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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

Rentensystem
Der demografische Dammbruch

Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft haben weitreichende Folgen. Wir sind in Deutschland darauf nicht vorbereitet - weder bei Renten, noch in Digitalisierung und Klimapolitik.
Karl-Heinz Paqué
© Photo by Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Uwe Sunde, Professor für Bevölkerungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen wichtigen Beitrag über die Folgen des demografischen Wandels für unsere Renten. Seine zentrale Aussage: Unser Rentensystem ist überhaupt nicht auf die drastische Alterung der Gesellschaft vorbereitet. Derzeit läuft die Politik sehenden Auges auf ein gewaltiges Defizit zu. Sobald die starke Generation der Babyboomer - geboren im Zeitraum 1955-70 - in den nächsten 15 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheidet und einer viel kleineren Generation der nach der Jahrtausendwende Geborenen am Arbeitsmarkt Platz macht.

Uwe Sunde hat völlig Recht. Es braucht grundlegende Weichenstellungen im Rentensystem, um unser traditionelles Modell der dynamischen Rente zu retten, ohne die Rentenkassen mit noch mehr als den derzeit üblichen rund 100 Mrd. Euro Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt zu subventionieren. Wir brauchen flexiblere und längere Lebensarbeitszeiten, neue Formen des kapitalgedeckten Sparens, Erweiterung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung u. v. m.

All dies ist bekannt und muss endlich auf die politische Agenda. Die Folgen des demografischen Wandels sind allerdings volkswirtschaftlich noch viel problematischer als allein die „Rentenfrage“ suggeriert. Denn eine alternde (und schrumpfende) Erwerbsbevölkerung hat auch weitreichende Konsequenzen für den Arbeitsmarkt selbst.

Positiv dabei ist allein, dass es wohl sehr leicht wird, Vollbeschäftigung zu erreichen und zu sichern, viel leichter als in der Vergangenheit. Denn qualifizierte Arbeitskräfte und Auszubildende werden schon heute händeringend gesucht - vor allem, aber nicht nur, in den technisch orientierten Berufen. Die Reallöhne werden steigen, und mit ihnen die Attraktivität der Arbeitsplätze und die Motivation der Arbeitnehmer, sich in Schulen und „on the job“ qualifizieren zu lassen. Das ist gut so.

Die negative Kehrseite ist allerdings, dass es überall an Arbeitskräften fehlen wird: von persönlichen Dienstleistungen wie der Gastronomie über das Handwerk bis zur Facharbeit in der Industrie und vor allem in der so wichtigen Forschung und Entwicklung neuer Produkte und Prozesse. Dies kann den Fortschritt der Digitalisierung maßgeblich bremsen - und damit die innovationsgetriebene Zunahme der Arbeitsproduktivität, die das qualitative Wachstum unserer deutschen Volkswirtschaft treibt. Natürlich wird sich dies nicht gleich als bedrohlicher Wachstumseinbruch zeigen, aber es könnte ein schleichender Prozess einsetzen, durch den die deutsche Wirtschaft an Dynamik verliert und spätestens ab den 2030er Jahren systematisch hinter demografisch begünstigtere Nationen wie Großbritannien und die USA zurückfällt.

Dieses Problem wird umso akuter, je mehr die (knappe) Innovationskraft in klimapolitische Initiativen gelenkt wird. Denn so wünschenswert diese auf lange Sicht sind, um als gutes Beispiel zum Erreichen der globalen Klimaziele voranzugehen, so wenig tragen sie direkt positiv zur mittelfristigen Bilanz der Produktivität in unserer Volkswirtschaft bei. Denn klimaneutrale Energie erschließt nicht leistungsfähigere oder preislich günstigere Energiequellen wie im 19. Jahrhundert die Kohle und im 20. Jahrhundert das Öl, sondern sie ersetzt „braune“ durch „grüne“ Quellen. Dies allein schafft keinen Schub der Produktivität, worauf jüngst zu Recht Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in einem Beitrag für das Handelsblatt hingewiesen hat.

Ein solcher Schub ist also, wenn überhaupt, nur durch den technologischen Begleitprozess der Klimapolitik, also die Digitalisierung, zu erwarten. Der wird aber durch die knapper werdende Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften gebremst, also eben durch den demografischen Wandel. Die Lösung kann nur lauten: bessere Bildung, kluge Einwanderungspolitik, mehr Motivation für Frauen, technische Berufe zur Digitalisierung zu wählen. Kurzum: ein umfassendes Programm des innovationsorientierten Strukturwandels. Es wartet auf die neue Regierung.