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Nahost
Aktuelle Einordnungen zur Lage im Nahen Osten

Ein Interview mit Jörg Dehnert, Regionalbüroleiter für den Mittleren Osten und Nordafrika und Kristof Kleemann, Projektleiter für den Libanon und Syrien
Kristof Kleemann und Jörg Dehnert

Kristof Kleemann und Jörg Dehnert

© FNF

Krieg im Nahen Osten – warum sollten wir uns in Deutschland mit dieser Region gerade jetzt auseinandersetzen?

Dehnert: Deutschland hat politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Staaten im Nahen Osten, schon allein damit sind nationale Interessen betroffen. Außerdem vertritt Deutschland eine Außenpolitik, die Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit repräsentiert. Ein. „Heraushalten“ Deutschland in dem Konflikt würde die Glaubwürdigkeit dieser Werte sehr beeinträchtigen. Und last but not least, hat Deutschland eine große arabische und muslimische Diaspora sowie auch viele jüdische Mitbürger, so dass auch gesellschaftlich eine Verbindung zum Konflikt besteht.

Konflikte und Kriege in der Region fördern bei Betrachtungen von außen eine schwarz/ weiß Perspektive. Wie vielfältig ist denn die Region aus Deiner Perspektive?

Kleemann: 22 Staaten, 450 Millionen Menschen, drei Weltreligionen mit unzähligen Konfessionen: Der Nahe Osten ist keine monolithische Krisenzone. Er ist ein Flickenteppich aus Gesellschaften, die in völlig unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Realitäten leben. Die wirtschaftlichen Unterschiede sind zum Beispiel extrem. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Katar liegt bei über 80.000 Dollar. Im Jemen unter 700 Dollar. Auch die Golfregion, von außen oft als Block wahrgenommen, ist in Bewegung. Saudi-Arabien und die VAE verfolgen zunehmend divergierende Strategien und Interessen. Riad setzt auf Vision 2030, auf staatlich gesteuerte Industrialisierung und auf eine regionale Führungsrolle, die über die OPEC-Koordination hinausgeht. Abu Dhabi und Dubai dagegen positionieren sich als globale Finanz- und Logistikdrehscheibe, mit niedrigerer Staatsquote, aggressivem Werben um internationales Kapital und einer Außenpolitik, die stärker auf Eigeninteresse als auf arabische Solidarität setzt. Die schwarz-weiß-Perspektive ist ein Produkt von Distanz, nicht von Analyse. Wer in Beirut lebt und arbeitet, lernt schnell: Die relevante Frage ist nie "welche Seite", sondern welche der dreißig Konfliktlinien gerade dominant ist, zwischen Konfessionen, Klassen, Generationen oder Regionen.

Ihr seid beide in Syrien gewesen, habt euch dort ein Bild von der Lage in Damaskus gemacht. Wie fiel dieses Bild aus? Wie beurteilt Ihr Selbstbild und Rolle des derzeitigen Präsidenten: Ahmed al Scharaa? Welche Rolle spielen die Nachbarstaaten Syriens?

Dehnert: Wir waren beide in Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Daher können wir nur zur Situation in Damaskus etwas beitragen. Ich fand das Leben dort ziemlich normal, die Menschen bewegten sich normal in den Straßen, die Restaurants und Geschäfte waren tags und abends sehr gut besucht, man hatte den Eindruck, das Leben habe sich in Damaskus normalisiert. An den Grenzübergängen fanden zahlreiche Kontrollen statt, die von offiziellen Repräsentanten, allerdings in Zivil und mit Maschinenpistolen bewaffnet ohne irgendwelche Belästigungen durchgeführt wurden. Die Abfertigung ging reibungslos. Was die Rolle des Präsidenten anbelangt, so ist das Image zwiespältig. Er gibt sich nach außen sehr moderat, weil er natürlich auf die finanzielle und materielle Hilfe von außen angewiesen ist, um die Lebensbedingungen für die syrische Bevölkerung zu verbessern. Nur wenn ihm dies gelingt, wird er seine Herrschaft/Macht auf Dauer stabilisieren können. Auf der anderen Seite hört man auch von gewaltsamen Aktionen, die von seinen Leuten ausgehen, allerdings auch von anderen bewaffneten Milizen. Die Übergangsregierung und das Parlament sind vom Präsidenten quasi ernannt worden, richtige demokratische Wahlen waren dies sicherlich nicht. 

Kleemann: Ich würde noch ergänzen: Ahmed al-Sharaa hat in kurzer Zeit einen Spagat vollzogen, den kaum jemand für möglich hielt. Doch sein Machterhalt hängt an drei Achsen, die er gleichzeitig bedienen muss, ohne eine zu verlieren. Die erste ist seine religiös-konservative Basis: die Netzwerke, die Kämpfer, die Imame, die Stammesführer, die ihn an die Macht gebracht haben. Ohne sie hat er keine Legitimität auf der Straße. Die zweite Achse sind die Golfstaaten. Saudi-Arabien und die VAE halten den Schlüssel zum wirtschaftlichen Wiederaufbau. Ohne ihr Kapital, ihre Investitionen und ihren Einfluss auf internationale Finanzinstitutionen bleibt Syrien eine Ruine. Die dritte Achse ist der Westen. Nur mit westlicher Rückendeckung fließen Gelder und öffnen sich Märkte. Das Problem: Alle drei Achsen stellen widersprüchliche Anforderungen. Die religiöse Basis will islamisch-konservative Gesellschaftspolitik. Die Golfstaaten wollen Stabilität und Investitionssicherheit, aber keine zu starke Türkei als Schutzmacht im Hintergrund. Der Westen fordert Minderheitenschutz, Rechtsstaatlichkeit und einen glaubwürdigen Bruch mit der dschihadistischen Vergangenheit. Ein Selbstbild ist das eines Pragmatikers, der über seine Vergangenheit hinausgewachsen ist. Ob das eine echte Transformation ist oder politisches Kalkül, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Wahrscheinlich ist es beides.

Das Regionalbüro in Jordanien war auch zu den gefährlichsten Zeiten nicht unbesetzt. Obwohl das AA von Reisen nach Jordanien abrät, ist die Stiftung komplett vor Ort in Amman. Wie sieht dort vor Ort der Stiftungsalltag aus? Wie geht ihr mit dem Krieg um euch herum um?

Dehnert: Die Reisewarnungen und Kriseneinstufung des AA aber auch der Krieg in den Nachbarländern haben dazu beigetragen, dass der Tourismus Sektor in Jordanien seit zweieinhalb Jahren sehr starke Einbrüche zu verzeichnen hat. In Petra zum Beispiel sind fast 30% der Hotels pleite ohne Aussicht auf Wiedereröffnung. Die Kriseneinstufung machte im Übrigen die Ausreise des entsandten Personals im Libanon, Israel und die Ausdünnung des Personals in Jordanien notwendig. In diesen Ländern waren nur noch die lokalen Kolleginnen und Kollegen vor Ort sowie ich in Amman als einziger Entsandter tätig, im Libanon und Israel befanden sich die Mitarbeiter alle durchweg und aus Sicherheitsgründen im Home Office. Man muss der Ehrlichkeit halber sagen, dass wir in Amman auf einer quasi sicheren Insel leben. In den Tagen des Krieges waren wir sicher. Es hat sehr viel Luftalarme gegeben, aber Gott sei Dank sind wir in Amman außer ein paar Trümmern von abgeschossenen Drohnen oder Raketenteilen verschont geblieben. In Israel und im Libanon sah und sieht dies völlig anders aus. Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort mussten oftmals und mehrmals am Tag und in der Nacht Schutzräume aufsuchen mit Ihren Familien. Trotzdem haben sie ihre Arbeit für die Stiftung unverändert allerdings im Home Office weiterhin sehr engagiert weitgemacht. Dafür gehört ihnen größter Respekt und Anerkennung,

Der Libanon wird ja auch in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Zenith „Rettet den Libanon“ (https://magazin.zenith.me/de/politik/die-neue-zenith-012026-ist-da ) als Schlüsselland bezeichnet. Was unterstreicht diese Bedeutung? Ist der Libanon nicht ein dysfunktionaler Staat? Mit welchen Partnern, Programmen und Initiativen ist die Stiftung vor Ort – trotz des Krieges?

Kleemann: Das Wort "Schlüsselland" klingt nach Marketingsprache. Die Zahlen dahinter sind es nicht. Der Libanon ist das einzige Land der Region, in dem alle Konfessionszugehörigkeiten, die den Nahen Osten prägen, in einem einzigen politischen System zusammenleben: Schiiten, Sunniten, Maroniten, griechisch-orthodoxe Christen, Drusen. Was hier funktioniert oder scheitert, hat Demonstrationscharakter.

Ein dysfunktionaler Staat? Ja, nach jeder messbaren Kennzahl. Das Bankensystem hat seit 2019 rund 70 Milliarden Dollar an privatem Sparvermögen eingefroren. Die Lira hat über 98 Prozent ihres Wertes verloren. Trotzdem haben Parlamentswahlen stattgefunden, gibt es Pressefreiheit, arbeiten Gerichte, streiken Gewerkschaften. Das ist kein normaler "failed state". Die Friedrich-Naumann-Stiftung arbeitet daher genau in dieser Lücke zwischen Staatszusammenbruch und gesellschaftlicher Resilienz. Auch im Krieg führen wir unsere Arbeit weiter.

Abschließend an Euch beide die Frage, wie und wer Frieden in der Region (ge)schaffen (werden) kann? Wo sind die Chancen, wo die Grenzen internationalen Engagements?

Dehnert: Mit der Hamas und Hizbollah wird es keinen Frieden geben, maximal zeitlich befristete Waffenstillstände. Zum anderen sollte der Westen, insbesondere Europa mit einer Stimme sprechen bzw. eine einheitliche Position vertreten. Ansonsten werde die einzelnen Akteure, besonders aber die Terrororganisationen Hizbollah und Hamas, sowie das Mullah Regime in Teheran, in ihrer derzeitigen aggressiven und gewaltsamen Politik bestätigt. Der Schlüsselakteur ist der Iran. Solange von dort aus die Proxis in Gaza, der Westbank, im Libanon und Syrien unterstützt werden, wird eine Beendigung des Konfliktes, der keinesfalls mit einem Frieden gleichzusetzen ist, nicht möglich. Man könnte dann vom einen „Kalten Frieden“ sprechen, oder Abwesenheit von Krieg“.

Kleemann: Ich würde noch ergänzen: Die Grenze internationalen Engagements liegt dort, wo externe Legitimitätsvorstellungen auf lokale Realitäten treffen. Ein demokratischer Übergang in Syrien nach westlichem Modell in drei Jahren ist illusorisch. Ein Libanon ohne konfessionelles System bis 2030 ist eine Wunschvorstellung. Was machbar ist: Partieller Institutionenaufbau, wirtschaftliche Stabilisierung, Schutz von Minderheiten durch klar konditionierte Finanzhilfen.

Das Interview führte Charles du Vinage, Referent MENA, Subsahara Afrika und Asien.