"Kurzfristig ein gutes Zeichen"

Unser Korea-Experte Lars-André Richter zur Annäherung von Nord- und Südkorea

Analyse10.01.2018
North and South Korea
Die demilitarisierten Zone von Panmunjeom mit Blick von Süd- nach Nordkorea. Zu sehen sind nord- und südkoreanische Soldaten und ein US-Soldat. Creative Commons Attribution 2.5 Generic / Driedprawns

Dieses Interview mit Christiane Kaess vom Deutschlandfunk erschien erstmals am 9. Januar 2018. ©  Deutschlandradio. Alle Rechte vorbehalten.

Es sei die Frage, wie lange der olympische Friede zwischen Nord- und Südkorea halten werde, sagte Lars-André Richter, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Langfristig könne es substanzielle Verbesserungen im Verhältnis der beiden Länder nur dann geben, wenn Nordkorea von seinem Atom- und Raktenprogramm Abstand nehme.

Christiane Kaess: Eine hochrangige Delegation soll es sein, die Nordkorea zu den Olympischen Winterspielen ins südkoreanische Pyeongchang schicken will. Das ist das Ergebnis des gemeinsamen Friedensgipfels zwischen Vertretern Südkoreas und des politisch isolierten Nordkoreas.

Kurz vor der Sendung habe ich mit Lars-André Richter gesprochen. Er ist der Leiter des Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung im südkoreanischen Seoul. Was genau erhofft man sich in Südkorea von diesen Gesprächen? Das habe ich ihn zuerst gefragt.

Lars-André Richter: Ich denke mir eine friedliche Winterolympiade, und die Chancen darauf scheinen eigentlich auch zu steigen. Es gab ja durchaus in den letzten Wochen und Monaten so ein bisschen die diffuse Sorge, dass es bei Provokationen aus dem Norden jetzt während der Olympiade oder im direkten Vorfeld möglicherweise Delegationen gibt, die absagen, die dann nicht kommen, so dass das Ganze dann möglicherweise einfach doch stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich denke mir, durch diese Gespräche und auch durch die Perspektive, dass eine hochkarätige Delegation aus Nordkorea wirklich zur Olympiade selbst kommt, dass da auf jeden Fall kurzfristig ein gutes Zeichen ist.

Kaess: Und über die Olympiade hinaus, welche Hoffnungen gibt es da?

Richter: Das ist die Frage. Gute Nachrichten jetzt kurzfristig für die nächsten Tage und Wochen, für den Monat Februar und vielleicht auch noch für den März – da sind ja die Paralympics in der zweiten Märzwoche. Ich denke mir, so lange wird es wahrscheinlich ruhig bleiben. Wie lange der olympische Friede halten wird, das ist in der Tat die Frage. Etwas, was ja bei den Gesprächen heute auch Thema gewesen ist, ist eine weitere Familienzusammenführung im zeitlichen Umfeld des chinesischen Neujahrsfestes, des Neujahrsfestes nach dem Mondkalender Mitte Februar. Das ist während der Olympiade. Das ist möglicherweise auch noch ein Ergebnis dieser Gespräche. Aber das ist natürlich auch nur punktuell. Die Frage ist einfach in der Tat, wie geht es dann ab März/April weiter, und da bin ich dann nicht mehr ganz so optimistisch.

Kaess: Da gucken wir gleich noch voraus. – Sagen Sie uns noch gerade, Herr Richter: Was bedeuten diese Familienzusammenführungen für die Menschen vor Ort?

Richter: Das ist immer sehr, sehr emotional. Das findet unregelmäßig statt, immer als Ergebnis von Gesprächen. Das letzte Mal war zum Ende 2015, also vor gut zwei Jahren. Das ist in der Regel nur einen Tag. Dort werden ausgewählte Familien zusammengeführt, Familienteile, die durch die Grenze geteilt sind, aus Nord und Süd. Es ist in der Regel nur einen Tag. Das ist immer sehr, sehr emotional. Menschen, die sich seit Jahrzehnten zum Teil nicht gesehen haben. Aber das ist auch wie gesagt immer nur einmalig und dann geht man wieder auseinander, und das ist dann auch die Tragik dabei.

Kaess: Kann man sagen, wie viele Familien auf der koreanischen Halbinsel von diesen Familientrennungen betroffen sind?

Richter: Das kann ich jetzt so spontan nicht sagen. Aber was die Zusammenführung anbelangt - in der Regel geht es da um 100 Familien. So war es jetzt bei den letzten Malen immer.

Kaess: Jetzt ist bei Ihnen schon ein bisschen Skepsis durchgeklungen über den weiteren Verlauf möglicher Gespräche. Jetzt heißt es im Moment, das ist ein ernsthafter Dialog. Aber ist der nicht tatsächlich langfristig zum Scheitern verurteilt, weil am Ende immer wieder das Atomprogramm Nordkoreas letztendlich doch zur Diskussion steht, und da bleiben die Fronten einfach verhärtet?

Richter: Ich denke, das Atom- und Raketenprogramm ist der Dreh- und Angelpunkt, und solange Nordkorea daran festhält, wird es wahrscheinlich keine substanzielle Verbesserung des Verhältnisses geben, zumal nicht des Verhältnisses zu den USA. Über die haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Südkorea mag unter bestimmten Umständen durchaus bereit sein, einfach weiter zu verhandeln, weiter Gespräche zu führen, das Verhältnis zu normalisieren trotz des Atom- und Raketenprogramms, aber es gibt auch immer noch die USA, die ja mit 30.000 Mann immer noch stationiert sind auf der Halbinsel in Südkorea, auch wenn das, was man aus den USA hört, nicht immer wirklich stringent ist. Auch da gibt es ja durchaus eine Menge Widersprüche zwischen State Departement und Weißem Haus, aber auch innerhalb des Weißen Hauses. Und solange das Atomprogramm nicht aufgegeben wird, denke ich, sind die USA nicht bereit, in substanzielle Verhandlungen einzutreten.

Kaess: Wie sieht Südkorea das? Wie schwierig ist diese Gratwanderung?

Richter: Schwierig. Die gegenwärtige Regierung - das ist ja eine linksprogressive von Präsident Moon Jae-in, der ja im Mai, vor einem guten halben Jahr erst gewählt worden ist, ins Amt gekommen ist -, diese Regierung und dieser Präsident sind eher dialogorientiert. Ich denke schon, man wird diese Gespräche heute und das, was noch folgt, auf jeden Fall mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, denn die Gesprächsangebote, die Moon Jae-in gemacht hat im Laufe der letzten Wochen und Monate, sind ja alle nicht beantwortet worden, jetzt erst durch die Neujahrsansprache. Das ist zweifelsohne ein Etappensieg der Regierung.

Es gibt Umfragen in Südkorea, denen zufolge eine erkennbare Mehrheit der Südkoreaner es begrüßt, dass Nordkorea jetzt möglicherweise an den Winterspielen teilnimmt. Es gibt durchaus eine erkennbare Mehrheit, die ist nicht überwältigend, aber erkennbar, die diesen Kurs des Dialogs stützt und auch der Teilnahme bei den Olympischen Spielen. Die Frage ist wie gesagt nur, ob diese Mehrheit dann nicht bröckelt, wenn möglicherweise doch nach Februar/März es doch wieder zu Provokationen kommt und sozusagen der Alltag wieder Einzug hält hier in das Verhältnis zwischen Nord und Süd.
Kim Jong-Un will möglicherweise Keil zwischen Südkorea und die USA treiben

Kaess: Glauben Sie, Südkorea wäre bereit, das Verhältnis zu den USA aufs Spiel zu setzen, um diese Dialogbereitschaft gegenüber Nordkorea aufrecht zu erhalten?

Richter: Diese Gefahr besteht, gerade unter der jetzigen Regierung. Die Democratic Party, wie gesagt eher linksprogressiv, linksliberal, ist eher amerikaskeptisch als die Konservativen, die nun gerade in der Opposition sind. Diese Gefahr besteht durchaus. Das ist auch etwas, was man in Pjöngjang, was man in Nordkorea, denke ich, sehr genau weiß, und auch wirklich eine Karte, auf die man setzt. Ich denke mir, dieses Gesprächsangebot in der Neujahrsansprache von Kim Jong-Un an Südkorea, jetzt angenommen, hat auch ein bisschen dieses Kalkül, einen Keil zu treiben zwischen Südkorea und die USA. Trump hat zwar jetzt zuletzt gesagt, vor einigen Tagen, er unterstützt diesen Dialog, er unterstützt dieses Gespräch, aber es bleibt auch die Frage, ob diese Unterstützung von Dauer ist.

Kaess: Sie bezeichnen das als Gefahr. Was würde denn passieren, wenn das Verhältnis zu den USA Schaden nimmt wegen Nordkorea?

Richter: Schwierig zu sagen. Wie gesagt, die Amerikaner stehen mit einer großen Zahl von Truppen in Südkorea. Das ist zweifelsohne ein wichtiger Faktor gegenüber dem Norden. Natürlich ist das ein Schutzschild. Wenn dieses Schutzschild weg wäre, wäre es problematisch für Südkorea, und das genau weiß man natürlich auch im Norden und darauf setzt man auch im Norden, dass die Amerikaner möglicherweise irgendwann abziehen. Ich sehe das allerdings nicht, bei allen Diskussionen, die es im Süden darum geben mag, bei allen kritischen, amerikaskeptischen Positionen, aber ich sehe das eigentlich nicht. Ich glaube, kein amerikanischer Präsident könnte es sich leisten, aus regionalen oder auch aus globalpolitischen Gründen aus der Region hier abzuziehen.
China und USA spielen die wichtigste Rolle

Kaess: Zum Schluss noch. Wie wichtig ist neben den USA die restliche internationale Gemeinschaft und insbesondere auch vielleicht die Rolle der EU?

Richter: Ich denke mir schon, der größte und wichtigste Faktor sind die USA und ist natürlich auch China. Die EU spielt, denke ich, keine so große Rolle. Es wird immer wieder darüber gemutmaßt, dass die EU, namentlich auch Deutschland, die Rolle einer Art ehrlichen Maklers spielen könnte. Die EU trägt ja nun, das muss man auch sehen, einerseits die meisten Sanktionen mit, ist alles andere als neutral. Andererseits nehme ich auch wahr, dass man in Pjöngjang der EU gegenüber nicht ganz so feindselig eingestellt ist wie gegenüber den USA. Ich hielte das für eine Möglichkeit, dass die EU sich dort einbringt, die EU als Ganzes oder einzelne EU-Staaten, Deutschland wie gesagt namentlich, auch aufgrund seiner historischen Erfahrung mit Teilung und Überwindung von Teilung, aber das Ganze bleibt schwierig, denke ich.

Kaess: … sagt Lars-André Richter. Er ist Leiter des Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung im südkoreanischen Seoul. Danke für das Gespräch, Herr Richter.

Richter: Danke Ihnen! – Schönen Tag!

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Dr. Lars-André Richter
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