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Unternehmertum
Berlin Talks: Migration als Motor für Innovation und Unternehmertum

Diskussionsveranstaltung widmet sich migrantischem Unternehmertum, Gründergeist und der Zukunft des Wirtschaftsstandorts Berlin
Panel der Veranstaltung

Panel der Veranstaltung mit Christoph J. Stresing, Dipl.-Ing. Nihat Sorgec, Dr. Maren Jasper-Winter, Özcan Mutlu, Ferhat Engel und Nalan Sipar

© Milena Radatz

Berlin lebt von Vielfalt und unternehmerischem Geist. Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationsgeschichte tragen seit Jahrzehnten maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Hauptstadt bei. Doch wie können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dafür sorgen, dass dieses Potenzial künftig noch besser genutzt wird?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Veranstaltung „Berlin Talks“, die das Türkei-Büro und das Hauptstadtbüro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kooperatoin mit dem Bundesverband Deutsche StartUps e.V. organisierten. Moderiert wurde die Diskussion von der Journalistin und Gründerin Nalan Sipar, die seit vielen Jahren die Entwicklung der deutschen Start-up- und Wirtschaftsszene begleitet.

Dr. Maren Jasper-Winter auf dem Panel der Veranstaltung

Dr. Maren Jasper-Winter, Mitglied des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

© Milena Radatz

Start-ups als Motor des Wirtschaftsstandorts Berlin

Dr. Maren Jasper-Winter, Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, eröffnete die Diskussion mit einem klaren Bekenntnis zum Innovationsstandort Berlin. Die Start-up-Szene sei „der Motor unserer Stadt“. Um im internationalen Wettbewerb um Talente und Innovationen zu bestehen, brauche es eine offene Gesellschaft, in der Ideen unabhängig von der Herkunft ihrer Gründerinnen und Gründer bewertet werden. Menschen mit Migrationsgeschichte gründeten fast doppelt so häufig Unternehmen wie Menschen ohne Migrationsgeschichte. Von dieser Dynamik profitiere Berlin unmittelbar – sie sei ein echter wirtschaftlicher Vorteil für die Hauptstadt. Entscheidend sei nicht, woher jemand komme, sondern wohin er oder sie wolle.

Damit aus guten Ideen noch mehr erfolgreiche Unternehmen entstehen können, brauche es bessere Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, schnellere Verwaltungsverfahren und eine offenere Gründungskultur.

Unternehmertum werde in Deutschland noch immer zu selten als Chance vermittelt. Entrepreneurship müsse deshalb bereits in Schulen stärker verankert werden, insbesondere um Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte für die Selbstständigkeit zu begeistern. Zudem sprach sich Jasper-Winter für eine engere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Start-ups und etablierten Unternehmen aus, damit Innovationen schneller in erfolgreiche Geschäftsmodelle überführt werden können.

Christoph J. Stresing auf dem Panel der Veranstaltung

Christoph J. Stresing, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutsche Startups e.V.

© Milena Radatz

Vielfalt als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor

An diese Einschätzung knüpfte Christoph J. Stresing, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutsche Startups e.V., an. Rund ein Drittel aller Unicorn-Gründer habe einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen seien überdurchschnittlich gut ausgebildet und besonders gründungsstark. Statt Defizite in den Mittelpunkt zu stellen, müsse Deutschland diese Erfolgsgeschichten sichtbarer machen. Offenheit sei ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für den Wirtschaftsstandort.

Gleichzeitig erschwerten unterschiedliche Zuständigkeiten der Ausländerbehörden, langwierige Visa- und Anerkennungsverfahren sowie zu viel Bürokratie den Standortwettbewerb. Deutschland verfüge zwar über exzellente Forschung, schaffe es aber noch zu selten, wissenschaftliche Erkenntnisse in erfolgreiche Unternehmensgründungen zu überführen.

Auch Özcan Mutlu, ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, betonte die wirtschaftliche Bedeutung von Migration. Viele Menschen kämen heute bewusst nach Deutschland, um Unternehmen zu gründen und zu investieren. Als Sinnbild für erfolgreiche migrantische Unternehmenskultur nannte er den Döner Kebab, dessen Erfolgsgeschichte inzwischen weltweit unter dem Begriff „Berlin Döner“ vermarktet werde.

 

Ferhat Engel auf dem Panel der Veranstaltung

Ferhat Engel, Co-Founder des Engelnest

© Milena Radatz

Bürokratie bleibt größtes Gründungshindernis

Ferhat Engel, Gründer des Engelnest, berichtete, dass sein Coworking-Konzept bei der Gründung zunächst auf Skepsis gestoßen sei. Gerade als Unternehmer mit Migrationsgeschichte sei es schwierig gewesen, innovative Ideen gesellschaftlich anerkannt zu bekommen.

Besonders kritisch bewertete Engel die Bürokratie. Langsame Verwaltungsverfahren erschwerten Unternehmensgründungen erheblich. Das Engelnest unterstütze Gründerinnen und Gründer deshalb mit organisatorischer Hilfe – eigentlich nur ein pragmatischer Ausweg für strukturelle Probleme. Sein Wunsch an die Politik sei eine deutlich schlankere Verwaltung. Gleichzeitig appellierte er an die Start-up-Szene, neue Geschäftsmodelle unabhängig von der Herkunft ihrer Gründerinnen und Gründer anzuerkennen.

Dipl.-Ing. Nihat Sorgec

Dipl.-Ing. Nihat Sorgec bei der Veranstaltung "Berlin Talks"

© Milena Radatz

Netzwerke als Schlüssel zum Erfolg

Welche Bedeutung Netzwerke für erfolgreiche Gründungen haben, verdeutlichte Dipl.-Ing. Nihat Sorgec, Vorsitzender des Verbands der Migrantenwirtschaft und geschäftsführender Gesellschafter des BWK BildungsWerks. Viele Gründerinnen und Gründer verfügten über zu wenig Kontakte zu Kammern, Verbänden oder Förderinstitutionen und stießen teilweise noch auf Vorurteile. Deshalb brauche es mehr Beratung, stärkere Vernetzung und Bildungsangebote, die sich an den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt orientieren.

Dr. Maren Jasper-Winter ergänzte, dass Frauen häufig deutlich schwerer Zugang zu Investoren und Venture Capital erhielten als ihre männlichen Kollegen. Netzwerke müssten deshalb bereits an Hochschulen entstehen, damit Gründerinnen frühzeitig Kontakte knüpfen und ihre Ideen erfolgreich weiterentwickeln könnten.

Engelnest

Die Veranstaltungslocation Engelnest: Ein Coworking Space in Berlin-Schöneberg, der Selbstständige, Teams und kreative Köpfe in einer inspirierenden Gemeinschaft zusammenbringt.

© Milena Radatz

Offenheit als Zukunftsstrategie

Wie sehr bürokratische Prozesse den Fachkräftemangel verschärfen können, zeigte ein Erfahrungsbericht aus dem Publikum. Der Arzt und FDP-Kandidat Batuhan Temiz schilderte den Versuch, eine Ärztin aus der Türkei nach Deutschland zu holen. Bereits ein Termin im deutschen Konsulat habe elf Monate gedauert, die Anerkennung ihres Berufsabschlusses anschließend weitere drei Jahre – obwohl die Unterlagen vollständig gewesen seien und Deutschland dringend medizinisches Personal suche. Das Beispiel verdeutliche, wie langwierige Verfahren qualifizierte Fachkräfte und potenzielle Zuwanderer ausbremsen.

Auch Özcan Mutlu kritisierte langwierige Visa- und Anerkennungsverfahren. Wer internationale Fachkräfte und Unternehmerinnen sowie Unternehmer gewinnen wolle, müsse ihnen den Weg nach Deutschland deutlich erleichtern.

Einigkeit bestand auf dem Podium darüber, dass Vielfalt weit mehr ist als ein gesellschaftspolitisches Leitbild. Sie ist ein entscheidender Innovations- und Wettbewerbsfaktor. Damit Berlin dieses Potenzial künftig noch besser nutzen kann, braucht es weniger Bürokratie, bessere Bildungsangebote und stärkere Netzwerke zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit widmet sich schon seit einigen Jahren dem Thema Unternehmertum und Migration. Gemeinsam mit dem Startup-Verband veröffentlicht sie seit einigen Jahren den Migrant Founders Monitor, zuletzt 2025.