Kunstfreiheit in Gefahr

Nicht der Obrigkeitsstaat, sondern die Gesellschaft selbst ist das Problem

Nachricht02.02.2018Karl-Heinz Paqué
John William Waterhouse: "Hylas und die Nymphen"
John William Waterhouse: "Hylas und die Nymphen" (1896) Manchester Art GalleriesJohn William Waterhouse, via Wikimedia Commons, Manchester Art Galleries

In der Manchester Art Gallery wurde vor wenigen Tagen ein Kunstwerk abgehängt, so berichtet Jürgen Kaube im Feuilleton in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auf der Website des Museums wurde dies als Kunstaktion interpretiert: zum Nachdenken über die viktorianischen Phantasien, denn auf dem 1896 entstandenen Bild von John William Waterhouse sind unbekleidete Nymphen zu sehen, die Hylas in den Tümpel ziehen. Jürgen Kaube überzeugt dies nicht, zumal merkwürdigerweise, wie die FAZ berichtet, auch die Postkarten des Bildes aus dem Museumsladen entfernt wurden. Er kritisiert die Manchester Art Gallery scharf – zu Recht, wie unser stellv. Vorstandsvorsitzender Professor Karl-Heinz Paqué meint. Er sieht die Kunstfreiheit in Gefahr.

Viel von Kunst muss man nicht verstehen, um die Stirn zu runzeln über den jüngsten Vorfall in der renommierten Manchester Art Gallery. Da wird doch tatsächlich ein Bild von seinem angestammten Platz entfernt, um eine kritische Diskussion über die Phantasien des Malers und seiner männlichen Zeitgenossen in Gang zu setzen. Die Symbolik dieses Vorgangs ist nicht zu überbieten: Um Kritik zu ermöglichen, wird das Bild der Betrachtung entzogen.

Genau so funktioniert Zensur: Das Objekt, um das es geht, wird unsichtbar gemacht. Ob es sich um ein Buch, einen Film, ein Bild oder weiß Gott was handelt, ist völlig egal. Immer wird versucht, die umfassende Kenntnisnahme des Objekts zu verhindern. Es ist makaber, genau diesen Vorgang zum Gegenstand einer „Kunstaktion“ zu machen, und man fragt sich, ob die Manchester Art Gallery ihre eigenen Argumente ernst nimmt oder sie nur vorschiebt.

Wie dem auch sei: Es geht um weit mehr als eine komplett misslungene „Kunstaktion“ eines ansonsten angesehenen Hauses. Die Aktion ist nämlich in ihrer Tendenz kein Einzelfall. Überall wird versucht, im Namen einer politischen Korrektheit die Kunst in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Gut ist dabei jene Kunst, die unseren heutigen Moral- und Wertvorstellungen entspricht oder zu entsprechen scheint. Schlecht ist jene Kunst, die das nicht schafft und der ihr künstlerischer Wert abgesprochen wird. Wohlgemerkt: Diese Tendenz beobachten wir nicht nur im anglo-amerikanischen Raum, wo die Meinungsmacht der politischen Korrektheit am stärksten ist, sondern zunehmend auch in Deutschland.

Machen wir uns dabei nichts vor: Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, sind wir auf einem abschüssigen Weg, an dessen Ende jene Unterscheidung steht, die es hierzulande zwischen 1933 und 1945 gegeben hat: zwischen „entarteter“ und „erbaulicher“ Kunst. Dass dies wieder den Kitsch triumphieren lassen würde, versteht sich von selbst, denn sobald alle Entscheidungsträger wissen, dass es nicht klug ist, politisch inkorrekte Kunst auszustellen, wird diese in den Archiven, Kellern und Speichern verschwinden – übrigens ganz ohne den Zwang der öffentlichen Hand, sondern allein durch das willfährige Verhalten von Direktoren und Kuratoren der Museen, die natürlich die Mitarbeiter ihrer Häuser vor gesellschaftlichen Anfeindungen bewahren müssen.

Eine fürchterliche Entwicklung! Und übrigens das Gegenteil dessen, was die deutschen Verfassungsmütter und -väter im Kopf hatten, als sie den Artikel 5 Absatz 3, Satz 1 des Grundgesetzes niederschrieben, der da lautet: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Sie dachten dabei wahrscheinlich an den Schutz der Kunstfreiheit vor dem Obrigkeitsstaat, nicht vor der politischen Korrektheit. Es wird Zeit, die Gefahr dort zu orten, wo sie herkommt: von uns selbst.