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Französische Präsidentschaftswahlen
Wer folgt auf Macron?

Neun Monate vor dem ersten französischen Präsidentschaftswahlgang, der für den 18. April 2027 angesetzt ist, steht die Frage der politischen Nachfolge von Emmanuel Macron weiter offen. Es geht weniger darum, wer gegen wen antritt, als darum, ob das politische Zentrum in Frankreich überhaupt in der Lage ist, sich auf eine einzige Kandidatur zu verständigen. Die Fragmentierung des französischen Parteiensystems ist inzwischen struktureller Natur. Elf Fraktionen sitzen in der Assemblée nationale, die traditionelle Bipolarität zwischen Sozialisten und Gaullisten existiert praktisch nicht mehr. An ihre Stelle ist ein System getreten, in dem mehrere Lager um dieselben Wähler konkurrieren und sich gegenseitig Stimmen abnehmen. Hinzu kommt ein Vertrauensverlust, der gerade im europäischen Vergleich auffällt. Nach Erhebungen von Gallup verzeichnete kein anderes EU-Land 2025 einen stärkeren durchschnittlichen Rückgang des Vertrauens in zentrale Institutionen als Frankreich.

Für die gemäßigten Kräfte ist das arithmetische Risiko offensichtlich. Treten Édouard Philippe der Mitte-rechts-Partei Horizons, Gabriel Attal aus Macrons Partei Renaissance und Bruno Retailleau, Vertreter der konservativen Les Républicains, gegeneinander an, könnten sie sich gegenseitig so weit schwächen, dass am Ende Jean-Luc Mélenchon von der linksradikalen Bewegung La France Insoumise (LFI) oder der Kandidat des Rassemblement National von der Zersplitterung profitieren und die Stichwahl unter sich ausmachen. Philippe fordert deshalb seit Monaten eine frühe Einigung auf einen einzigen Bewerber. Attal hat öffentlich erklärt, er werde sich mit Philippe verständigen, allerdings erst Anfang 2027 und damit wenige Monate vor der Wahl. Aus dem Umfeld von Horizons heißt es, das sei zu spät, weil sich rivalisierende Wahlkampfteams bis dahin kaum noch zusammenführen ließen. Sein erstes großes Meeting hält Attal ohnehin erst am 6. Oktober in Lyon ab, was zeigt, dass er sich bewusst alle Optionen offenhält. Auffällig ist zugleich das Verschwinden eines Akteurs, der über Jahre das organisatorische Rückgrat der zentristischen Kräfte rund um die Macronie bildete: Das Mouvement Démocrate von François Bayrou wirkt heute deutlich geschwächt. Bayrou selbst hat sein politisches Kapital zuletzt an der Spitze der Regierung aufgebraucht, ohne daraus eigenes Momentum für 2027 zu gewinnen. Seine Partei spielt eher die Rolle eines Stabilitätsfaktors innerhalb der Mehrheit als die eines eigenständigen Präsidentschaftsprojekts.

Bleibt die Frage, woran sich eine Verständigung auf einen einzelnen Kandidaten überhaupt bemessen sollte. Die gesamte Debatte über einen gemeinsamen Kandidaten der Mitte basiert letztlich auf demoskopischen Annahmen. Umfragen weisen trotz aller Professionalität erhebliche Fehlermargen auf und bilden politische Dynamiken Monate vor einer Wahl nur sehr begrenzt ab. Sollte keiner der drei Bewerber klar hervorstechen, fehlt jeder Verzichtsentscheidung die Grundlage. Eine solche Entscheidung würde sich zwangsläufig auf Umfragewerte stützen, deren demokratische Legitimität als Grundlage einer Vorauswahl jedoch zweifelhaft wäre.

Drei Profile, drei politische Traditionen

Édouard Philippe verkörpert den wirtschaftsliberalen, staatspolitischen und eher konservativen Flügel der politischen Mitte. Er begann seine politische Karriere in der Partei Les Républicains, bezeichnet sich selbst als rechts vom Zentrum und hat seit seinem Ausscheiden an der Spitze der Regierung der Gemeide Matignon konsequent ein eigenes Profil aufgebaut. Vor mehr als 800 Delegierten seiner Partei Horizons betonte er zuletzt seine Herkunft aus jener konservativen Familie, die Frankreich Charles de Gaulle und Jacques Chirac gab, und warb für Bürokratieabbau, niedrigere Unternehmensabgaben und ein hartes Vorgehen gegen den Drogenhandel. Im März verteidigte er in einem knappen Wahlgang sein Amt als Bürgermeister von Le Havre. Sein Problem beschreiben Beobachter treffend damit, dass er von vielen geschätzt, aber von kaum jemandem geliebt wird, und bei heiklen Themen wie Rente und Migration teilweise vage bleibt.

Gabriel Attal repräsentiert eine andere Generation und einen anderen Stil. Der 1989 geborene jüngste ehemalige Premierminister der Fünften Republik gehörte bis 2016 der Parti Socialiste an und steht für den sozialliberalen Flügel des Regierungslagers. Als offizieller Kandidat der Präsidentenpartei Renaissance setzt er auf eine offensive Medienstrategie mit Interviews und kurzen Videoformaten und holt in Umfragen auf. Sowohl Édouard Philippe als auch Gabriel Attal eint dabei das Bemühen, sich von Emmanuel Macron zu emanzipieren, dessen Popularitätswerte einen offensiven Verweis auf die eigene Regierungsbilanz kaum zulassen.

Bruno Retailleau schließlich steht für einen deutlich konservativeren Kurs. Seit seiner Zeit als Innenminister gilt er als kompromissloser Vertreter einer restriktiven Migrations- und Sicherheitspolitik. Er will die Zuwanderung drastisch begrenzen, notfalls über eine Verfassungsänderung, und hat gefordert, europäische Vorgaben im Migrationsbereich zu ignorieren. Als Vorsitzender der Les Républicains beruft er sich auf das gaullistische Erbe und verbindet es mit einem ausgeprägt souveränistischen Staatsverständnis. Retailleau ist damit kein Vertreter des macronistischen Zentrums, sondern ein externer Konkurrent, der das Regierungslager zusätzlich unter Druck setzt. Unangefochten ist er innerhalb seiner Partei allerdings nicht, andere wie Xavier Bertrand halten an einer proeuropäischen, gemäßigteren Linie fest. Bertrand hat seinerseits bereits angekündigt, als unabhängiger Kandidat in gaullistischer Tradition gegen Ende des Jahres seine Bewerbung um das Präsidentschaftsamt offiziell zu machen.

Was daraus für Berlin folgt

Aus deutscher Sicht wäre Edouard Philippe der berechenbarste Partner, mit Gabriel Attal ließe sich europapolitisch ähnlich konstruktiv zusammenarbeiten, wenngleich Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Pressekonferenz im Nachgang des deutsch-französischen Ministerrats bereits deutlich werden ließ, dass die Hand nach Frankreich – ganz gleich wer das Land führe – immer ausgestreckt bleiben wird. Bei Bruno Retailleau ist offen, wie weit sich seine Vorstellungen von nationaler Handlungsfreiheit in Migrations- und Souveränitätsfragen von jenen des Rassemblement National tatsächlich unterscheiden. Gerade erst haben Deutschland und Frankreich beim deutsch-französischen Ministerrat in Brühl ihre Zusammenarbeit in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, bei der Wettbewerbsfähigkeit, der Reform der Europäischen Union sowie beim Schutz beider Demokratien vor Desinformation und ausländischer Einflussnahme bekräftigt. Spätestens im Frühjahr 2027 wird Frankreich jedoch vollständig im Wahlkampfmodus sein. Damit bleibt das  Zeitfenster, in dem beide Länder gleichzeitig über handlungsfähige Regierungen verfügen, ungewöhnlich kurz.

Für Berlin heißt das, laufende Projekte zügig voranzubringen und zugleich Szenarien für die Zeit danach vorzubereiten. Ein Sieg Marine Le Pens oder, falls ihre Verurteilung in der Berufung bestätigt wird, ihres Zöglings Jordan Bardella, sollte nicht länger als ausgeschlossen gelten. Der front républicain, also die französische Version der Brandmauer, hat in der Vergangenheit funktioniert, eine Garantie ist dies allerdings nicht mehr. Wahl und Wiederwahl Donald Trumps haben gezeigt, wie wenig Umfragen und etablierte Gewissheiten über den Ausgang einer Wahl aussagen. Ob der politische Cursor in Frankreich weiter nach rechts rückt, dürfte davon abhängen, ob die politische Mitte rechtzeitig einen Kandidaten mit klarem Programm und ausreichender politischer Autorität präsentiert. Andernfalls wird ihre Zersplitterung zum entscheidenden Vorteil ihrer Gegner.

 

Jeanette Süß ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) des französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri). Zuvor war sie als European Affairs Managerin beim Brüsseler Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, wo sie unter anderem die Frankreich-Projekte der Stiftung betreute.