US Wahlen
Normal, diszipliniert und inhaltlich

Trump und Biden Debatte
Trump und Biden bei der 2. und letzten Debatte vor den Präsidentschaftswahlen © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jim Bourg

Gestern hatten diejenigen Amerikaner, deren Wahlentscheidung noch nicht feststeht, die letzte Chance, Donald Trump und Joe Biden im direkten Vergleich zu beurteilen.

Sofern in den nächsten zehn Tagen keine besonderen Ereignisse eintreten, war die Debatte in Nashville, Tennessee auch die letzte und beste Chance für den Präsidenten, der in diesem Rennen stets im Rückstand liegt, etwas an Schwung zu gewinnen.

Die Debatte sollte die dritte Begegnung zwischen Trump und Biden dieses Jahr sein, war aber stattdessen die zweite von nur zwei Präsidentschaftsdebatten. Trump hatte die Teilnahme an der für letzte Woche geplanten Debatte abgelehnt, nachdem diese nach seiner Covid-19-Diagnose auf ein virtuelles Format umgestellt worden war.

Seit dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten am 29. September ist viel passiert. Der Präsident wurde positiv auf das Coronavirus getestet, zur Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert und nahm kurz danach seinen Wahlkampf wieder auf. Die Zahl der Covid-19-Fälle in den Vereinigten Staaten nimmt ebenfalls rasch zu. Die Wirtschaftskrise ist trotz Zeichen der Erholung noch nicht annähernd überwunden und die Rassenunruhen halten an. Bis gestern haben bereits fast 48 Millionen Amerikaner per Post an den Präsidentschaftswahlen teilgenommen.

Obwohl die Debatte höchstwahrscheinlich nicht viel dazu beitragen wird, die Dynamik des Wahlkampfes zu verändern, könnte die inhaltliche und zivile Diskussion, die stattgefunden hat, einigen unentschlossenen Wählern einen zusätzlichen Anstoß zur Stimmabgabe gegeben haben.

Hier sind vier wichtige Takeaways der Nacht.

1. Premiere für die Stummschaltung

Anfang dieser Woche kündigte die überparteiliche Kommission für Präsidentschaftsdebatten die Stummschaltung der Mikrofone an, mit der jeder der Debattenabschnitte am Donnerstagabend begann. Diese Regeländerung sollte dem Format der Debatte zusätzliche Struktur verleihen, um eine Wiederholung der wiederholten Unterbrechungen durch Präsident Trump zu vermeiden, die die September-Debatte prägten. Das funktionierte. Diesmal gab es viel weniger Unterbrechungen und die Kandidaten hielten sich - zumindest ein wenig mehr - an Regeln und Anstand.

Die Trump-Kampagne brachte ursprünglich ihre Missbilligung über die Ankündigung der Kommission zum Ausdruck, sagte jedoch, der Präsident werde „ungeachtet der in letzter Minute von der voreingenommenen Kommission vorgenommenen Regeländerungen bei ihrem jüngsten Versuch, ihrem favorisierten Kandidaten einen Vorteil zu verschaffen“, weiterhin teilnehmen.

2. Bidens Strategie: Nur keinen Schaden anrichten

Wenn die Umfragen richtig sind, musste Biden die gestrige Debatte nicht gewinnen - er musste sie nur nicht auf peinliche Weise verlieren. Biden hat nun im Durchschnitt der nationalen Umfragen einen Vorsprung von 10 Punkten und führt in allen umkämpften Bundesstaaten mit Ausnahme von Ohio und Texas. Bidens Aufgabe am Donnerstag war es also, diesen Vorsprung zu halten und zu festigen. Seine kompetente und solide Leistung von gestern Abend wird dabei höchstwahrscheinlich hilfreich sein.

Doch trotz der positiven Umfrageergebnisse drängt die Biden-Kampagne ihre Anhänger, nicht selbstgefällig zu werden. Nach 2016 wird den Demokraten in den letzten Wochen einer Präsidentschaftswahlkampagne nichts das Gefühl der Sicherheit vermitteln.

3. Im Mittelpunkt standen wieder die Pandemie und die Wirtschaft

Die Debatte war eine der letzten Gelegenheiten für Biden, Trump in mehreren Themengebieten - einschließlich des Klimawandels - zu klaren Stellungnahmen zu drängen, und für den Präsidenten, seine Positionen dazu zu verteidigen. Da jedoch kein Thema diesen Wahlkampf definiert oder Trump politisch so verletzt hat wie die Pandemie, konzentrierte sich Biden auf die größten Problemfelder des Präsidenten: das Coronavirus und die Wirtschaft. Er nutzte die Debatte im Wesentlichen, um seinen Argumente gegen Trump darzulegen, insbesondere bezüglich seiner mangelhaften Reaktion auf eine Pandemie, die über 220.000 Menschen in den Vereinigten Staaten getötet hat.

Trump, der diesmal die Bühne als jemand betrat, der selbst Coronavirus-Patient war, kämpfte weiter darum, seine Reaktion auf die Krise zu verteidigen, sagte aber nichts Konkretes darüber, wie er die neue Welle bekämpfen will. Er versuchte stattdessen, Angriffe abzuwehren, indem er die gleichen Angriffe gegen seinen Gegner abfeuerte.

4. Kann Trump Schwung zurückgewinnen?

Die Debatte bot Trump die Gelegenheit, vor einem großen Publikum etwas an Schwung zu gewinnen, während er in den Umfragen hinter Biden zurückliegt. Er musste versuchen, das zu erreichen, wozu er bisher nicht in der Lage war: Wählern, die noch unentschlossen sind, einen Grund zu geben, Biden nicht zu unterstützen. Seine Strategie, die Amerikaner gegen Biden aufzubringen, bestand darin, den ehemaligen Vizepräsidenten als einen Sozialisten darzustellen, der die Steuern erhöhen und Amerika unsicher machen wird. Trump brachte auch die Arbeit von Bidens Sohn Hunter Biden im Ausland zur Sprache und erwähnte einen neuen unbegründeten Bericht in der New York Post und ungeprüfte Behauptungen über die finanziellen Transaktionen der Familie Biden.

Trump hatte den Vorteil, dass die Erwartungen an seine Leistung kaum geringer sein konnten, so dass der disziplinierte Auftritt, den er gestern Abend zeigte, wahrscheinlich positive Kritiken erhalten wird. Aber wird das ausreichen, seine Position in den Umfragen zu einem Zeitpunkt zu ändern, an dem bereits Millionen von Amerikanern ihre Stimme abgeben? Wahrscheinlich nicht, aber das bleibt abzuwarten.