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Professionell und zivilisiert - Die Pence-Harris-Debatte

VP Debatte
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Patrick Semansky

TV-Debatten unter den Kandidaten für die Vizepräsidentschaft sind bei den US-Präsidentschaftswahlen selten ausschlaggebend, vor allem bei einer so dominanten Präsenz wie der von Donald Trump. In jedem anderen Wahljahr wäre eine Debatte zwischen zwei Vizepräsidentschaftskandidaten kaum mehr als ein Randereignis.

Aber die Debatte zwischen Vizepräsident Mike Pence und Joe Bidens Vize-Kandidatin Senatorin Kamala Harris am Mittwochabend fand mitten in einer Krise statt: ein Präsident, der an einem Virus erkrankt ist, das bereits mehr 210.000 Amerikaner getötet hat. Es gibt viele unbeantwortete Fragen über die Schwere seiner Krankheit, seine Prognose und wann - oder ob - er in der Lage sein wird, in den Wahlkampf zurückzukehren.

Der Covid-Fall des Präsidenten stand folglich im Mittelpunkt. Das galt nicht nur für die Bühnengestaltung - sowohl Pence als auch Harris saßen hinter Plexiglastrennwänden. Auch die Debatte drehte sich hauptsächlich um die Bewältigung der Pandemie und verlief deutlich ruhiger und zivilisierter als die zwischen Trump und Biden in der vergangenen Woche.

Die Wahl ist nun weniger als einen Monat entfernt. Umfragen seit dem Frühsommer haben gezeigt, dass Trump hinter Biden zurückliegt. Hier sind die drei größten Takeaways der Nacht:

1. Coronavirus-Krise stand im Mittelpunkt

Trumps Corona-Erkrankung hat die Debatte der Vizepräsidenten in außergewöhnlichem Maße ins Rampenlicht katapultiert und Druck auf Pence und Harris ausgeübt, dieses Forum zu nutzen, um der besorgten Öffentlichkeit zu versichern, dass sie bereit und qualifiziert sind, gegebenenfalls als Präsident einzuspringen.

Die Diagnose von Trump mit einem potenziell tödlichen Virus - und die Tatsache, dass er 74 Jahre alt ist und sein demokratischer Rivale Biden 77 Jahre alt ist - war während der 90-minütigen Debatte eine deutliche Erinnerung daran, dass entweder Pence oder Harris am Ende selbst Präsident werden könnten. Pence ist 61, Harris ist 55.

Der Druck gestern Abend lag hauptsächlich auf Pence, der gezwungen war, Rechenschaft über den Umgang der Trump-Administration mit einem Virus abzulegen, mit dem inzwischen 7,4 Millionen Amerikaner infiziert sind - darunter der am meisten geschützte Mann des Landes, Trump - und die Verantwortung für sein eigenes Handeln als Leiter des Corona-Taskforce des Weißen Hauses zu übernehmen.

Pence, ein unerschütterlicher Unterstützer des Präsidenten, wiederholte die jüngsten Botschaften des Weißen Hauses, und argumentierte, dass das Virus in Wirklichkeit nicht so ernst sei, dass der Präsident das Virus besiegt habe und dass die Amerikaner in Ruhe ihr Leben weiterleben sollten. So sehr Trump und Pence auch versucht haben, den Wahlkampf über andere Dinge zu führen, so sehr hat sich dieses ganze Wahljahr auf die Führungsqualitäten von Trump während der Pandemie konzentriert.

Die Biden-Kampagne hat lange versucht, das Rennen zu einem Referendum über den Umgang der Trump-Administration mit der Pandemie zu machen. Harris nahm dieses Thema intensiv auf und kritisierte systematisch die Strategie und die Maßnahmen der Regierung..

 

2. Mehr Politik als Beleidigungen

Im Gegensatz zur Debatte der vergangenen Woche, die so wenig von ernsthafter Politik geprägt war, konzentrierte sich diese Debatte stärker auf Themen und Politiken der beiden Parteien.

Pence nutzte die Debattenbühne, um nach Trumps erstem wackeligen Debattenauftritt, der durch ständige Unterbrechungen gekennzeichnet war, die Narrative des Präsidentschaftswahlkampfes zu stabilisieren. Es gab kein besseres Kontrastprogramm zu Trumps chaotischer Leistung als Pence. Er war sehr ruhig und bodenständig. Das dürfte jedoch nicht ausgereicht haben, um der Trump-Pence-Kampagne, die in den Umfragen stets hinter Biden-Harris zurückgeblieben ist, die nötige positive Energie zu verleihen.

Obwohl er sehr konservativ ist - was die Basis anspricht - stehen er und Trump nicht in der Mitte der US-Wählerschaft. Viele Unabhängige und Vorstadtwähler haben Trump während der Trump-Präsidentschaft den Rücken gekehrt. Weder Trump noch Pence haben die Debattenbühne genutzt, um ihre Basis zu erweitern. Stattdessen nutzte Pence seine Zeit, um Harris immer wieder als eine Kandidatin darzustellen, die mit der "radikalen Linken" verbunden ist und versuchen wird, Biden weiter nach links zu ziehen, als es seine derzeitigen öffentlichen Äußerungen suggerieren.

Harris hatte ihre eigene Herausforderung: Sie musste beweisen, dass sie angesichts des Alters von Biden bereit ist, einzuspringen und das Amt des Präsidenten zu übernehmen. Zudem musste sie ihren Beitrag dazu leisten, die Biden-Kampagne zu stärken -  insbesondere in kritischen Wählergruppen, zu denen schwarze Amerikaner, weiße Frauen aus den Vorstädten und Mitglieder der Latino-Gemeinschaft gehören. Sie war in der Lage, ein mutiges moralisches Argument gegen die Trump-Administration vorzubringen und gleichzeitig die Botschaft der Biden-Kampagne klar, eindringlich und glaubwürdig zu artikulieren und ihre eigene Biografie zu verteidigen.

 

3. Angriff kontra Verteidigung

Die Rolle der Vize-Präsidentschaftskandidaten in einer TV-Debatte hat zwei Seiten: Sie müssen die Person an der Spitze ihrer Partei verteidigen und gleichzeitig die Person an der Spitze der Oppositionspartei angreifen. Dabei muss eine feine Balance gefunden werden.

Harris, eine ehemalige Staatsanwältin und Mitglied des Justizausschusses des Senats, stand vor allem vor der Herausforderung, auf dem schmalen Grat zwischen dem Angriff auf Pence und der Politik der Trump-Administration zu wandeln, während sich der Präsident von dem Virus erholt. Für sie war die Debatte eine Gelegenheit, zu zeigen, dass sie Trumps Umgang mit Covid-19 in Frage stellen kann, ohne gegenüber einem Präsidenten, der mit einer potenziell tödlichen Krankheit kämpft, übermäßig aggressiv zu wirken. Es gelang ihr, Wege zu finden, Pence zu attackieren und ihn dazu zu bringen, unbeliebte Trump-Politiken, Positionen und Erklärungen zu verteidigen, ohne Trump selbst intensiv anzugreifen.

Pence, anderseits, stand vor der großen Aufgabe, die letzten vier Jahre von Trump zu verteidigen und die am meisten polarisierenden und unbeliebtesten Positionen von Trump zu unterstützen und sie gleichzeitig vernünftig klingen zu lassen.

 

Johanna Rudorf, regionale Kommunikationsreferentin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Washington, D.C.