemen wäre, ist strittig. Prognosen sagen ein weiteres Anwachsen der Stadt vorher. So soll Jakarta 2030 mit mehr als 35 Millionen Einwohnern Tokyo als die weltweit einwohnerstärkste Stadt ersetzen. Um diese Megametropole vor dem Versinken zu schützen, ist im Meer vor der Küste eine kolossale Wand gegen große Wellen vorgesehen.

Im sinkenden Jakarta und in anderen Städten Indonesiens organisiert die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit 2010 Bildungsveranstaltungen zu Klimaschutz. Seit 2017 konzentrieren sich die Stiftung und ihre Partner auf Infrastruktur und klimaschonendere Mobilität in Jakarta und somit auf grundlegende Probleme der Stadt. Die Projekte in Kooperation mit dem Institute for Transportation and Development Policy (ITDP) fordern eine systematischere Abdeckung durch den ÖPNV sowie einen Ausbau von Gehwegen. Zudem wird an die Bevölkerung appelliert, Transport durch Autos zu vermeiden. Da Autos und Motorräder Statussymbole sind und Fortbewegung zu Fuß immer noch unattraktiv und unpraktisch ist, ist dies keine leichte Aufgabe. Das dafür nötige ökologische Bewusstsein weckt die Stiftung in Kooperation mit dem Climate Institute, einer anderen indonesischen NGO, im Rahmen von Seminaren. Diese drehen sich insbesondere um erneuerbare Energien und wollen Teilnehmern Möglichkeiten aufzeigen, aktiv zu werden. Die interaktiven Veranstaltungen bringen wissenschaftliches Wissen auf ein verständliches Niveau und sprechen insbesondere junge Leute an.

Als Archipel von Tausenden Inseln und mit seiner großen, schnell wachsenden Bevölkerung, die mehrheitlich an Küsten angesiedelt ist, ist Indonesien vom Klimawandel stark gefährdet. Gleichzeitig gehört das Land aber auch zu den Top Ten der Treibhausemittenten weltweit. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit arbeitet deshalb in Indonesien für eine nachhaltige Entwicklung – derzeit noch von Jakarta aus, bald aber womöglich aus der neuen Hauptstadt auf Borneo

 

Autorin ist Patricia Maissen, Praktikantin im Jakarta-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Projektleiterin für Indonesien und Malaysia ist Dr. Almut Besold. 

 

[i]Gemäß dem diesjährigen Berichtdes Air Quality Life Index (AQLI) des Energy Policy Institute at the University of Chicago (EPIC) verkürzt Jakartas Luftverschmutzung die Lebenserwartung der Einwohner um durchschnittlich 2,3 Jahre.

 

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Daniela Oberstein
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